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Kann die Monogamie weg?

Ein Essay über Menschen, die freier lieben.
Von Friedemann Karig
  • polyamore
    Illustration: Federico Delfrati

Livia und Thomas sitzen am Küchentisch. Es gibt russischen Zupfkuchen. Vor ihrem Reihenhaus steht ein VW Polo. Während sie mir ihre Liebesgeschichte erzählen, wird es langsam dunkel. In manchen Nächten ist Livia nicht hier. Sondern in der Stadt. Trifft andere Männer. Küsst sie. Geht mit ihnen ins Bett. Wie ein Single eben. Und Thomas? Ist zu Hause. Aber nicht eifersüchtig. Warum auch? Er weiß ja alles. Manchmal schläft er nicht gut, wenn sie weg ist. Nicht aus Sorge. Sondern, weil seine Frau nicht da ist. Wenn sie heimkommt, wacht er auf. Manchmal schlafen sie dann miteinander.

„Das macht es auch zwischen uns spannender", sagt Livia.

„Man sieht sich wieder durch die Augen eines Fremden", sagt Thomas.

 

Sie sind glücklich. Seit fünfzehn Jahren. Zu zweit. Manchmal zu dritt. Und ich frage mich an ihrem Küchentisch: Machen sie alles richtig? Oder doch alles falsch? Sind die verrückt – oder wir? Und was kann man von ihnen lernen?

Dafür habe ich mit vielen Paaren wie Livia und Thomas gesprochen. Menschen, die Treue anders definieren. Lehrerinnen und Ingenieure und Tänzer und Studenten. Manche davon sind 20, manche fast 50 Jahre alt. Manche sind erst kurz zusammen, andere schon 15 Jahre. Manche brechen in kurzen Abenteuern aus ihrem vertrauten Liebesleben aus. Sie nennen ihre Beziehung „offen". Andere leben dauerhaft Dreiecks-Konstellationen. Sie bezeichnen sich als „polyamor“, viel-liebend. Manche vermeiden alle Etiketten.  

 

Eines aber haben sie alle gemein: Sie sind glücklich miteinander. Zumindest meistens. Genau wie in „normalen“ Partnerschaften führen sie mehr oder weniger feste, stabile Beziehungen. Aber eben ohne Dritte grundsätzlich auszuschließen. Obwohl sie sich lieben? Oder gerade weil sie sich lieben? „Wenn du wirklich aneinander glaubst, ist diese schonungslose Offenheit die höchste Form der Liebe“, sagt einer von ihnen. Hat er Recht?

 

I. Tote Hose

 

Die Monogamie ist, was die nackten Zahlen angeht, ein Desaster. Fast jede zweite Ehe in Deutschland wird geschieden, Tendenz steigend. Unsere Beziehungen halten durchschnittlich vier Jahre. Rund die Hälfte der erwachsenen Deutschen ist schon einmal fremdgegangen. Affären sind der häufigste Grund für Scheidungen. Kein Wunder: Ihre sexuellen Wünsche sehen über die Hälfte in ihrer Partnerschaft nicht erfüllt. Monogamer Alltag ist: Lügen, betrügen, verletzen, verlassen.

„Die Scheidungsraten in dieser Welt hätten", schreibt die Autorin Anne Waak, „angewendet auf die kommerzielle Luftfahrt, schon lange zur Abschaffung derselben geführt." Doch ein Scheitern in der Liebe gilt uns als individuelles Versagen. Oder Schicksal. Und damit als ganz normale Sache. Obwohl sie vielen die furchtbarsten Schmerzen bereitet. Und obwohl wir alle die Halbwertszeit der Erotik kennen.  

 

Erst verlieben wir uns Hals über Kopf. Für einige Wochen oder Monate sind wir völlig berauscht. Ein Cocktail aus Glücksstoffen macht uns unzurechnungsfähig. Münder sind nur noch zum Küssen da. Hände nur noch zum Anfassen. Betten nicht mehr zum Schlafen. Wenn wir zu zweit funktionieren, geht dieser Ausnahmezustand in eine „feste Beziehung“ über. Doch früher oder später sinkt der Dopamin-Ausschuss. Der Rausch klingt ab. Es übernimmt das Nähe-Hormon Oxytocin. Wir wollen einander nahe sein – aber nicht mehr ständig zusammen nackt. Nach ein paar Jahren verlieren wir das sexuelle Interesse an unseren Partnern. Nicht die Liebe geht zurück. „Nur“ die rein körperliche Anziehung. Ob es die Gewohnheit, der Stress, die Kinder oder alles zusammen ist – völlig egal. Jeder Zauber hat ein Verfallsdatum. Und dann?

