Zwei Bücher (9): Das Wir erzählt

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Karen Köhler wurde 1974 in Hamburg geboren. Sie wollte Kosmonautin werden, hat Fallschirmspringen gelernt und studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Bern. Nach einigen Jahren in Festengagements als Schauspielerin lebt sie heute als Autorin und Illustratorin in Hamburg auf St. Pauli. Sie erhielt verschiedene Preise, unter anderem 2011 den Hamburger Literaturförderpreis. Diese Woche ist ihr erstes Buch, der Erzählband “Wir haben Raketen geangelt“ im Hanser Verlag erschienen.

Teil 1: Die Neuerscheinung

Saša Stanišić: Vor dem Fest 

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Illustration: Julia Schubert


jetzt.de: Alle finden dieses Buch gut! Nachdem es schon mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden ist, hat es „Vor dem Fest“ jetzt sogar noch auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Was können wir den ganzen Hymnen denn noch hinzufügen?
Karen Köhler: Ich habe im Vorfeld mit Absicht gar nicht so viel über das Buch gelesen. Natürlich habe ich trotzdem mitbekommen, dass „Vor dem Fest“ sehr positiv aufgenommen wurde, wollte mir aber beim Lesen eine eigene Meinung bilden können. Und die ist jetzt auch sehr positiv.

Warum?
Ich vertraue mich Saša als Leserin gerne an, weil er eine gute Art hat, mich mit Humor verschiedene Figuren begleiten zu lassen. Ich mochte die vielen sprachlichen Spielereien, die er sich erlaubt.

Schon die Erzählperspektive ist die Grundlage für alle anderen Spielereien: Es wird aus der Perspektive eines fiktiven Dorfes in der Uckermark von einem „Wir“ erzählt.
Genau, und das Besondere ist, dass dieses Wir funktioniert wie der Chor in einer griechischen Tragödie. Das Wir weiß alles, ist aber nicht das Dorf jetzt und heute, sondern das Dorf in seiner Gesamtheit als Historie. Es ist ein Schwarm aus allem, was das Dorf je gewesen sein kann.

Und es kommentiert das Geschehen auch wie ein griechischer Chor.
Ja, genau. Manchmal treten zum Beispiel zwei Protagonisten aus dem Wir und reden über eine andere Figur, scheinbar außerhalb des Schwarms. Aber dann kommen doch immer wieder kleine Sätze, die diese Szenen annektieren: Auch das ist Wir.

All das spielt in der Nacht vor dem Annenfest.
Und dieses Fest hat eine große Geschichte im Dorf. Ich stelle es mir vor als Kombination aus einer mystischen, heidnischen Tradition, wie die Sonnenwendfeier, und etwas komplett Banalem, einem Schützenfest zum Beispiel. Die Bäckerei macht die Brötchen, der Schlachter liefert mal wieder zwei Schweine und alle hoffen, dass es besser wird als letztes Jahr. Parallel wird Vergangenes erzählt, wie vor dreißig Jahren der eine Mann diese eine Frau zum Tanzen aufgefordert hat.  

Ich hatte das Gefühl, Tradition wird in diesem Buch zu etwas Konkretem.
Ja, in diesem Fest und in der Veränderung der Zeit spiegeln sich das ganze Dorf und die Erzählperspektive wider. So wie das Fest einer Zeit unterworfen ist, ist auch das Dorf und das erzählerische Wir einer Zeit unterworfen, die durch alles durchströmt. Überhaupt: Es sind viele Themen in diesem Roman verborgen. In einer Szene wird die zugezogene Malerin, die das Dorfleben in ihren Gemälden dokumentiert, von einem Reporter gefragt, warum sie keine Bilder von ihrer eigentlichen Heimat malt. Und sie sagt: „Das hier ist meine Heimat!“ Am Ende hat sogar der Journalist gelernt, dass Heimat ein Begriff ist, den man ständig neu überdenken muss, dass Heimat eher etwas Inneres ist.

Im Buch wird der Handlungsstrang immer wieder unterbrochen, von Einschüben, die wie alte Sagen klingen und die Geschichte des Dorfes erzählen. Immer in einer an die jeweilige Zeit angepassten Sprache. Ich gestehe: Ich habe diese Stellen oft überblättert.
Du Schuft! (lacht) Ich kann verstehen, dass man die Anpassung des Stils an die jeweilige Zeit als Manierismus oder effekthascherisches Element lesen kann, aber mir ist es nicht so gegangen. Ich beschäftige mich aber auch gerne damit, wie Worte sich verändern.

