Wir Schwarzen Frauen sollten aufhören, immer stark sein zu wollen

Denn diese Zuschreibung kann empowern – ist aber auch gefährlich.
Von Ciani-Sophia Hoeder, RosaMag
rosamag starke schwarze frauen cover

Schwarze Frauen sollen immer stark sein – das muss sich ändern.

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke / Fotos: Gonzalo Fuentes/Reuters / Rob Grabowski/InvisionAP / Kerim Okten/dpa

„Du siehst wie ein Mann aus. Also, wegen deiner Muskeln“, musste Isabella schon hören. „Ich werde oft mit Männern verglichen. Ein Wildfremder ging so weit, dass er mich mit einem berühmten Fußballspieler gleichstellte“, schrieb uns Marie. „Mannsweib“ war ein Titel, über den Liza aus München beruflich sowie privat häufiger stolpern musste. Diese drei Frauen sind nicht die Einzigen. Florence Kasumba wird in den Kommentarspalten nach der ersten Tatort-Folge als Mann bezeichnet, Michelle Obama und die Williams Schwestern sowieso. Schwarzen Frauen werden oft Eigenschaften zugeschrieben, die als männlich gelten. 

„Eigentlich war es schon immer so“ – so lautete die Antwort von Liza, als ich sie fragte, ab wann sie mit einem Mann verglichen wurde. Auf dem Land in Bayern aufgewachsen, sollte Liza die gleiche Arbeit wie ihre Brüder erledigen. „Ich bin relativ groß. 1,80 Meter. Meine Mutter sagte mir immer, dass ich wie mein Vater aussehe. Meine Augen seien männlich und mein Körper auch. Ich musste Holz hacken wie meine Brüder oder Erdsäcke gefüllt mit 20 Litern Sand schleppen. Wenn ich nach dem Grund fragte, lautete die Antwort immer: Du bist doch groß und stark, das kannst du  abhaben!“ Als Liza einmal später im Berufsleben mit einem Kollegen in der Mittagspause zusammensaß, der entspannt durch ein Magazin blätterte, Serena Williams Beine entdeckte und mit dem Satz kommentierte: „Die hat ja Schenkel wie ein Ochse! Das sind ja Fleischberge!“, platzte Liza der Kragen. „Mir blieb mein Mittagessen im Hals stecken.“ Sie machte ihm klar, dass Serena Williams eine Athletin ist und wie dehumanisierend seine Aussage sei.

Wir halten überholte Mythen aufrecht – aus vermeintlichem Empowerment

Durch die globalen Medien und den eurozentrischen Schönheitsstandard werden weiße Frauen meist als weicher, hübscher und sanfter dargestellt, während Schwarze Frauen oft als frech, laut, herrschsüchtig und wütend darstellt werden, so Naa Oyo A. Kwate und Shatema Threadcraft in ihrer wissenschaftlichen Arbeit: „Perceiving the Black female body: Race and gender in police constructions of body weight“.

Unter den RosaMag-Leser*innen haben wir nachgefragt, wie häufig sie sich maskulinen Zuschreibungen stellen müssen. Das Ergebnis zeigt, dass es lediglich für die Hälfte ein Thema ist. Ein Blick in die USA zeigt deutlich, dass die berühmten Schwarzen Frauen, die medial männliche Vergleiche erhalten – wie zum Beispiel Viola Davis, Michelle Obama oder Angela Bassett, um nur drei Beispiele zu nennen, meist dark-skinned Frauen sind. Die Erlebnisse der Schwarzen Frauen unterscheiden sich auch aufgrund von Colorism. Dabei werden Schwarze Menschen mit hellerem Hautton favorisiert und Menschen mit dunklerer Haut diskriminiert. Die 37-jährige Liza ist überzeugt: „Unterm Strich hält sich nach wie vor der Mythos, dass Schwarze Frauen wild sind, etwas Kriegerisches und Animalisches an sich haben.“ Ähnlich argumentiert Renée Cherez auf Medium. Versklavte Schwarze Frauen waren oft nackt, was zu ihrer Entmenschlichung beitrug und ihnen jegliche Weiblichkeit nahm, während weiße Frauen von Kopf bis Fuß bekleidet waren, um sich ihres Adels und ihrer Weiblichkeit zu versichern. Also alles nur eine Frage unserer Historie und verstaubtes Schubladendenken, das unsere heutige Generation weiterhin verfolgt? Nicht nur. Wir halten solche Mythen teilweise aufrecht – aus vermeintlichem Empowerment.

