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Illustration: Julia Schubert

Eine Beziehung zwischen zwei Menschen ist oft schon schwierig. Wie soll es dann erst funktionieren, wenn drei oder mehr Menschen involviert sind? Unsere Autorin und ihr Mann führen seit fünf Jahren eine offene Beziehung. Was das im Alltag bedeutet, welche Probleme sie dabei zu lösen hatten und wie sich ihr Leben seitdem verändert hat, beschreibt sie in dieser Kolumne.

Fünf Monate. So lange hatte mein Mann schon kein Auswärts-Date gehabt, während ich mich fröhlich durch mehrere Städte gevögelt hatte. „Scheiße“, sagte er eines Abends. „Ich bin irgendwie neidisch. Bei dir tobt das Leben, und ich hänge mit Netflix auf dem Sofa.“ Von Anfang an war ich diejenige gewesen, die mehr unterwegs war — jetzt aber schien sich die kleine Ungleichheit zwischen uns in ein ernsthaftes Gefälle verwandelt zu haben. Dabei hatten wir uns von dem Gedanken, unsere außerehelichen Aktivitäten würden auch nur annähernd synchron verlaufen, sehr schnell verabschiedet. Manchmal lernte einer von uns beiden einfach eine ganze Weile niemanden kennen, den er spannend fand. Oder wurde umgekehrt nicht für spannend befunden. Und oft hatten wir schlicht keine Zeit für weitere Menschen, weil wir ja auch noch ein Leben jenseits des Paarungsmodus hatten. 

Nie war das der Rede wert — wir wussten ja, dass sich das über kurz oder lang wieder ändern würde. Aber bei fünf Monaten konnte man kaum noch von einer Durststrecke sprechen. Es war eher eine anhaltende Dürre. Und noch dazu eine, die uns zwang, das Wörtchen „Neid“ zu verhandeln — etwas, von dem wir nie dachten, dass es in unserer Beziehung eine Rolle spielen würde.

Mein Selbstwertgefühl war im Eimer, das meines Mannes hingegen nicht

Dabei war es doch so lange gut gegangen! Und das sollte es auch weiterhin. Mein erster Impuls war also: Rückzug. Wenn ich weniger Action hätte, bräuchte sich mein Mann ja auch nicht mehr schlecht zu fühlen, so meine Rechnung. Also bot ich — heldenhaft, wie ich fand — an, die Affäre, an der ich gerade dran war, runterzufahren. „So ein Quatsch“, fand mein Mann. „Das ist doch nicht deine Schuld, wenn ich hier versauere.“ Und statt mich darin zu bestärken, mein eigenes Glück seinetwegen ein Stück weit zu beschneiden, fing er an, nachzudenken. Warum da wohl grade nichts lief. Was er eigentlich in seinem Leben vermisste. Und warum er es unbedingt brauchte. Kurz zusammengefasst kam bei diesem Prozess heraus, dass es ihm „nur“ um die Bestätigung ging, eine geile Sau zu sein. Und dass er sich die auch genauso gut in seinem Job holen könnte.

Trotzdem war das hier nicht das einzige Mal, dass wir uns mit dem Bedürfnis nach einer Art „Gerechtigkeit“ auseinander setzen mussten: Einmal zum Beispiel hatte ich mich über Wochen erfolglos an einem Typ abgemüht, der sich beharrlich weigerte, meine Großartigkeit zu erkennen. Mein Selbstwertgefühl war im Eimer, das meines Mannes hingegen nicht. Er datete nämlich grade die schönste Brünette der ganzen Stadt — und genau dieser Umstand verleitete mein empfindlich getroffenes Herz dazu, in unkontrollierbare Zuckungen zu verfallen.

Ich habe es eher mit der Eifersucht, er mit dem Neid

„Warum brauchst du das so sehr?“, fragte ich Abend um Abend. „Was hat sie, was ich nicht habe? Eigentlich müssten wir beide uns doch genug sein!“ Im Nachhinein erscheint es schlüssig: Diese so überraschend keimende Eifersucht war ein simples Resultat meiner Bedürftigkeit. In Worte fassen konnte ich das jedoch nicht. Stattdessen wälzte ich mich so lange in Selbstmitleid, bis mein Mann freiwillig aufhörte, die Frau zu treffen — so viel Stress war sie ihm dann doch nicht wert.

Was wir aus diesen beiden Geschichten gelernt haben, ist — Überraschung — nicht, dass mein Mann der bessere Mensch von uns beiden ist. Sondern, dass wir auf ähnliche Situationen sehr unterschiedlich reagieren: Während ich in emotionalen Tälern viel Zuwendung und längere Reflexionsprozesse brauche, um zu begreifen, was mit mir los ist, ist mein Mann ein eher aufgeräumter Typ, der sich schnell in den Griff bekommt. Ich habe es eher mit der Eifersucht, er mit dem Neid. 

Wir sind wie wir sind, oder, um es frei mit dem Kommunikations-Klassiker der 70er zu sagen: Ich bin okay, er ist okay. Denn genauso wie wir vom Leben nicht verlangen können, dass es uns zu jeden Zeitpunkt die gleiche Anzahl an Partnern liefert, mit denen wir genau die gleichen Dinge tun, können wir nicht voneinander erwarten, dass wir die gleichen Emotionen, Bedürfnisse und Wünsche haben. Auf eins werden wir uns jedoch immer verlassen können: Dass wir einen Weg finden, mit ihnen umzugehen. Und zwar so, wie wir es gerade brauchen.

Wie hört man auf, alles gegeneinander aufzurechnen? Ein paar, auch für Monogame geeignete, Hinweise:

  • Betrachtet die Dinge, die jeder von euch zweien will, braucht, fühlt, erlebt als zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe. Ihr seid nicht das „eine Fleisch“ wie uns die Bibel weismachen will, sondern zwei Individuen und habt das Recht darauf, anders zu sein und unterschiedliche Erfahrungen zu machen. Zugegeben, diese Erkenntnis kann mitunter ziemlich schmerzlich sein, zum Beispiel, wenn sich rausstellt, dass man selbst überhaupt kein Bedürfnis nach Sex mit anderen hat, der Partner jedoch ganze Fußballmannschaften zum Frühstück vernaschen könnte.
  • Was der leidgeplagte Part bei akutem Gerechtigkeitsbedürfnis tun kann: Verantwortung für die eigenen Gefühle übernehmen. Es lohnt sich, in solchen Situationen sehr genau hinzuschauen, was da eigentlich los ist — und zwar, ohne dem Partner die Schuld dafür zu geben. Warum habe ich das Bedürfnis, aufzurechnen? Wo kommt meine Eifersucht, mein Neid, mein … her? Wo habe ich das schon früher erlebt? In den meisten Fällen werdet ihr feststellen, dass eure Gefühle von der aktuellen Situation nur ausgelöst werden, sie aber schon vorher in euch schlummerten.
  • Für den anderen Part ist leider nicht weniger Arbeit angesagt, schließlich ist seine Aufgabe, das alles auszuhalten. Und dem anderen liebevoll ein Stück weit entgegenzukommen. Vielleicht braucht er grade besonders viel Rückversicherung, dass trotz der Ungleichheit alles in Ordnung ist zwischen euch. Vielleicht braucht er intensive nächtliche Gespräche (oder Begegnungen im Dunkeln), um wieder mehr zu sich zu kommen. Oder er braucht sogar eine Pause von der ganzen Anstrengung. Gönnt ihm, so viel ihr geben könnt. Denn eure Rollen können sich jederzeit umkehren.