 

In Jonathan Safran Foers neuestem Roman „Hier bin ich“ zerbricht über knapp 600 Seiten eine nahezu ideale Ehe letztlich an der Unfähigkeit der Partner, den ausbleibenden Sex zu thematisieren. Körperliche Nähe findet nur noch im Konjunktiv statt. Jacob, der Mann, ventiliert seinen angestauten Trieb in obszöne SMS ("Du sollst um meinen Schwanz betteln!") an eine andere Frau. Julia deutet die Anziehungskraft eines Bekannten als Ende ihrer Liebe zu Jacob. Am Ende steht eine zerstörte Familie.

 

Safran Foers Paar ist ein Stereotyp. Der ausbleibende Sex, der fast logisch folgende Seitensprung, die kaputte Ehe – es sind Standard-Situationen unserer Beziehungen. Unzählige Male in Zeitschriften und Filmen und Büchern, mit Freunden und Fremden besprochen. Auch unter den offen Liebenden.

 

„Mit anderen Menschen zu schlafen", sagte mir ein offen Liebender, „macht, dass du dich attraktiver fühlst. Und diese sexuelle Kraft bringst du wieder in die Beziehung ein."

„Das wirkt besonders, wenn man plötzlich Mutter und Vater ist", findet seine Freundin, mit der er zwei kleine Söhne hat. „Da spricht man ja nur noch über Wäsche und Windeln. Und sagt nicht mehr: Los, zieh dich aus!"

 

Natürlich: Es gibt sie, die große Liebe. Es gibt die Paare, die sich nach zehn und zwanzig und dreißig Jahren immer wieder neu entdecken, auch körperlich. Es gibt sie, die goldenen Hochzeiten, auf denen miteinander grau gewordene Liebespaare Händchen halten. Ich habe eine erlebt. Meine Großeltern waren über 70 Jahre zusammen. Bis sie starben.

 

Viele Menschen sind glücklich in der Zweisamkeit. Viele verzichten gerne für ihren Partner auf die Abenteuer. Sie wissen: Nichts ist größer als wahre Liebe, gewachsen und gefestigt. Das „hidden level“ einer Beziehung, wie der Autor Malte Wedding es nennt, diese einzigartige Sicherheit, dass der andere zu einem steht, egal was passiert, erreicht man nur, wenn man sich auch angeschrien, angeödet – und doch immer wieder angenähert hat.

 

Aber wie oft erleben wir eine solche Symbiose? Und vor allem wie lange? Unsere Beziehungsbiografien sind – man bemerke das Vokabular – voll von „Arbeit“ an der Beziehung, Paar-„Therapie“, Scheidungs-“Krieg“. Wenn wir Menschen von Natur aus zu zweit zusammengehören, was machen dann all jene falsch, die damit nicht zufrieden sind?

 

Von diesen Fragen leben unzählige Therapeuten, Coaches, Autorinnen, Experten, Forscherinnen. Und immer geht es um den Schmerz, den man aushalten müsse. „Warum Liebe weh tut“ nannte die israelische Soziologin Eva Illouz ihr brillantes Werk über das Unglück unserer Beziehungen. Sie beschreibt darin das große Problem des Individuums in der Moderne: Keine gesellschaftlichen Regeln, keine Klassenzugehörigkeit, keine Traditionen und Religionen geben mir mehr vor, wie ich zu sein habe. Sondern ein komplexes System aus sozialer Resonanz. Einen Großteil unseres Selbstwertes zieht der moderne Mensch aus seinen Beziehungen.

 

Daher auch die teilweise ins obsessive kippende Eifersucht. Denn wer betrogen wird, ist offiziell am wichtigsten Anspruch unserer Zeit gescheitert: Ein liebenswertes, begehrtes Individuum zu sein. Diese Fallhöhe ist immens. Und wir alle kennen die unendlichen Verlockungen eines entfesselten sexuellen Marktes. Doch statt uns offen mit unserer Natur und Kultur auseinanderzusetzen, halten wir an einem romantischen Ideal fest, das schon den 68ern überkommen vorkam. Geben die Schuld: Tinder. Pornos. Dem Menschen, mit dem der Partner „fremdgeht“. Dem Partner. Uns selbst.