„Als Schwarze Frau wird man entweder übersexualisiert oder als etwas zu maskulin angesehen. Mich wundert es immer wieder, was für eine riesige Projektionsfläche unsere Körper und unsere Leben sind“, so unsere RosaMag-Kollegin Sandra, die noch einen Schritt weiter geht: „Mir fällt auf, wie sehr das die Selbstdefinition von Schwarzen Frauen erschwert. Gleichzeitig reagiert das Umfeld empört, verärgert und beratungsresistent, wenn wir uns selbst definieren. Weil wir dann als Spielplatz für Sehnsüchte, Träume, Illusionen und Barrieren nicht mehr verfügbar sind. Da stürzen dann Weltbilder ein.“ Also ist es nicht nur die lange kolonialistische und rassistische Historie, die Schwarze Frauen weiter verfolgt, sondern auch noch der Umstand, dass die Emanzipation von Stereotypen nicht gern gesehen wird?

„Wenn ich an meine Erfahrungen aus den USA und der Karibik zurückdenke, waren Schwarze Frauen meist da. Sie haben die Verantwortung übernehmen müssen. Kinder erziehen, arbeiten, alles zusammenhalten, da waren Schwarze Männer einfach nicht im Bild“, so Liza. Worte wie „stark“ und „hart“ werden verwendet, um uns als Schwarze Frauen zu beschreiben. Die Journalistin Cherez ist überzeugt, dass sie uns mehr schaden, als dass sie uns guttun. Besonders, wenn wir an die Folgen dieses Stigmas denken, wie strukturellen medizinischen Rassismus – die Annahme, dass Schwarze Frauen robuster seien, mehr aushalten würden und somit auch immer wieder falsch medikamentiert werden.

Der Mythos der „starken Schwarzen Frau“ gibt uns nicht nur Kraft, sondern raubt sie uns auch

„Erst letztens habe ich den Spruch ,You're Black and Strong‘ auf Instagram entdeckt. Es ist auch so. Schwarze Frauen müssen so viel durchstehen. Manchmal denke ich, dass wir wirklich stärker sind“, sagt Liza. Ihr gebe das Kraft. Eine verzwickte Lage. Einerseits sagt Liza, dass die Stereotype und die maskulinen Attribute, die sie abbekommen muss, ihren Alltag erschweren, auf der anderen Seite sieht sie die Vorteile: Sie wird ernst genommen, Diskurse sind schnell beendet, Leute legen sich nicht mit ihr an. Aktuelle Statistiken aus den USA zeigen auch: Schwarze Frauen sind die überzeugendsten Führungskräfte – wenn sie einmal in diese Position gelangen. Doch Monika aus unserem Team sieht das Black Superwoman Syndrom etwas kritisch: „Dadurch, dass uns Verletzlichkeit abgesprochen wird und wir das stolz für uns als ,Black Superwoman‘ claimen, bedienen wir dieses Bild, halten es aufrecht und am Leben. Das macht uns krank.“ Wir erzählen diese Geschichten, die unreflektiert bleiben, weil wir uns über die Identifikation mit ihnen toll, wertvoll, zugehörig und authentisch fühlen.

Der Mythos der „starken Schwarzen Frau“ gibt uns Schwarzen Frauen nicht nur Kraft, sondern raubt sie uns auch. Solange wir lieber die Superwoman feiern, als diejenige, die auch zur Therapie geht, müde, ausgebrannt und einfach fertig ist, schneiden wir uns letztlich ins eigene Fleisch. Schwarze Frauen sind extra stark, das stimmt. Dabei sollte das Ziel sein, dass wir endlich auch durchschnittlich sein können. Wir müssen unsere Verletzlichkeit genauso feiern wie unser Hustlertum.

*Dieser Text ist zuerst bei RosaMag erschienen, mit dem die jetzt-Redaktion kooperiert. RosaMag ist das erste Online-Lifestylemagazin für Schwarze Frauen und Freund*innen. Und das ist wichtig, denn: Es gibt drei Magazine über Weihnachtsbäume, zwei über UFOS und ZERO über das Leben, die Gedanken und Perspektiven von Schwarzen Frauen im deutschsprachigen Raum. Bis jetzt. Das afrodeutsche Journalistinnen-Kollektiv informiert, inspiriert und empowert.

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