Von A wie Adidas bis Z wie Zara bekennen sich heute so gut wie alle großen Konzerne zur „Sozialen Unternehmensverantwortung“, der so genannten „Corporate Social Responsibility“. Abkürzung: CSR. Sie stecken Millionen in Werbekampagnen, die beweisen sollen, dass das eigene Unternehmen zu seiner sozialen und ökologischen Verantwortung steht. Ganze Abteilungen werden beschäftigt, um sich um Menschenrechts- und Umweltangelegenheiten zu kümmern. Da werden Straßenkinder unterstützt, Kinderspielplätze angelegt und manchmal sogar Schulen und Krankenhäuser in ärmeren Ländern gebaut. Große Firmen betonen, „ein verantwortungsbewusster Teil der Gesellschaft“ zu sein, und erklären die „nachhaltige Wirtschaftsweise“ zu ihrem obersten Ziel. Meistens haben sie auch einen „Code of Conduct“, einen Verhaltenskodex. Darin stehen Dinge wie das Bekenntnis zu Arbeits-, Gewerkschafts- und Menschenrechten, zum Umweltschutz und gegen Kinderarbeit. Das klingt gut. Aber was steckt wirklich dahinter? Warum investieren Unternehmen heute Millionen in aufwändige Werbeprospekte und Nachhaltigkeitsberichte, um zu betonen, wie moralisch sie handeln? Die Antwort ist leicht. Durch die freiwillig auferlegte „Unternehmensverantwortung“ wollen Konzerne verhindern, dass man sie mit global gültigen Gesetzen zur Einhaltung menschenrechtlicher Auflagen zwingt. „Wir brauchen keine Gesetze“, argumentieren sie, „wir betreiben CSR.“ Ebenso gut könnte man sagen: „Schaffen wir doch überhaupt alle Gesetze ab. Wir fahren auch freiwillig nicht bei Rot über die Kreuzung und begehen auch keinen Banküberfall.“ Ob das funktionieren würde? Ein anderer Grund liegt bei den KonsumentInnen. Die wollen nämlich heute „mit gutem Gewissen“ einkaufen – und dafür müssen die Konzerne ihr Image aufpolieren. Jeff Ballinger ist einer der ersten, die Ende des zwanzigsten Jahrhunderts globale Konzernverbrechen aufdeckten und an die Öffentlichkeit brachten. Im Oktober 2007 besuchte ich den 53jährigen Amerikaner in seiner Wohnung in Wien. Ich wollte wissen, ob sich seit damals wirklich etwas verbessert hat. „Überhaupt nichts“, sagte der grauhaarige freundliche Mann. „Im Gegenteil: Die Konzerne geben ihr Geld nun für teure CSR-Kampagnen aus, statt endlich faire Löhne zu bezahlen und die Situation in den Produktionsländern zu verbessern. Und für uns ist es schwieriger geworden, diese furchtbaren Zustände zu kritisieren, weil viele KonsumentInnen und Medien den Firmen ihre CSR-Lügen glauben.“ - „Die CSR-Maßnahmen haben unsere Lage sogar noch verschlechtert“, erzählte mir auch eine thailändische Arbeiterin, die Sportbekleidung für große Markenfirmen nähte. „Weil die Konzerne unseren Arbeitgebern für diese Maßnahmen nicht mehr bezahlen, wurden unsere Löhne gekürzt.“ Für einen Sportschuh, der bei uns hundert Euro kostet, erhält eine Näherin in China oder Vietnam rund 40 Cent. „Wenn jede Arbeiterin 75 Cent mehr bekäme, wäre das Problem gelöst“, sagt Jeff Ballinger. „Doch das würde Konzerne wie Nike 210 Millionen Dollar kosten. Stattdessen zahlen sie lieber zehn Millionen, damit ihre CSR-Leute von Konferenz zu Konferenz reisen und ihre Firma als verantwortungsvolles Unternehmen präsentieren können.“ Stellen wir uns vor, ich überfalle einen von euch und raube ihm alles was er hat. Wenn das Verbrechen öffentlich bekannt würde, hätte ich damit zweifellos einen gewissen Imageverlust zu erleiden. Stellen wir uns nun vor, ich zahle meinem Opfer nun mit großzügiger Geste einen Euro - und alle applaudieren. Das, meine Lieben, ist CSR. ******

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Klaus Werner-Lobo ist Autor und Clown. Sein neuestes Buch heißt „Uns gehört die Welt! Macht und Machenschaften der Multis“, seine Website ist unsdiewelt.com