 

Immerhin bleiben wir uns damit selbst treu. Es war nämlich noch nie wirklich besser. Die eine große Konstante der zivilisierten Menschheit ist: unterdrückte Sexualität. Und zwar im Namen der Monogamie.

 

II. Die Monogamie, ein Mythos?

 

Winter 1644. Boston, Massachusetts, USA. Ein gewisser James Britton gesteht, mit einer jungen Braut aus guter Familie namens Mary Latham geschlafen haben zu wollen. Obwohl dieser Versuch nicht von Erfolg gekrönt gewesen sei, befindet ein Gericht sie beide des Ehebruchs schuldig. Mary beschwört noch vom Galgen herab die jungen Frauen von Boston, sie sollten sich durch ihr Beispiel abschrecken lassen. Dann legt man James und ihr den Strick um den Hals. Mary Latham wurde 18 Jahre alt.

 

Von der Antike bis ins Mittelalter war Sex für die wenigsten Menschen etwas Schönes. Sondern zuerst das Mittel zur Fortpflanzung, eine Überlebensstrategie. Und leider oft genug Statussymbol, Machtinstrument, Gewaltmedium. Nach außen zählte nur die lebenslange Treue einer Ehe. Im Inneren riss die Lust an ihren Ketten. Noch für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts war die Erotik „fast vollständig in Angst gehüllt", wie der amerikanische Soziologe Richard Sennett schrieb. Und weil der Trieb am Ende immer stärker ist als jedes Verbot, blühte die „Sünde" und die Prostitution. Mal geduldet, mal brutal verfolgt. „In London allein gibt es 80 000 Freudenmädchen", befand Arthur Schopenhauer damals. „Was sind denn diese anderes als (…) wirkliche Menschenopfer auf dem Altare der Monogamie?"

 

Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein konnten Menschen, vor allem Frauen alles verlieren, wenn sie beim Ausleben ihrer Sexualität erwischt wurden. Und heute tun wir zwar so, als ob wir den Trieb zivilisiert hätten. Aber Fremdgehen – ob heimlich, geduldet oder mit Tränen bezahlt – scheint fast jedem mal „zu passieren“. Manche verzeihen. Manche verdrängen. Viele werden immer wieder verletzt.

Die Monogamie in ihrem romantischen Ideal ist oft genug nur ein Mythos. Immer wieder wehren sich Menschen gegen sie. Was ist das für eine seltsame „Natur", die mit Feuer und Eisen, mit Schimpf und Schande durchgesetzt werden muss?

 

Scarlett Johansson sagte neulich: "Ich glaube nicht, dass es natürlich ist, monogam zu sein".  Sie habe Respekt davor, "aber ich denke, es widerspricht definitiv unseren Instinkten. Die Tatsache, dass es für viele Menschen harte Arbeit ist, beweist, dass es keine naturgegebene Sache ist." Kann es sein, dass Monogamie schlichtweg widernatürlich ist?

III. Der "schlimmste Fehler" der Menschheit

 

Das behaupten neben Johansson auch viele Anthropologen. „The Myth of Monogamy“ heißt das Buch von David P. Barash, Professor für Psychologie in Washington, und seiner Frau Judith Eve Lipton, einer Psychiaterin. Darin weisen sie nach: Monogamie ist, quer durchs Tierreich und damit auch für uns Menschenaffen, nicht die Normalität.

 

Christopher Ryan und Cacilda Jethá – er Evolutionspsychologe, sie Ärztin – schreiben in ihrem Bestseller „Sex - die wahre Geschichte“: Als sich unsere Sexualität über Jahrhunderttausende ausformte, in den Jäger und Sammler-Kulturen der Steinzeit, lebten wir keineswegs monogam. Weil uns die Evolution anders konstruierte. Woher sie das wissen wollen? Die Indizien sind zahllos.

 

Zum Beispiel das spermienfeindliche vaginale Milieu, oder besser: das spermienselektive. Es filtert den einen Eindringling heraus, der es wert ist, die Eizelle zu befruchten. Weswegen die Evolution den Männern wiederum Spermien mitgegeben hat, die wie eine Fußballmannschaft darauf spezialisiert sind, die Hindernisse zu überwinden und gegnerische Spermien auszuschalten. Das wichtige, wenn auch hässliche Stichwort dabei ist: „Spermakonkurrenz“. Die wichtigste Selektion des Erbgutes soll von der Natur nicht wie heute vor dem Sex, sondern nach dem Sex, im Körper der Frau eingeplant worden sein.

