Wie simuliere ich am besten Alkoholkonsum?

Wer als Frau nicht trinkt, wird direkt verdächtigt, schwanger zu sein. Aber was, wenn es stimmt?
Von Charlotte Haunhorst
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Bei Schwangerschaften gibt es ein Prinzip: In den ersten zwölf Wochen erzählt man möglichst wenigen Menschen, dass man ein Kind erwartet. Das Risiko einer Fehlgeburt ist zu diesem Zeitpunkt einfach noch zu hoch und die Aussicht, Wildfremde über aktuelle Vorgänge im eigenen Uterus aufzuklären, nicht wahnsinnig verlockend. Es gibt natürlich auch sehr gute Gründe, die gegen die Einhaltung dieses Prinzips sprechen, unter anderem, dass Fehlgeburten so unnötig tabuisiert werden. Aber Fakt ist immer noch: Viele Frauen halten sich daran.

Ist man wie ich eine normalerweise trinkende Frau, die noch nie in ihrem Leben zu einem Wegbier „nein“ gesagt hat, führt die Sache mit der Geheimhaltung allerdings sehr, sehr schnell zu einem Problem: Was tun, wenn das Umfeld mit einem losziehen will? Wenn ich da auf einmal Cola anstatt Bier bestelle, wirkt das direkt im höchsten Maße verdächtig. Und während die meisten Menschen so taktvoll sind, die neue Abstinenz nur tuschelnd hinter meinem Rücken zu diskutieren, gibt es leider in jeder Runde auch mindestens eine Person, die dann ungehemmt fragt: „Biste etwa schwanger?“. Diese Situation will natürlich vorbereitet sein – dachte ich.

Tatsächlich gibt es zahlreiche Mütter-Online-Foren, die sich mit der Frage „Wie simuliere ich am besten Alkoholkonsum?“ auseinandersetzen. Was die werdenden Mütter da an Tipps austauschen, erinnert in seiner Akribie allerdings eher an eine Ausbildung beim BND als an einen gemütlichen Saufabend.

Gin Tonic, so kann man da lesen, sei zum Beispiel sehr geeignet zur Saufsimulation, einfach mit der Bar verbünden und dort verschwörerisch Gin Tonic ohne Gin bestellen (wobei hier der Hinweis: Das im Tonic enthaltene Chinin steht im Verdacht, frühzeitig Wehen auszulösen). Auch Weißwein ließe sich gut mit klarer Traubensaftschorle gemischt mit Wasser herstellen. Wenn dann jemand fragt, ob er mal probieren dürfe, einfach behaupten, man habe eine Erkältung, oder, für die ganz hemmungslosen, eine Herpes-Infektion. Danach will mit mit sehr großer Sicherheit niemand mehr an deinem Glas nippen – aber dir halt auch sonst nicht mehr zu nahe kommen.

Schwieriger sei das Faken, wenn es um Bier geht: Beim Fassauschank könne man immerhin noch ein alkoholfreies Bier in einem ungekennzeichneten Glas bestellen. Beim Flaschenkonsum wird es hingegen kompliziert. Da muss man dann auf den „Toilettentrick“ zurückgreifen und dort das Bier in der Flasche mit Wasser oder einem anderen Getränk austauschen, am besten mit Hilfe eines Verbündeten. Die Königsdisziplin ist wiederum das Trinken von Shots: Wodka kann mit Wasser ersetzt werden, aber was, wenn jemand eine Runde Jägermeister ausgibt? Da helfen dann nur noch ganz große Lügenkonstrukte: Das „Ich-nehme-Antibiotika-Argument“ zum Beispiel, aber Achtung: Nicht gut, wenn Mediziner in der Nähe sind, die erzählen einem dann nämlich, dass viele Antibiotika mit Alkohol kompatibel sind und wollen es dann im Ernstfall genauer wissen. Die simulierte Krankheit muss also sorgfältig gewählt sein. Am besten eine schwere Darminfektion, Metronidazol ist nämlich nachweislich inkompatibel mit Alkohol, schreiben die Foren-Diskutantinnen. Ob allerdings tatsächlich überhaupt noch jemand mit einem an der Bar stehen möchte, wenn man die ganze Zeit über seinen Darm spricht, ist eine andere Frage.  

Sehr viel bessere Argumente den Foren zufolge: „Ich mache Alkoholfasten“, wenn die Schwangerschaft in die Osterzeit fällt, „Ich trainiere für einen Halbmarathon“ oder „Ich muss heute fahren.“ Für die Glaubwürdigkeit dieser Ausreden sollte man allerdings ein gewisses Ausmaß an Glauben, sportlichem Ehrgeiz oder zumindest ein Auto besitzen.

Umso größer: Die Erleichterung, wenn man nach zwölf Wochen endlich mit der Wahrheit rausrücken darf

Eine zeitlang haben mir diese ganzen Trinksimulationen und Ausreden tatsächlich ein bisschen Spaß gemacht. Weil man sich eben doch wie eine Geheimagentin fühlt, die gerade lügt und betrügt um ihre Mission, immerhin ein Leben, zu schützen. Aber spätestens, wenn man zum dritten Mal nicht trinken darf, liebe Menschen mehrfach anlügt oder vielleicht auch wahnsinnig gerne einfach mal wieder ein Bier trinken würde, das nicht nach mit Kohlensäure versetzter Seife schmeckt, fängt es an zu nerven. Und dann fängt man leider doch an, dem schlimmsten aller Mütter-Klischees zu entsprechen: Man geht zu den gemeinsamen Trinkabenden gar nicht erst hin.

Schön ist das nicht. Umso größer dann also die Erleichterung, wenn man nach zwölf Wochen endlich mit der Wahrheit rausrücken darf. Dann freuen sich nämlich alle mit einem und die Cola schmeckt in Begleitung einfach doch besser als alleine. Und, auch nicht zu vernachlässigen: Man ist auf einmal bei den Freunden und Kollegen auf eine ganz neue Art äußerst begehrt und beliebt: Man kann nämlich immer fahren. 

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