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Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Das hier ist ein Outing. Kein sexuelles ausnahmsweise, aber doch ein empfindliches. Denn es lautet: Ich trinke hin und wieder gerne bei der Arbeit.

Ich weiß, das lässt mich wie, nun ja, ein potentielles Problem aussehen. Bei der Arbeit muss man schließlich konzentriert sein und bei klarem Verstand. Darüber hinaus ist in manchen Branchen ein frischer Atem klar von Vorteil.

Mein Glück, dass von einer freien Autorin wie mir nichts davon erwartet wird. Ich muss weder an Blinddärmen herumschnippeln noch darauf aufpassen, dass Amelie Theo nicht auf die Rübe haut. Meine einzige Aufgabe ist es, hin und wieder ein paar zusammenhängende Sätze abzuliefern, die im besten Fall auch noch in ihrer Gesamtheit Sinn ergeben. Und ob mein Atem dabei nach Rosen oder Fahne riecht, bekommt eh niemand mit.

Trotzdem war mir nicht ganz wohl bei der Sache, als ich dem Chef von jetzt vorschlug, über meinen Alkoholkonsum bei der Arbeit zu schreiben. Würde er nun bei jedem Kommafehler denken: „Aha, da war sie schon wieder besoffen“? Würde er mich für instabil halten? Oder nicht diszipliniert genug?

Für gewöhnlich gebe ich nicht so wahnsinnig viel auf die Meinung anderer Menschen. Aber von der Meinung dieses Menschen hängt nun mal auch ab, ob ich meine Miete zahlen kann. Da ergibt es schon Sinn, gewisse Eigenarten, die vielleicht kein so wahnsinnig gutes Licht auf mich werfen, auszusparen. Ich schreibe ja auch nicht darüber, wie ich meine Popel durch die Gegend schnipse (falls du das liest, Chris: So etwas würde ich nie tun!).

Aber weil am Ende alle Beteiligten davon profitieren, dass ich hin und wieder beim Schreiben an einem Glas Wein nippe, habe ich mich doch überwunden, diesen Text zu schreiben. Das ganze verdammte Internet ist voll von Leuten, die ihre Effektivitätsstrategien anpreisen. Bitte sehr, hier ist meine:

Zugegeben, sie kommt nur dann zum Einsatz, wenn nichts anderes mehr hilft. Aber dann ist sie unschlagbar. Am späten Nachmittag zum Beispiel, wenn meine Konzentration langsam flöten geht. Wenn ich den Text vor lauter Zeitdruck nicht rund bekomme. Oder ich mich abends nicht dazu motivieren kann, mich nochmal an den Schreibtisch zu setzen, um den Steuerkram zu machen. Für solche Fälle steht in meiner Küche immer eine Flasche Wein bereit. Kein allzu edler Schnickschnack, aber immerhin gut genug, um diesen Momenten eine gewisse Feierlichkeit zu verleihen. Zwei, drei Schluck davon reichen schon, um den Feierabend zu spüren, der noch gar nicht angefangen hat. Und nach ein paar mehr fühlt sich alles so leicht an, wie Arbeit es sonst nie tut. Jedenfalls nicht, wenn sie nüchtern verrichtet wird.

Schlagartig höre ich auf, nachzudenken. Über die unwesentlichen Dinge jedenfalls. Ob ich das hier wirklich schreiben kann zum Beispiel (kann ich) oder ob das alles auch gut genug ist (ist es). Stattdessen machen meine Gedanken kleine Schlenker, fischen hier einen Witz aus den Untiefen meines vergesslichen Gehirns und finden dort noch eine Plattitüde, die ich mir sonst verkneifen würde. Ich werde redselig, zutraulich schon fast. Mit anderen Worten, ich zeige diese leichte Enthemmung, wegen der auf offiziellen Feiern so gern Sektgläser verteilt werden. Nur, dass ich meine schlüpfrigen Witzchen dann nicht Frau Müller erzähle, sondern sie in meinen Computer tippe.

Dafür ist dann nach maximal zwei Gläsern auch wirklich Schluss, meist sogar schon nach einem. Sonst kann es passieren, dass sich das Ganze einfach zu leicht anfühlt. So leicht, dass ich keinen geraden Satz mehr zusammenbekomme und sich mein Bedürfnis von „Job erledigen“ je nach Tagesform in Richtung „Schlafen“ oder „erotische Nachrichten schreiben“ verschiebt. Wenn ich derart über das Ziel hinaus geschossen bin, hilft nichtmal mehr ein Espresso, um mich zurück zu holen. So wie gestern Abend, als ich statt des fertigen Texts die Nachricht in die Redaktion mailte, dass ich diese Kolumne noch nicht wie vereinbart abgeben konnte, weil ich zu betrunken war, um sie fertig zu schreiben. „Haha! Beste Ausrede seit Langem“, schrieb man mir.

Die betüddelten Jungs waren wesentlich schneller fertig als ihre nüchternen Kollegen aus der Kontrollgruppe

Passiert ist mir das zum Glück bisher noch nicht allzu oft. Denn auch wenn diese Selbstentblößung in Textform es leicht so aussehen lässt, als würde ich mich mit 200 Sachen auf dem Highway in Richtung Alkoholismus bewegen — dass ich beim Schreiben trinke, kommt vielleicht ein, zwei Mal die Woche vor. So oft in etwa, wie andere Menschen mit ihren Kollegen zum Feierabend-Drink in einer Bar landen. Oder sich nach 18.30 Uhr ein Bier aus dem Kühlschrank nehmen, sofern sie in einem dieser hippen Start-ups arbeiten.

Im Übrigen bin ich nicht die einzige, die eine positiven Wirkung von mäßigem Alkoholkonsum während der Arbeitszeit beobachtet. Ein Forscherteam von der Mississippi State University  zum Beispiel gab 20 jungen männlichen Probanden so viel Wodka-Cranberry zu trinken, bis sie gerade noch fahrtüchtig waren und ließ sie anschließend Wortpuzzles lösen. Das Überraschende: Die betüddelten Jungs waren wesentlich schneller fertig als ihre nüchternen Kollegen aus der Kontrollgruppe. Woraus die Forscher nun folgern, dass Angetrunkene kreative Aufgaben tatsächlich besser lösen als nüchterne.

Was im Umkehrschluss natürlich nicht bedeutet, dass man gleich morgens im Team-Meeting mit Wodka-Cranberry loslegen sollte. Schließlich muss man manchmal auch konzentriert sein und bei klarem Verstand. Den frischen Atem nicht zu vergessen! In allen anderen Situationen jedoch finde ich, wir könnten uns ruhig ein bisschen mehr Hedonismus erlauben. Im Namen der Kreativität sozusagen.

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