 

So ergibt einiges – die männlichen Hoden, die weiblichen Lustschreie, unser auf der Welt einmaliger sexueller Appetit – mehr Sinn in einer promiskuitiven, „freien“ Sexualität. Vermutlich verliebten wir uns auch in der Höhle ineinander, zeugten Kinder, hielten zusammen. Aber eben nicht exklusiv. Und nur auf Zeit. Für die typische Horde von bis zu 150 Individuen war es vermutlich besser, wenn sich nicht einzelne Familien bildeten, sondern die gesamte Gruppe durch sexuelle und biologische Beziehungen, durch Kinder und Viel-Liebe verbunden war.

 

Deshalb existiert das Konzept der direkten Vaterschaft nicht bei Naturvölkern, die heute noch als Jäger und Sammler leben. Sie glauben an die „akkumulative Schwangerschaft“. Wenn eine Frau schwanger werden will, sammelt sie genug Sperma, und zwar von mehreren Männern, um deren gute Eigenschaften auf ihr Kind zu vereinen. Und alle Männer kümmern sich um alle Kinder. So leben die meisten der menschlichen Gesellschaften und Naturvölker auf diesem Planeten nicht-monogam. Nur wir großen, modernen, westlichen Horden tun seit Jahrtausenden so, als wäre es die einzig wahre Art zu leben.

 

Manche sehen das als Folge des „schlimmsten Fehlers der Menschheit“. So bezeichnet Jared M. Diamond, Evolutionsbiologe und Pulitzer-Preisträger, die Sesshaftwerdung. Sie gilt als Geburtsstunde der Monogamie. Wenn man nach einem Leben voller Mühsal den Hof vererbt, will man Kuckuckskinder ausschließen. Die „Nuklearfamilie“ – also Vater, Mutter, Kind(er) – entsteht als kleinste soziale Einheit, die große Gesellschaften und ihren Fortschritt erst ermöglicht.

 

Deshalb leben wir seitdem in einem ständigen Konflikt zwischen unserer Natur und unserer Kultur. Um ihn zu lösen, wollen wir Selbstoptimierer heute immer noch reflektierter sein, noch besser kommunizieren, noch mehr Sex-Spielzeug kaufen. Bloß um nicht das zu tun, was unsere Natur uns einflüstert.

IV. Mitfreude – wie soll das gehen?

 

„Liebe definiert sich nicht durch Zwänge", sagte mir Jasper, ein junger Mathematiker. „Eine gute Beziehung auch nicht. Dass man sich etwas verbietet und vorenthält, um glücklicher zu werden – das ist paradox."

Dieses Missverständnis hat sogar einen eigenen Song: „Every breath you take and every move you make, every bond you break, every step you take, I'll be watching you“. Das sang Sting 1983 mit seiner Band The Police. Den Welthit „Every breath you take" halten wir für das ultimative Liebeslied. Sting aber sagt dazu: „Es klingt wie ein tröstliches Liebeslied. Aber ich glaube, ich dachte an Big Brother, Überwachung und Kontrolle. Ein Ehepaar erzählte mir: 'Oh wir lieben dieses Lied, es wurde auch bei unserer Hochzeit gespielt.' Ich dachte: Na ja, viel Glück.“

 

Die „offen“ lebenden Menschen hingegen lehnen diese Art von Kontrolle ab. Sie drehen die übliche Argumentation „wenn du mich wirklich liebst, verzichtest du für mich“ in ihr Gegenteil: „Wenn du mich wirklich liebst, gibst du mir die Freiheit. Und ich dir.“

Meistens sind es – entgegen des Klischees vom ewigen Schürzenjäger – die Frauen, die diese „Öffnung“ vorantreiben. Ihre Sexualität, wissen Forscher, ist deutlich „plastischer“ als die männliche. Sie ist formbarer und vielfältiger. Das macht sie einerseits anfälliger für gesellschaftlichen Druck, für die noch zu oft verordnete Rolle der keuschen Jungfer. Aber auch offener für alles, was außerhalb liegt.

