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Als Weinhasserin in Frankreich

Unsere Autorin lebt in Paris, kann aber das Nationalgetränk der Franzosen nicht leiden – die sozialen Nachteile daraus sind groß.
Von Eva Hoffmann
trinkolumne paris
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Ein typischer Abend in unserer Lieblingsbar in Paris sieht so aus, wie man sich typische Abende in französischen Bars eben vorstellt: Mit viel Anstrengung quetschen wir uns an einen Tisch, der eigentlich schon voll ist, dann wird für diejenigen, die noch nichts gegessen haben, eine Käseplatte bestellt und für alle anderen eine Flasche Hauswein – plus vier Gläser. Jedes Mal vier Gläser. Denn in Paris gehen die Leute davon aus, dass jeder Wein trinkt. Wenn ich dankend ablehne, drehen sich die ersten Köpfe zu mir. Wenn ich dann auch noch ein Bier bestelle, schauen mich alle an, als hätte ich den Eiffelturm angesägt.

In einem Land, in dem Wein (zusammen mit Käse und ein paar Leber-Ekligkeiten) die Krönung der Kulinarik symbolisiert, grenzt es an sozialen Selbstmord, ein Bier zu bestellen. Insbesondere, wenn man in einer großen Gruppe unterwegs ist, in der geteilt wird. Denn wirklich niemand trinkt in Weinbars – und das sind nunmal die meisten Bars in Frankreich – Bier. Selbst wenn der Hauswein schon nach dem zweiten Glas nach Kopfweh schmeckt, alle superschnell betrunken sind und sich spätestens nach dem dritten Glas mit blau gefärbten Zähnen in den Armen liegen: nie würde jemand auf die Idee kommen, etwas anderes zu bestellen. Wein gehört in Frankreich zu einem gelungenen Gelage wie Bier in Bayern zum Oktoberfest. Und das bringt mich als Weinhasserin immer wieder in die gleiche, unangenehme Situation.

In Bars, in Kneipen und auf WG-Partys trinkt man Bier oder Härteres, so meine Sozialisation

Denn ich scheine die Einzige zu sein, der Wein schlicht nicht schmeckt. Seine kopfschmerzige Schwere, die wie abgestandener Saft schmeckt, die lauwarme Temperatur und der säuerliche Abgang. Ich gebe zu, ich bin immer die Banausin am Tisch. Mit meiner Vorliebe komplett allein, halte ich mich aus Diskussionen über Rebsorten, Säuregehalt und Anbauarten raus. Während der Kellner den Weinliebhabern an der Bar eine Auswahl von mindestens dreißig verschiedenen Sorten Rot-, Weiß- und Rosé-Wein vorträgt, fragt er mich lediglich nach der Größe meines Bieres. Es gibt eh nur eine Sorte, in Ausnahmefällen zwei bis drei. Ich nehme den halben Liter.

In Deutschland würde ich jetzt grübelnd an der Bar stehen und mich in den Möglichkeiten meiner Bierauswahl verlieren. Die Weintrinker wären mit ihrem kleinen Schlückchen im viel zu bauchigen Glas allein am Tisch, um sie herum nur frisch gezapftes Pils mit majestätischer Schaumkrone. Weintrinken, das war für mich immer etwas, das man mal zum Essen macht, zu Weihnachten oder wenn die Eltern zu Besuch kommen. In Bars, in Kneipen und auf WG-Partys trinkt man Bier oder Härteres, so meine Sozialisation. Auf der Getränkeskala steht Wein für mich deshalb nach wie vor für Distinktion, Expertentum und auch für Wohlstand. Denn guter Wein hat, in Deutschland zumindest, seinen Preis.

 

Hier ist das anders. In Frankreich kaufen Menschen im Supermarkt für drei Euro Wein und sind damit nach eigenen Angaben sehr glücklich. Selbsternannte Kenner scheuen sogar vor dem Wein im Tetrapack mit dem kleinen Zapfhahn nicht zurück, der sei hier so gut, wie jeder Fünf-Euro-Wein in Deutschland. Und beim Thema Geld komme ich zum zweiten Problem, das mein Bierkonsum außer sozialer Verachtung mit sich bringt: Bier ist in Frankreich oft teurer als Wein. Zumindest in Bars. Während die Flasche, die dann durch vier geteilt wird, um die acht Euro kostet, ist es ganz normal, für ein Bier fast genauso viel hinzublättern.

 

Meine Vorliebe macht mich deshalb auch zunehmend arm. In meiner Verzweiflung habe ich mir schon „Mister Beer“ runtergeladen – eine App, die mir die billigsten Bierpreise in Paris anzeigt. Aber es kostet Überwindung, in großen Gruppen darauf zu beharren, dass wir jetzt unbedingt alle in die Eckkneipe, statt in die fancy Weinbar gehen sollten, damit ich mir da zwei Bier leisten kann. Mit so einer Aufforderung wäre ich nicht nur die Banausin, sondern auch der Störenfried.

 

Lieber trinke ich nichts, statt am nächsten Tag einen Weinschädel zu haben

 

Ich habe mir deshalb Strategien überlegt, dem Wein zu entkommen. Mal tue ich so, als würde ich gerade eine Alkoholpause machen, denn tatsächlich trinke ich lieber nichts, als am nächsten Tag einen Weinschädel zu haben. Oder ich bin einfach schon ein bisschen früher als alle anderen da und habe dann zufällig schon ein Bier bestellt. Oder ich ringe mich dann doch zu einem Glas Wein durch und trinke es ganz, ganz langsam, begleitet von mindestens fünf Gläsern Wasser.

 

Auch auf die Gefahr hin, dass ich für immer die Nicht-Angekommene bleibe: Vielleicht sollte es mir einfach egal sein, was andere von mir denken. Vielleicht muss ich meinen abweichenden Geschmack einfach gekonnt zum Distinktionsmerkmal stilisieren, denn eine Hervorhebung, ob ich sie will oder nicht, passiert ja eh schon jedes Mal wenn ich ein Bier bestelle. Vielleicht muss ich einfach anfangen, genauso selbstverständlich dieses Bier zu bestellen und dabei viel selbstbewusster davon reden. Darüber, wie toll doch das nicht existente Reinheitsgebot hier in Frankreich ist, wie lecker die belgischen Biere, die man hier überall bekommt. Zumindest hätte ich dann einmal bewiesen, dass ich auch Geschmack habe.

 

Nur eben nicht den, der hier erwartet wird.

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