Das A in „Sommerabend“ steht für Alkohol

Jeden Abend zu trinken, ist im Sommer plötzlich vollkommen in Ordnung.
Von Quentin Lichtblau
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Der Sommer funktioniert dieses Jahr mal richtig gut. Das urdeutsche Rumgestöhne über fehlende Sonne bleibt aus, ein Urlaub in Mecklenburg ist keine Drohung mehr, sondern eine Verheißung, wir springen nach Feierabend in lauwarme Seen und sitzen danach bis tief in die Nacht im Freien, jeden Abend. Hurra! Darauf ein Radler, einen Weißwein, noch einen, morgen wieder. Das „a“ in „Sommerabend“ steht für „Alkohol“.

Scheint die Sonne nämlich mal mehrere Tage am Stück, stellt man fest, dass dank Kaiserwetter gerade die mindestens zweite Woche anbricht, in der man – man will es nicht „durchgesoffen“ nennen – aber zumindest jeden Abend getrunken hat. Dass der Sommerabend eigentlich ein ziemlicher fieser Alki-Teufel ist, der einem ab 16 Uhr: „Ding Dong, Flasche auf!“ ins Ohr lallt.

Wird man zu anderen Jahreszeiten vom Partner, Freunden oder Mitbewohnern schon mal schief angeschaut, wenn man sich an mehr als zwei Abenden hintereinander ins Nachtleben stürzt, sind allabendliche Biere im Sommer totale Normalität. Klischeebild eines Winterabends? Paare, in Decken gehüllt, Kaminfeuer. Klischeebild Sommerabend? Menschen vor roter Sonne, Alkohol.

Selbst Politiker raten: Bei Hitze sofort zum Bier greifen!

Der Drang, abends noch rauszugehen, ist entsprechend gigantisch. Könnte schließlich schon morgen vorbei sein! Was soll man sonst machen, bei den Temperaturen? Sport? Unmöglich. Nüchtern bleiben? Wie bitte? Schon mal jemanden gesehen, der sich abends an den Fluss setzt, um eine Flasche Leitungswasser zu trinken? There is no alternative. Selbst Politiker raten deswegen: Bei Hitze sofort zum Bier greifen!

Hat man die Woche im Rausch überstanden, kommt das Wochenende: Seit sich „Daydrinking“ als fancy Ausdruck für „tagsüber Wegballern“ etabliert hat, gilt es nicht länger als abgefuckt, sondern eher als dekadent, sich mittags den ersten Gin Tonic reinzustellen. Abends dann noch drölfzig Grillpartys, Sommerfeste. Und geheiratet wird auch noch wie irre.

Noch perfider am Sommersaufen: Erstaunlicherweise lässt es sich auch noch super mit dem Arbeitsalltag vereinbaren. Die Weißweinflasche von fünf Uhr nachmittags ist morgens um neun schon wieder vergessen – von einer leichten, aber nicht unangenehmen Restverneblung mal abgesehen, für die der Chef auch noch wärmstes Verständnis aufbringt. „Hauptsache ich sehe Sie morgen Abend beim großen Betriebssommerfest!“ Hat man den Arbeitstag halbwegs überstanden, macht man sich am späten Nachmittag schon den Termin für die nächste Flasche klar. Klar treffen wir uns schon um fünf, heute bekomme ich hier eh nichts auf die Reihe.

Dass sich der Balkon vor lauter Leergut nicht mehr nutzen lässt, ist verschmerzbar

Kann das alles gesund sein? Nicht wirklich. Aber, man kann es nicht oft genug sagen: Es könnte schon morgen vorbei sein! Vielleicht hat die gerade ziemlich verbreitete Sommergrippe auch damit zu tun, dass alle jeden Abend trinken, Flaschen teilen und dann nachts in nicht mehr ganz so lauwarme Seen hüpfen. Das bisschen Husterei ist nach ein paar Tagen aber auch überstanden. Ein Grund zum Feiern, plopp! Auch, dass sich der Balkon vor lauter Leergut nicht mehr wirklich nutzen lässt, ist verschmerzbar.

So vergehen die Tage, der Sommer zerfließt. Dann, viel zu plötzlich, wird der der Wind kälter, die Abende am Ufer sind auch mit zwei Übergangsjacken nicht mehr wirklich erträglich, auf den Bierbänken liegt erstes Laub. Trotz strammer Feierabenddisziplin stellt sich ganz automatisch das Gefühl ein, den Sommer verpasst zu haben. Und das „a“ in „Sommerabend“ steht für Abschied.

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