Die Geschichte des Dorfes als Geschichte des Sprachwandels?
Ja, der gezeigte Sprachwandel ist hier ein weiteres Mittel dafür, innerhalb des Romans an die Historie zu erinnern. Sie sagt uns, dass das, was wir jetzt leben, nur aufgrund einer Geschichte existiert. Das ist doch schön!  

Saša Stanišić: Vor dem Fest, Luchterhand Literaturverlag, München 2014, 320 Seiten, 19,99 Euro.


Teil 2: Das Lieblingsbuch

Agota Kristof: Das große Heft

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Illustration: Julia Schubert


Es gibt eine Sache, die die beiden Bücher, die du ausgewählt hast, verbindet: Auch in „Das große Heft“ erzählt ein Wir. Wer ist das denn hier?
Es erzählt ein Zwillingsbrüderpaar. Zwei Jungen, die nicht getrennt werden wollen und können. Bei dem Versuch, sie zu trennen, sind beide sofort krank geworden. Sie sind also so miteinander verschmolzen, dass sie sich als Wir empfinden und auch als Wir erzählen. Sie schreiben in ein großes Heft, was sie erleben, und die Wiedergabe dieses Heftes ist der Roman.

Das ganze spielt in einem von den Deutschen besetzen Land im Osten gegen Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Mutter der Zwillinge bringt ihre Söhne aus der Stadt aufs Land zu ihrer Großmutter, weil sie sie nicht mehr ernähren kann. Es ist eine Erzählung über Selbstbehauptung in einer Krisensituation.
Genau, es wird zwar nie gesagt: „Wir sind in der Besatzungszone der Deutschen“ oder: „Es ist der Zweite Weltkrieg“ oder: „Die Menschen, die da deportiert werden, das sind die Juden“. Alles wird bewusst im Unbenannten oder Universellen belassen, was mir gut gefällt. Und durch die Perspektive und die Auslassungen ist es Agota Kristof gelungen, das Monster und das Ausmaß des Krieges und was er mit dem Menschen macht, schonungslos aufzufächern. Diese dokumentarische  Art, wie die Beiden ihr Lebensumfeld beschreiben, frei von eigenen Gefühlen, beobachtend und kaum wertend, führt einen so nah an diesen Abgrund. Sie beschreiben, wie sich ein Wehrmachtsoffizier von ihnen auspeitschen lässt, so wie man auch ein Frühstück beschreiben könnte.

Das können sie aber nur, weil sie einen eigenen moralischen Kodex entwickeln, ihr eigenes Kriegsrecht, das eigentlich eine Überlebensstrategie ist.
Ja, die Magd des Pfarrers bringen sie um, nachdem sie mit ihr zusammen einem dieser Todesmärsche begegnet sind, der durch das Dorf kommt. Die Deportierten betteln nach Brot und die Magd hält ihnen ein Stück hin, um es sich dann selbst in den Mund zu stecken. Die Ermordung der Magd ist ihre moralisch gerechtfertigte Antwort auf dieses Verhalten.     

Sie gehen über Leichen, bewahren sich aber trotzdem ihre Würde und kommen letztlich unbescholten aus der ganzen Sache raus.
Ja, sich brechen Gesetze, sie verüben Anschläge, aber sie helfen auch einem bedürftigen Kind und dessen Mutter, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Sie bringen nicht nur Feuerholz, sondern bringen den beiden Fremden auch bei, wie man Gemüsebeete anlegt. Es ist Hilfe zur Selbsthilfe aus einem tiefen Mitgefühl heraus.

Wenn ich in einem Klappentext „Zweiter Weltkrieg“ lese, muss ich eigentlich immer gähnen. Dieses Buch mag ich aber und behaupte, es gefällt auch allen Lesern, die eigentlich genug von dem Thema haben. Warum ist das so?
Ich glaube, weil Agota Kristof alles erschafft aus nichts. Sie bringt einen dazu, die Bilder zu sehen, ohne dass sie sie aufschreibt. „Das große Heft“ ist eine Universalerzählung darüber, was Moral ist, ob Moral an Gesetze geknüpft ist und wenn ja, an welche. Es fragt: Was ist Menschlichkeit? Ein großes Buch.  

Agota Kristof: Das große Heft, Piper Verlag, München 2013, 176 Seiten, 8,99 Euro.


Text: dorian-steinhoff - Foto: Julia Klug

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