Seitensprünge müssen nicht immer gleich die Trennung bedeuten

Hört auf, mich vom Gegenteil überzeugen zu wollen!
Aus der jetzt-Redaktion

Wenn du deinen Partner nicht absägen willst, warum sollten es dann andere wollen?

Illustration: Julia Schubert

Ich wurde in meinem Leben schon mehrmals betrogen, jedes Mal hat es ziemlich wehgetan. Trotzdem habe ich erst ein einziges Mal jemanden dafür verlassen. Das kann man jetzt masochistisch finden, vielleicht ist es das auch. Aber ich bin eben davon überzeugt, dass ein Seitensprung nicht immer gleich die Trennung bedeuten muss.

Meine Freunde sehen das anders. Wann immer ich den Fehler mache, von der Situation zu erzählen, möchten sie den entsprechenden Partner am liebsten in Brand stecken oder zumindest nach Timbuktu ausfliegen lassen. Sie referieren dann außerdem ganz schnell auch darüber, wie wenig sie meinem Partner ohnehin getraut hätten, wie schlecht er gepasst habe und warum das Ganze „sowieso nie hätte gut ausgehen können“.

Blöd nur, dass ich ja gar nicht will, dass es automatisch ausgeht. Klar, mein Freund hat einen Fehler gemacht, einen großen sogar, er hat mich verletzt. Aber danach lag er ja doch heulend vor mir, beschwor seinen Hass auf sich selbst und flehte um eine Chance. Und, nennt mich verrückt, ich gebe Chancen. Vielleicht wirklich zu viele. Aber das ist mir lieber als eine zu wenig.

Ich sehe es als Stärke an, verstehen und verzeihen zu können

Andere empfinden das als Schwäche von mir. „Einknicken“ nennen sie es oft. Ich dagegen sehe es als Stärke an, verstehen und verzeihen zu können. Ich habe in meinem Leben nämlich auch selbst schon viele Fehler gemacht. Oder zumindest Dinge getan, die andere für falsch hielten. Da rutscht man schließlich schneller rein, als man meinen würde.

Ich halte eine sture „So was macht man halt nicht in unserer Gesellschaft und daher lehnen wir dich jetzt ab“-Haltung deshalb für ziemlich festgefahren und kurzsichtig. Und das eben auch, wenn es um Seitensprünge und Betrug geht. Natürlich machen sich meine Freunde Sorgen und wollen nur das Beste für mich. Ich bin ihnen zu großen Teilen dankbar dafür. Aber manchmal verstehen sie eben nicht, dass mich Seitensprünge nicht so sehr erschüttern, wie es vielleicht bei anderen der Fall ist. Ich mache mir nämlich immer wieder bewusst, dass das Ganze nur so verpönt ist, weil wir gelernt haben, in einer Beziehung gewisse Besitzansprüche zu stellen.

Ich tue das ja irgendwie auch, genauso wie die Partner, die ich bisher hatte. Alleine schon mit dem Vorhaben, eine monogame Beziehung führen zu wollen, stellt man ja quasi den alleinigen Anspruch auf den Körper und die Liebe des Partners. Ich finde das Konzept trotzdem ganz gut. Die Frage ist nur, wie verbissen ich es letztlich durchsetzen muss.

Ich kann aushalten, wenn mein Freund eine andere Person küsst

Schließlich ist es für mich zwar schmerzhaft, aber nicht unaushaltbar, wenn mein Freund eine andere Person küsst oder gar mit ihr schläft. Schwieriger fände ich es, ihn aus meinem Leben zu werfen, obwohl ich ihn eigentlich gerne behalten würde. Klar, mein Vertrauen in ihn ist erstmal schwer beschädigt. Ich kann es aber mit Zeit und Willen zu großen Teilen restaurieren – solange er mir glaubhaft versichern kann, dass er sich in Zukunft an unsere Regeln halten wird. Wie die eigentlich aussehen, müssen wir dafür zwar oft neu definieren, erst einmal herausfinden, was wer braucht, um sich weiterhin wohl zu fühlen. Aber auch das kann klappen.

Ich bin also offen dafür, andere Lösungen als das Schlussmachen auszuprobieren – und kann diesen Umgang mit der „Betrugsproblematik“ sogar gut an mir finden. Auch, wenn Freunde und Familie mir das gerne anders diktieren möchten.

Dass ich zu dieser Entscheidung überhaupt befugt bin, so blöd es sich anhört, war mir früher aber nicht klar. Für mich bedeutete die Reaktion meiner Mitmenschen quasi geschriebenes Gesetz. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass als mein Exfreund mir einst gestand, dass er mit einer anderen im Bett war, ich sagte: „Oh Gott, dann muss ich ja jetzt Schluss machen. Dabei will ich das doch gar nicht.“ „Musst du nicht“, sagte er. „Muss ich wohl“, sagte ich. „Was sollen die Leute sonst von mir denken?“

Mein Verständnis hört auf, wenn der Betrug Ausdruck absoluter Respektlosigkeit ist

Durchgezogen habe ich es mit dem Schlussmachen dann zwar nicht. Aber obwohl ich mit meiner Entscheidung eigentlich im Reinen war, schämte ich mich doch vor anderen immer sehr dafür. Die Tatsache, dass ich ihnen von dem Betrug erzählt hatte, führte so im Endeffekt oft dazu, dass ich innerhalb der Beziehung nicht mehr richtig funktionieren konnte. Ich hatte das Gefühl, nur noch als die arme, betrogene, abhängige Frau betrachtet zu werden.

Irgendwann beschloss ich deshalb, es den Leuten einfach nicht mehr zu erzählen. Betrog mich jemand, litt ich leise und richtete mich von selbst wieder auf. Manchmal tat ich sogar auf Andeutungen hin so, als sei ich vollkommen ahnungslos. Einfach, weil mir dieses Drangsalieren von außen zu übergriffig ist. Was haben diese Menschen davon, mir vorschreiben zu wollen, wann ich mich trennen muss und wann nicht? Warum bemitleiden sie mich und werfen mir Schwäche vor, wo ich das meistens gar nicht so empfinde? Für mich steht fest: Für eine Trennung muss mehr passieren als ein Kuss oder Sex mit Fremden.

Aber natürlich habe auch ich Grenzen. Das Mal, bei dem ich meinen Freund dann tatsächlich verließ, konnte ich nämlich nicht ertragen. Er hatte mich nicht einfach unter Drogeneinfluss mit irgendwem betrogen. Er hatte mich mit seiner Mitbewohnerin betrogen, mich dafür versetzt und es anschließend geleugnet. Und spätestens ab da hört es eben auch bei mir auf: Wenn der Betrug Ausdruck absoluter Respektlosigkeit ist. Dann nämlich sitzt das Problem tiefer als nur in der Unkontrolliertheit des Partners.

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