Trink, wenn du ein Mann bist!

Wenn der neue Freund das erste Mal dem Vater vorgestellt wird, ist oft viel Alkohol im Spiel. Zwischen Alphatier-Gehabe und Verbrüderung.
Von Charlotte Bastam
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

„Grappaaaa!“, grölten mein großer Bruder und mein Vater und schwenkten eine fast leere Flasche vor den Augen meines damaligen Freundes herum. Der konnte kaum noch gerade sitzen, ließ sich aber noch ein Glas einschenken. Wir waren bei Runde fünf angelangt.

Es war der Geburtstag meiner Mutter und meine Eltern veranstalteten ein großes Gartenfest. Dazu brachte ich meinen damaligen Freund mit. Er kannte meine Familie schon, bislang aber nur im nüchternen Zustand. Das änderte sich bei diesem Fest sehr schnell. Denn mein Vater und meine Brüder waren auf ihrer ganz eigenen Grappa-Mission unterwegs.

Die bestand darin, meinen Freund abzufüllen. Und das taten sie dann auch. Meine Vorschläge, vielleicht ein bisschen langsamer zu machen, kamen nicht gut an, insbesondere nicht bei meinem Freund. Wie er mir später erzählte, fühlte er sich dazu verpflichtet, mitzutrinken. Und sah es gleichzeitig als Anerkennung an.

Natürlich wird auch unter Schwiegermüttern und Schwiegertöchtern ordentlich gebechert. Unter Druck wurde ich aber niemals gesetzt, und das Gefühl an einem regelrechten Saufwettkampf teilnehmen zu müssen und nach dem vierten Glas nicht „Nein“ sagen zu dürfen, hatte ich auch nie. Bei meinem Freund war das anders.

Das Gruppenbesäufnis unter Männern scheint ein gängiges Ritual zu sein. Denn bis jetzt hatte fast jeder meiner männlichen Bekannten eine solche Sauf-Story von seiner Schwiegerfamilie zu erzählen.

Ist ja auch verständlich: Gemeinschaftliches Trinken ist wahrscheinlich der beste Eisbrecher, den es gibt. Und der Besuch bei den potenziellen Schwiegereltern – vor allem der erste – ist für beide Parteien nicht nur angenehm. Man möchte einen guten Eindruck machen und landet oft erst mal nur bei sicheren, aber langweiligen Smalltalkthemen, die schnell erschöpft sind. Ein Drink ist ein ziemlich sicherer Weg, das peinliche Schweigen zu umgehen.

Als bräuchte es auch im 21. Jahrhundert noch den Männlichkeitsbeweis in Form von Lebervergleich

Aber im Freund-Schwiegervater-Verhältnis scheint so ein erstes gemeinsames Besäufnis noch mehrere, tiefere Ebenen zu haben. Das „Wir trinken jetzt einen zusammen“, gerichtet an den neuen Freund der Tochter, scheint auch der Auftakt für ein Aufnahmeritual zu sein. Als bräuchte es auch im 21. Jahrhundert noch den Männlichkeitsbeweis in Form von Lebervergleich: Der Neue muss sich seine Zugehörigkeit zum Rudel erst verdienen. Wer nicht mitsäuft, gehört nicht dazu. Kennt man aus US-College-Filmen und Fußballmannschaften, gilt aber anscheinend auch für die Beziehung mit dem Schwiegervater und Schwägern.

Deshalb schwingt auf Vaterseite bei solchen Trinkgelagen auch oft eine Extra-Portion Alphatier-Gehabe mit: Der Vater gibt den gönnerhaften Hausherrn und demonstriert seine Macht, indem er den armen Typen abfüllt, bis er nicht mehr gerade gucken kann.

Was unter Umständen noch ein paar für den Vater angenehme Nebeneffekte hat: Alkohol macht gesprächsbereiter und oft auch ehrlicher. Gerade wenn die Tochter nicht anwesend ist, kann man den neuen Typen dann also wunderbar nach seinen „Absichten“ fragen.

 

Ein Freund von mir vermutete sogar noch einen anderen Grund für das Abfüllen: Egal, bei welcher seiner Ex-Freundinnen er eingeladen war, immer musste er sich mit ihren männlichen Verwandten betrinken. Gerne dauerte die Sauferei auch Mal bis fünf Uhr morgens. Das hatte dann auch den Effekt, dass er jedes Mal zu fertig war, um mit seiner Freundin zu schlafen. Er vermutete dahinter die volle Absicht der Väter, den Sex zumindest in ihrem Haus zu unterbinden.

 

Am Ende steht aber oft, und das ist das Gute daran, die Verbrüderung: Am nächsten Tag hatten alle bei uns zu Hause den Kater ihres Lebens. Mein Bruder kam irgendwann um drei Uhr nachmittags hervor und stöhnte nur noch „Grappaahh“, grinste meinem Freund aber verschwörerisch zu. Und auch von meinem Vater bekam er ein anerkennendes Schulterklopfen. Er war, das sollte das wohl heißen, jetzt endgültig in meiner Familie angekommen.

 

Dass ich am Ende diejenige war, die nachts den vollgereierten Blumenkübel ausleeren durfte, behielt ich für mich.

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