Mein Herz hat Sommermuskelkater

Zum Glück ist der Sommer vorbei. Denn wenn man ihn zu sehr liebt, tut er weh.
Von Friedemann Karig
Foto: like.eis.in.the.sunshine / photocase.de

Zum Glück ist der Sommer endlich vorbei. Denn: Ich liebe den Sommer. Wahrhaftig. Abgöttisch. Selbstlos. Ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Echte Liebe eben. Und die tut weh.

Ich kann tagelang in der Sonne liegen, Schwimmbad, Fluss, Meer, fast egal. Hauptsache zwischendurch schwimmen, trocknen, wieder warm werden. Das auf Repeat bis zum Sonnenuntergang, und je später der kommt, desto besser. Ich mag Wasser und Wärme und wolkenloses Blau, und laue Sommernächte, die finde ich so schön, dass es mir das Herz zerdrückt. Ich kann nicht schlafen, ich höre nach draußen, irgendwo ist immer jemand im Sommer unterwegs, warum ich nicht? Ich muss raus. Wenn dann noch irgendwo „Boys of Summer“ aus einem offenen Autofenster tönt, "But I can see you, your brown skin shining in the sun. You got your hair combed back and your sunglasses on, baby", dann muss ich fast weinen.

Und da genau liegt das Problem: Ich liebe den Sommer so sehr, dass er wahnsinnig anstrengend für mich ist. Mein Herz hat von Juni bis September ständig Muskelkater. Weil mein Leben wie eine umgekehrte Diät ist: Ich mäste mich mit Sommer. Essen und Trinken und Küsse und allein schon die Luft, einfach alles schmeckt besser im Sommer. Davon will ich immer mehr. Deshalb kann ich keinen Sonntag verkatert im Bett liegen, keine Sonnenstunde verstreichen, kein Grad über 25 ungefühlt lassen, ohne seelisch wie körperlich zu leiden.

Auftritt Küchenpsychologin. Sie nippt auf meinem Südbalkon an ihrem Rosé und sagt: "Du musst halt mehr im Moment leben. Den Moment genießen. Nicht immer nach vorne denken. Am besten gar nichts denken, Junge." Ja aber wie? „Genieß mal mehr den Moment“, das ist ungefähr so hilfreich wie: „Entspann dich mal!“ Dass man sich bemüht, bewusst ist, das ist ja gerade das Problem. Sich vorzunehmen, sich nicht zu bemühen, ist so paradox wie ein Sommerfell, liebe Küchenpsychologin. Genießen und entspannen geht nur ohne Kopf. Und außerdem gibt es gar keine Gegenwart, sagen die Zeitforscher. Es gibt immer nur vorhin und gleich. Im Sommer geht das dann so: Vorhin war ich nicht draußen. Und gleich muss ich wieder rein. In der Vergangenheit liegt der harte Winter. In der Zukunft auch. Das Ende habe ich immer schon vor Augen. 

Es ist lächerlich: Gestern lag ich im Schwimmbad, in der Sonne, es war herrlich. Und ich todtraurig. Es macht nämlich zu, das Schwimmbad, morgen, weil der Sommer vorbei ist. Ich feierte also Abschied, ein letztes Mal ins Wasser, eine letzte Bahn, ein letztes Mal am Rand trocknen, ein letzter Plausch mit der Bademeisterin, der Königin des Sommers, aber halt: Sie haben eine Woche verlängert? Es ist gar nicht der letzte Tag? Jesus Christus, ich muss noch mal durch diese Hölle des Abschieds? Wann habe ich es endlich geschafft? Und wie viel muss ich noch verpassen?

Was bleibt sind blasse, kühle Erinnerungen

Hinter alldem steckt, wie immer, nackte Todesangst. Unsere Zeit ist begrenzt, eines Tages werde ich alles zurücklassen müssen, was mir lieb ist. Die Sonne erinnert mich daran. Jede Sekunde. Alles ist vergänglich, vergeblich, verpasst. Eben noch verliebt, einmal geblinzelt, schon vorbei. Eines Tages werden alle diese großen Stunden des Sommers nur noch blasse Erinnerungen sein. Nichts gegen Erinnerungen. Sie sind zwar banal, aber heilig, denn sie sind das einzige, was wir haben, hat Ferdinand von Schirach mal gesagt. Aber sie wärmen mich nicht wie die Steine am Fluss, die noch warm sind von der Abendsonne. Erinnerungen erkalten und funkeln dann in mir wie kleine Diamanten. Hübsch, aber tot. 

Ich weiß auch, warum ich so bin. Ich komme aus Freiburg und wohne in München. Das sind die zwei Städte mit den meisten Sommersonnenstunden. Wie ein Obelix des Sommers bin ich also als Kind in den Zaubertrank gefallen, der das Nichtschwimmerbecken unseres Freibades füllte, und habe dabei literweise Sommer geschluckt. Und seit dieser Überdosis will ich mehr und mehr. So zog es mich immer in den Süden, nach Bali und Barcelona und nach Berlin, aber dahin nur im Sommer, der ist ja bekanntlich großartig dort. Ich fütterte meine Sucht, und sie wurde groß und stark. 

Vielen Menschen ist es ziemlich egal, ob und wie viele Wolken am Himmel sind, ob T-Shirt- oder Daunenjackenwetter ist. Wie ich sie beneide, die Stubenhocker, die sich über geschlossene Rollläden und Olympia-Übertragungen im Juli freuen, die gerne in klimatisierten Büros sitzen und dort noch was fertig machen, weil: "Draußen ist ja eh viel zu heiß." Ich hingegen fühle mich auf ewig wie der Junge, der kaum stillsitzen kann über seinen vermaledeiten Mathe-Hausaufgaben, weil er erst danach raus darf. Die Strandmatte ist schon gepackt, die Freunde stehen unten und klingeln mit den Fahrradklingeln, sie haben irgendwo den Fluss gestaut, man muss da jetzt sofort hin! Sofort!

Ich schreibe jetzt diesen Text fertig. Und dann gehe ich raus. Nein, ich renne, ich fliege. Denn morgen, leider, ist der Sommer vorbei. Zum Glück.

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