 

So ist es Livia, die sich fragt: „Flirten und mich anflirten lassen, das gefällt mir einfach. Warum soll ich das verdammen?“ Und Marie, Jaspers Freundin, die nicht auf den Kitzel eines One-Night-Stands verzichten will. Und Victoria, die sich zwei Männer mit deren Ehefrauen teilt, und das Teilen überhaupt nicht schlimm findet, weil es ihr viel Freiheit lässt.

 

Aber auch Männer profitieren davon, starre Rollen zu verlassen. Nicht mehr der besitzergreifende Superman sein zu müssen, der seine Frau bewacht. Sondern herauszufinden, was Liebe ist. Und was nur Ego. „Wenn ihr die Männer hinterherlaufen, und ich keine abkriege“, sagt Jasper, „das ist keine Eifersucht. Das ist Neid. Der innere Zähler, dass sie mehr Erfolg hat als ich.«

 

Aber verliebt man sich denn nicht zwangsläufig, wenn man sich mit anderen einlässt? Marie verneint. In keinen der Männer, mit denen sie einmal oder mehrmals schläft, ist sie verknallt. Sie kann Sex und Gefühle trennen. Und findet das nichts Besonderes. „Solange die eine Liebe stark genug ist, kann man sich immer früh genug für sie entscheiden", sagt sie. Und doch sind viele der offen Liebenden eifersüchtig und verletzlich, wie jeder Mensch. Was dagegen hilft?

 

Als „Emotionales Yoga“ beschreibt einer die langsame Entspannung, das gemeinsame Herausfinden, was okay ist und was nicht. „Beim Yoga denkt man oft: Es geht nicht mehr. Ich halte es nicht mehr aus", erklärt er. „Und dann atmet man einmal tief durch. Kann es doch. Und profitiert immens davon. Emotional ist es ähnlich. Wenn dein Partner gerade mit jemand anderem intim ist, eine gute Zeit hat, Sex hat, und du denkst: Wie soll ich das aushalten? Dann atmet man kurz ein, versucht eine andere Perspektive zu bekommen – und auf einmal entspannt sich etwas."

 

„Compersion“ nennen die Polyamoren diese Mit-freude oder Mit-liebe. Was in allen anderen Bereichen des Lebens uns schon als Kindern mitgegeben wird – „freu dich doch für deine Schwester, statt neidisch zu sein!“ – kann man auch in der Liebe versuchen.

 

 V. Schwimmen lernen

 

Es scheint Zeit für eine zweite, echte sexuelle Revolution. Denn ganz ehrlich: Wusstest Du all das, was in diesem Text steht? Ich bis vor kurzem nicht. Woher auch? Im sogenannten Aufklärungsunterricht werden Kondome über Bananen gezogen. Unsere Sexualität aber nicht wirklich erklärt. Echte Aufklärung ist dringend nötig. Ich habe diesen Text darüber geschrieben. Ich weiß, wie peinlich es heute noch sein kann, öffentlich über Sex zu reden.

 

Scarlett Johansson hat einen großen Wirbel entfacht. Weil sie einer der wenigen Stars ist, die offen über ihre Probleme mit der monogamen Treue reden. Kein Wunder: Würde die Geschichte der Menschheit einen Tag umfassen, hätten wir erst seit ungefähr fünf Minuten sexuelle Freiheit. Die Liberalisierung der letzten Jahrzehnte war nur ein kleiner erster Schritt auf einem langen Weg. Manche gehen ihn anders als andere. Und jeder Weg ist gut, so lange er glücklich macht. Es gibt dabei noch unendlich viel zu entdecken.

 

Victoria liebt zwei Männer. Beide sind verheiratet. Beide sieht sie regelmäßig. Und ist glücklich. »Das bin ich und so lebe ich und ich will mich nicht verbiegen – das sagen zu können, macht sehr zufrieden. Es ist so viel besser als die monogame Ehe zu behaupten – und doch hinter dem Rücken zu betrügen. Diese Fragen: Wie will ich leben? Wie will ich lieben? Die sind doch das wichtigste auf der Welt. Da ist nichts, wofür ich mich schämen muss.« Denn die Ehefrauen wissen von Victoria. Und haben nichts dagegen. Bald will sie den einen Mann ihrer Mutter vorstellen. »Sie freut sich total. Und er sich auch«, sagt sie. Seinen Ehering wird er nicht abnehmen. Er gehört zu ihm. So wie Victoria.

 

 

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