Wer soll das bezahlen?

Nach fünf Jahren Beziehung sind Nadine und Sebastian in eine gemeinsame Wohnung gezogen. In ihrer Kolumne berichten sie vom Schönen und Schlimmen, das das mit sich bringt. Folge 6: Die Sache mit der Kohle.
Von Nadine Gottmann und Sebastian Hilger
Illustration: Yinfinity

Nadines Sicht:

 

Ich kann mir schon denken, was Sebi gleich in seinem Part zu Protokoll geben wird: „In Gelddingen ist Nadine halt eine echte Schwäbin.“ So einfach werde ich es ihm aber nicht machen! Nachdem Sebi seit letzter Woche täglich triumphiert, dass die „Counter Strike“-Lobby inzwischen sogar den bildungsbürgerlichen jetzt-Kosmos unterwandert hat und ich deswegen bei den Lesern voll unten durch bin, kann es nicht angehen, dass er nun die nächste Folge nutzt, um sich als sympathisch-kauzigen Tagträumer und mich als geizige Schwäbin darzustellen. Zu dieser Einschätzung kann ich nämlich eines sagen: Sebi kennt die echten Schwaben nicht!

Die Alteingesessenen im Dorf meiner Eltern halten mich genaugenommen für einen schwäbischen Totalausfall. Als ich anfing, Filmwissenschaft und Philosophie zu studieren, sagte jemand aus dem Kirchengemeinderat zu meiner Mutter: „Da däd i moim Kend oina an d' Gosch naschlaga [In diesem Falle würde ich meinem Kind aber etwas husten].“ Während ihr Nachwuchs bereits eifrig eigene Häuser im selben Dorf baute, stellten die Leute aus dem Neubaugebiet gewagte Thesen darüber auf, dass ich wohl niemals eine Familie haben würde. Und die Runzeln auf der Stirn meines Sparkassen-Beraters Herr Klaus wurden nach jeder weiteren Frage auf seinem Fragebogen tiefer: „Haben Sie einen Bausparvertrag?“, „Wann wollen Sie heiraten?“, „Wie hoch wird Ihr monatliches Einkommen sein?“ Nein, ich hatte keinen Bausparvertrag. Ein Kästchen für „Ich kann nicht heiraten, weil mein Freund Bindungsangst hat“, war auf dem Bogen nicht zu finden. Und was mein monatliches Einkommen betraf, so konnte das künftig zwischen 45.000 Euro (falls ich ein Drehbuch verkaufe) und 0 Euro (falls ich keines verkaufe) schwanken. Verzweifelt füllte Herr Klaus den Bogen am Ende selbst aus und prophezeite mir, für meine Zukunft sähe es schwärzer als schwarz aus.  

Wenn Sebi behauptet, dass ich eine knallharte Schwäbin bin, dann kann das nur daran liegen, dass er im Raster der Schwaben nicht einmal mehr auftauchen würde. Sebi ist wirklich ein sympathisch-kauziger Tagträumer. Das wusste ich spätestens, als er geheimnisvoll grinsend nach Hause kam und mir zuwisperte, er hätte einen Bankautomaten entdeckt, der ihm jedes Mal, wenn er 50 Euro abhob, 50 Euro mehr auf das Konto buchen würde. Zu diesem Automaten schlich er sich dann regelmäßig, bis er feststellte, dass er das Minus vor dem Kontostand übersehen hatte. Dass ich automatisch ein geiziger Dagobert sein soll, weil ich nicht dermaßen verpeilt bin, ist eindeutig ein Fehlschluss.

Der Unterschied ist: Sebi macht es meistens von Vorneherein falsch, ich versuche wenigstens, es richtig zu machen, scheitere am Ende aber trotzdem. Unter anderem deshalb, weil ich eigentlich nie etwas verliere – außer Zettel. So notiere ich zwar immer fleißig die Beträge, die wir für Einkäufe, Sprit und Essengehen ausgeben, um sie später durch Zwei zu teilen. Im Moment der Auszahlung ist der Zettel aber jedes Mal wie vom Erdboden verschluckt und keiner kann sich mehr daran erinnern, was draufstand. Da unter anderem auch der Zettel über unsere Umzugskosten verschwand, fehlen mir inzwischen vermutlich mehrere hundert Euro. Und als wir unsere Finanzen wenigstens durch die Pfandzettel unserer Einweihungsparty aufbessern wollten, hatte ich diese zwar ordentlich gesammelt und aufbewahrt, hielt sie noch auf der Rolltreppe zum Kaufland fest in der Hand; als wir an der Kasse standen, waren sie aber nicht mehr zu finden.

Sollten Sebi und ich mal ein gemeinsames Konto haben, würde das vermutlich so enden: Er würde es mit unverständlichen Käufen ständig überziehen und ich würde, wenn ich ihm seinen Fauxpas vorhalten wollte, auf dem Heimweg den Kontoauszug verlieren.

Auch bei der privaten Altersvorsorge wollte ich mal wieder alles richtig machen, um die schwärzer als schwarze Zukunft abzuwenden und schloss mit Herrn Klaus einen Vertrag ab. Seit 2011 zahle ich jeden Monat 30 Euro ein und erhalte nun jedes Jahr einen Rentenbescheid mit ernüchterndem Inhalt: Meine Rente beginnt am 12.03.2053 um 12 Uhr mittags. Ich kann mir zu diesem Zeitpunkt entweder 660 Euro in bar auszahlen lassen – oder bekomme jeden Monat 2 Euro und 56 Cent Rente.

