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"Trennt ihr euch jetzt?"

Dass ein Mann für eine Frau die Stadt wechselt, scheint 2017 immer noch ein großes Ding zu sein. Was soll das?
Von Charlotte Haunhorst
  • frau zieht um lucia goetz
    Illustration: Lucia Götz

„Trennt ihr euch jetzt?“ Ich verschlucke mich fast an meinem Käsebrötchen, als mein Opa diese Frage am Frühstückstisch stellt. Eine einfache Frage, jedoch völlig ausreichend, um meine Stimmung für die kommenden Wochen in den Keller zu befördern. Weil eben nicht die erste Bemerkung in diese Richtung. „Das ist jetzt aber echt hart für deinen Freund“, hatten sie gesagt, oder: „Und du pendelst jetzt?“ Aber die wohl allernormalste aller Fragen bei einem Paar, das schon lange zusammen ist und es auch bleiben möchte, die hatte mir bisher keiner gestellt: "Kommt er mit?"

 

Dabei dachte ich eigentlich, ich hätte gute Neuigkeiten an diesem Sonntagmorgen: Ich war befördert worden. Unbefristete Festanstellung , 30 Tage Urlaub, keine Probezeit. Alles Dinge, die man in einer Beamtenfamilie wie meiner, wo die Wortfolge „Tarifvertrag Öffentlicher Dienst“ beim Sprechen lernen ganz knapp hinter „Mama“ und „Tut-tut“ folgt, eigentlich geschätzt werden sollten. Dass der Job in München wäre und ich mit meinem Freund zu diesem Zeitpunkt in Berlin lebte –  nebensächlich. Das ist ja der Vorteil, wenn man nicht verbeamtet ist: mein Freund würde einfach nachkommen können. Kein großes Ding im Jahr 2017. Dachte ich.

Tatsächlich ist es aber doch ein Ding. Und das verwundert mich. Umso mehr, wenn ich daran denke, wie Diskussionen im Freundeskreis und der Familie im umgekehrten Fall verliefen: Wenn er für einen Jobwechsel die Stadt verlässt.

 

Ein Freund bekommt ein Angebot im Silicon Valley – „Geht sie mit?“.  Ein anderer geht für die Arztausbildung in die Schweiz – „Geht sie mit?“. Ein dritter wechselt von Berlin nach Hamburg – „Oh, dann muss sie wohl jetzt pendeln.“ Wenn eine Frau allerdings für einen besseren Job umzieht, scheint das alles nicht mehr zu gelten. Warum ist das so?

 

Für die Generation meines Großvaters kann ich das noch einigermaßen erklären: Er wird dieses Jahr 80, hat selbst ein Leben lang das Modell "Mann ist Ernährer Frau ist Mutter" gelebt. Wenn er fragt "Trennt ihr euch?", schwingt da auch mit: Wird dein Freund sich jetzt eine andere suchen, weil du so fordernd bist? Und wenn ja – wer versorgt dich denn dann? Um Gottes Willen! Tatsächlich wirkte er in Anbetracht der Neuigkeiten richtig aufgewühlt, warf mir immer wieder sorgenvolle Blicke über seine dicken Brillengläser zu. Mein Opa hat einfach den Anschluss an eine Welt verpasst, in der Frauen genau so wie Männer Karriere machen können und wollen. Das kann man doof finden – ändern wird man es wahrscheinlich nicht mehr.

 

Was mich schon sehr viel mehr ärgert, sind die Gleichaltrigen, die einen hinterherziehenden Mann immer noch kurios finden. Weil es zeigt, dass das, was wir immer als Ideal predigen – Chancengleichheit, Gleichberechtigung – nicht wirklich in ihren Köpfen angekommen ist. Dass die Frau, die hinter dem Mann zurücksteckt, der Regelfall ist, alles andere die Ausnahme, die beklatscht und auch ein bisschen skeptisch beäugt werden sollte. Bei der Vorstellung, wie viele Frauen so ein Jobangebot wohl abgelehnt hätten aus Angst, ihren Partner dadurch zu verlieren, wird mir ganz schwindelig.

 

Was mich dann wirklich fuchsteufelswild macht, sind die gleichaltrigen Frauen, die diese Sprüche bringen. Weil da hinter dann leider doch diese perfide "Bleib auf sicherem Terrain, dein Typ wird es notfalls schon für euch beide regeln"-Logik mitschwingt. Und das ist gefährlich. Nicht nur für uns selbst, die dadurch wieder so tun, als müsse man sich im Leben zwischen Liebe oder Karriere entscheiden, obwohl im Jahr 2017 doch beides möglich sein sollte. Sondern auch für die Generationen nach uns. Wie sollen wir denen ein gutes Vorbild beim Thema gleichberechtigte Partnerschaft sein, wenn wir es selbst nicht leben? Wenn unsere Kompromisse daraus bestehen, dass nur die Frauen sie eingehen?

 

Es gibt bei der ganzen Debatte aber auch eine Sache, die mich überrascht hat. Nämlich die Männer – ja, die abgesehen von meinem Großvater. Als ich denen nämlich von dem Jobangebot erzählt habe, haben von meinen Brüdern bis hin zu älteren Kollegen und Büroleitern fast alle gesagt: Das musst du machen. Und: Du und dein Freund, ihr kriegt das schon hin. Muss er dir halt entgegen kommen.

 

Vielleicht stimmt es also doch: Der wahre Schlüssel zur Gleichberechtigung ist, mehr wie ein Mann zu denken. 

 

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