Zum Beispiel Tantal und Bayer

Klaus Werner-Lobo macht Wirtschaft für jetzt.de plastisch. Heute antwortet er auf Kommentare aus dem jetzt-Kosmos und zeigt ein Beispiel für Rohstoff-Raubzüge aus dem Kongo.
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Vergangene Woche habe ich multinationalen Konzernen die Ausbeutung von Menschen -etwa in Afrika - vorgeworfen. Davor sprach ich sogar von „Raubzügen“ – eine Ausdrucksweise, die einige jetzt.de-LeserInnen offenbar als sehr drastisch empfanden. Heute möchte ich dafür ein konkretes Beispiel nennen, das ich selbst recherchiert habe: Ende 2000 veröffentlichten die Vereinten Nationen einen Bericht über den Krieg in der Demokratischen Republik Kongo - mit fünf Millionen Toten in fünf Jahren der größte Konflikt der Welt seit 1945. Laut UNO ging es dabei vor allem um Tantal, ein wertvolles Metall, das unter anderem für die Herstellung von Handys benötigt wird: Unterschiedliche Gruppen kämpften um den Zugang zu den Rohstoffminen und finanzierten ihren Krieg mit Einnahmen aus dem Edelmetall. Ein Teufelskreis.

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Illustration: Julia Schubert

UN-Blauhelme bei ihrem Einsatz im Kongo. Foto: dpa Was die UNO damals nicht wusste: Wer das Metall kaufte und damit den Krieg aufrecht erhielt. Bekannt war nur, dass eine deutsche Firma namens H.C.Starck der weltgrößte Tantalverarbeiter war. Die Firma gehörte bis 2007 dem bekannten Pharmakonzern Bayer (siehe dazu auch cgbnetwork.org ). Weil man mir dort die Bezugsquellen nicht verraten wollte, beschloss ich, mich selbst als korrupter Rohstoffhändler auszugeben. Ich behauptete der Firma und ihren Lieferanten gegenüber, in engem Kontakt zu kongolesischen Rebellen und mafiösen Organisationen zu stehen und deshalb 40 Tonnen Tantalerz (genannt Coltan) zu einem sagenhaft günstigen Preis liefern zu können. Der Konzern stieg auf mein unmoralisches Angebot ein, obwohl der Firmenleitung zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt war, dass der Tantalhandel nicht nur den Krieg im Kongo, sondern auch furchtbare Gräueltaten durch meine angeblichen Geschäftspartner finanzierte. Ich reiste dann selbst an die Kriegsfront, um dort nicht nur mit den Rebellenchefs zu sprechen, sondern auch mit Männern, Frauen und Kindern, die in den Rohstoffminen zum Teil zu Tode geschunden, vergewaltigt oder sonstwie gequält und ausgebeutet wurden. Danach lernte ich sogar den Hauptlieferanten des Bayer-Konzerns kennen, der mir bestätigte, dass das deutsche Unternehmen jahrelang der größte Abnehmer – also de facto der Hauptfinancier des Krieges – gewesen war. Bayer dementierte die Vorwürfe natürlich aufs Heftigste – sogar noch, nachdem auch die Vereinten Nationen dem Konzern den illegalen Handel mit kongolesischen Rohstoffen vorwarfen und damit meine Recherchen bestätigten. Erst viel später gab man halbherzige Erklärungen ab, von nun an keine Kriegsrohstoffe mehr importieren zu wollen, und schließlich wurde H.C.Starck an einen amerikanischen Finanzinvestor verkauft. Eine Entschuldigung oder gar eine Entschädigung an die Hunderttausenden Opfer von Bayers Profitgier gab es nie. Das ist nur eines von vielen Beispielen, die ich über die Machenschaften korrupter Konzerne recherchiert habe. Ist es wirklich übertrieben, hier von Raubzügen zu sprechen? In den Geschichtsbüchern liest man von den Raubzügen, die König Leopold II im 19. Jahrhundert im Kongo veranstaltete - obwohl er niemals einen Fuß dorthin gesetzt hat. Der belgische Monarch betrachtete das afrikanische Riesenland als sein Privateigentum und profitierte von der Kautschukausbeutung. Die Folge: Millionen tote Kongolesinnen und Kongolesen. Die Chefs und die meisten AktionärInnen von Bayer waren vermutlich auch noch nie im Kongo, aber sie profitieren von der Tantalausbeutung. Auch hier: Millionen tote Kongolesinnen und Kongolesen. Was also ist der Unterschied zwischen den finsteren Zeiten von Kolonialisierung und Sklaverei des 19. und der neoliberalen Globalisierung des 21. Jahrhunderts? Damals konnte jeder, der es wissen wollte, von den Raubzügen Leopolds und anderer skrupelloser Kolonialherren erfahren. Heute muss ich mich als Journalist an den Rand der Illegalität begeben, um überhaupt nachweisen zu können, woher ein multinationales Unternehmen seine Rohstoffe bezieht. Der globalisierte Kapitalismus ist also nur anonymer und schneller geworden. Warum das so sein muss, werde ich nächstesmal zu erklären versuchen.

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Illustration: Julia Schubert

Klaus Werner-Lobo ist Autor und Clown. Sein neuestes Buch heißt „Uns gehört die Welt! Macht und Machenschaften der Multis“, seine Website ist unsdiewelt.com

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