Wenn Sebi bis 2053 seine Bindungsangst überwindet, kommt ja vielleicht auch noch was von seiner Rente dazu. Im Gegenzug werde ich ihm dann jeden Monat eine Packung Mango-Curry-Käse spendieren.

Sebastians Sicht:

Uns Studenten sagt man ja gemeinhin nach, dass wir sehr arm seien. Und in den allermeisten Fällen stimmt das auch. Vor allem bei mir. In meiner ersten eigenen Wohnung fiel mir erst Mitte Dezember auf, dass die Heizung gar nicht ging, da ich bis dato viel staubsaugte, um so kein Geld fürs Heizen ausgeben zu müssen. In meiner zweiten Wohnung meldete ich eine "eheähnliche Lebensgemeinschaft" mit meinem Mitbewohner Moritz, weil ich kein Geld für die Gebühren hatte, und in meiner WG-Zeit in Ludwigsburg entdeckte ich einen Geldautomaten, der einem das Geld nicht abzog, sondern draufrechnete. Aber nur vermeintlich. Armut und Studentenleben, das trifft sich also ganz gut. Nur Nadine macht da irgendwie eine Ausnahme. Es ist zwar leider nicht so, dass sie das Glück einer weit entfernten, wohlhabenden und dennoch wohl gesonnenen Erbtante gehabt hätte, aber dafür hat Nadine drei Jobs und ist Schwäbin.

Ohne Vorurteile und Klischees aufwärmen zu wollen, kann man sich der logischen Argumentation nicht entziehen, dass, wenn Schwaben nach eigener Aussage ja alles können (außer Hochdeutsch) und wenn die Fähigkeit des Sparens sicher unter der Kategorie alles zu finden sein wird, logisch nichts anderes zulässig ist, als dass Schwaben sparen können.

Ganz im Gegensatz zu mir. Seitdem ich im Alter von zarten 18 Jahren mein erstes eigenes Gehalt in Händen hielt und erstaunt feststellte, dass es sich um eben jenen Betrag handelte, für den ich meine ersten 12 Lebensjahre eisern gespart hatte, kam mir das mit dem Sparbuch und den Lollis an den Weltspartagen plötzlich schrecklich sinnlos vor. Die Folge: Der Beginn eines Lotterlebens, das dann am Schluss in oben geschilderter studentischer Armut endete.

Es führt bisweilen zu komplizierten Situationen, wenn so unterschiedliche Finanz - und Lebemenschen aufeinander treffen. Da wäre zum Beispiel das wöchentliche Einkaufen. Während Nadine abwägt, wie viel Streichkäse man unter Berücksichtigung des Haltbarkeitsdatums zu zweit in der Zeit einer Woche wohl verstreichen kann, habe ich meist schon drei verschiedene "exotische" Geschmacksrichtungen in den Wagen gepackt, die mich zwar für den Moment alle sehr interessieren, aber schon beim ersten Versuch an der Eignung einer "Mango-Curry-Creation" als Streichkäsezutat zweifeln lassen. Ob ich jetzt das Geld dafür habe, gleich drei Käsevariationen kaufen zu können, daran denke ich frühestens an der Kasse, wenn ein bedrohlich vielstelliger Betrag meinen Einkauf krönt. Und spätestens, wenn Nadine noch Wochen später mit sichtlicher Mühe Mango-Curry Brote isst, damit wir das Geld nicht zum Fenster rausgeworfen haben.

In diese vorgespannte Situation um Streichkäseverbrauch und Kontostände fällt nun ausgerechnet jene Kaufentscheidung, die schon Generationen von Paaren auseinandergetrieben hat: Die Wahl eines neuen Fernsehers! Bisher gibt es in unserem nun gemeinsamen Wohnzimmer eine gute alte Röhre mit einer beachtlichen Diagonalen von 36 Zentimetern. Und nachdem uns unsere Dozenten an der Filmhochschule nun schon mehrfach darauf hingewiesen hatten, dass in unseren eigenen Filmen so viele Großaufnahmen vorkämen (wir machen das, damit wir zu Hause wenigstens in unseren eigenen Filmen was erkennen können), sollte es also nun an der Zeit sein, in einen neuen großformatigen Fernseher zu investieren. Während ich also über Tage Testberichte studiere, mich durch Kundenrezensionen plage und am Ende ein Modell für 600 Euro vorschlage, kommt Nadine mit einer Alternative aus dem Angebot des örtlichen Kauflandes: Warum man einen Fernseher für 600 Euro bräuchte, wenn dort Geräte für 150 Euro stünden? Ich erkläre also von Auflösungen, Anschlüssen, Kompatibilitäten, um am Ende zu hören, dass es im Hause Gottmann schließlich Sitte sei, den jeweils aktuell teuersten Fernseher zu kaufen und dann trotzdem über Jahre im falschen Bildformat zu gucken. Und da muss ich eingestehen, dass sie Recht hat und dass mit mehr Geld nicht automatisch eine Verbesserung der Lebenssituation eintreten muss.

Ich versuche seitdem jedenfalls meine Käse-Variationen zu essen, bevor sie der Zahn der Zeit holt. Aber in der Sache mit dem Fernseher, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen!

Mehr aus dem Beziehungsleben von Sebastian und Nadine:

  • teilen
  • schließen