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Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Jedes Kind weiß – spätestens, seitdem es mit 15 Jahren mit seinen Freunden Silvester gefeiert hat –, dass es sowas wie einen Alkohol-Kater gibt. Was nicht jedes Kind weiß: Nach Abenden, an denen man je nach Form einen oder sieben Gin Tonic zu viel getrunken hat, kann es einem auch emotional schlecht gehen. Manchmal ist das körperliche Unwohlsein gar nicht das Problem. Sondern der Psycho-Kater. So auch bei mir damals, mit 15. Mein erster, signifikanter Kater körperlicherseits wurde begleitet von einer durchdringenden Traurigkeit, Schamgefühl und der generellen Auffassung, dass irgendwas nicht richtig sei.

Also für alle, die nach einer Party höchstens mit Ibu800 und einem Eimer auf dem Sofa liegen, ansonsten geistig aber keinerlei Probleme haben: Der Psychokater ist die emotionale Variante des In-die-Ecke-Kotzens. Ein Down, das man nach dem Konsum von Alkohol erfährt. Das muss nicht mal viel sein. Je nachdem, wie ausgeprägt diese Gefühle bei einem sind, reichen auch schon ein paar Bierchen, um die Displayfarbe der Welt am nächsten Tag auf schwarzweiß zu stellen. Alles was im Leben schief läuft, läuft am Tag dieses Gefühlskaters doppelt schief. Nur ne 2.0 geschrieben? Fühlt sich an wie eine 4.0. Gestern etwas Peinliches gemacht? Fühlt sich an, als hätte man NUR Peinliches gemacht. Der Hund ist gestorben? Der Hund ist zweimal gestorben!

 

Katern ist kult – das Psychokatern nicht

Das Problem: Der körperliche Kater ist irgendwie akzeptiert. Meine Freunde wussten das sonntägliche Kollektiv-Koma als fast sakrales Happening zu inszenieren. Katern war kult. Das Psychokatern nicht.

Daher: Totschweigen, die Decke über den Kopf ziehen und hoffen, dass der Emo-Kater einen nicht findet. Wenn ich mich eines Abends besonders weggeschossen habe (und es mir am nächsten Tag entsprechend ging), habe ich dazu dann immer die erste Staffel OC California angeschaut. Besser noch funktionieren vermutlich richtig trashige Netflix-Shows, die man nur mit solch absurden Gefühlsachterbahnen verkraften kann.

Aber man kann den Gefühlskater so betont ignorieren und aus dem Zimmer scheuchen wie man möchte, für gewöhnlich bleibt er an deiner Seite sitzen wie ein treues Haustier. Ab und an hört man ihn dann süffisant schnurren. Den Penner.

Da hilft nur eins: Mit jemandem darüber reden. Oder eher: schreiben, denn man will ja alleine sein. Will man wirklich nicht mal schreiben, kann man seinen Freunden einfach das Lied „Alles Grau“ von Isolation Berlin schicken und unkommentiert lassen. Klappt auch.  

Die Herkunft des Gefühlskaters ist einfach zu erklären. Die miese Laune ist eine ganz normale, körperliche Reaktion auf den Alkoholkonsum. Das weiß man als Heranwachsender nur leider nicht zwingend. Da fühlt sich der Psychokater wie dieses große, unbestimmte Ding an, über das bloß nicht gesprochen wird und das hoffentlich irgendwann aufhört.

Iss den Emo-Kater weg

In einem Interview erklärt Andreas Heinz, der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin, dass Alkohol stark in die Hirnchemie eingreift. Er wirke einerseits wie ein Beruhigungsmittel, weil er an den gleichen Stellen andockt wie zum Beispiel Valium: „Gleichzeitig bewirkt der Alkohol aber auch, dass Dopamin ausgeschüttet wird, was eine Art Vorfreude hervorruft. Und außerdem wird noch Serotonin freigesetzt, dem man eine angstlösende Wirkung nachsagt.“

Und wenn Dopamin und Serotonin erst einmal weg – oder minimiert vorhanden sind, fühlt man sich schlecht. Der Körper reguliert diesen Haushalt in natürlichen Prozessen wieder nach oben. Aber das dauert seine Zeit. Laut Andreas Heinz ein bis zehn Tage. Wer die Vorgänge etwas beschleunigen möchte, kann das bis zu einem gewissen Grad mit seiner Ernährung tun. Cashewnüsse beispielsweise enthalten viel Tryptophan. Das wird vom Körper zu Serotonin umgewandelt.

Ähnlich heilende Wirkung wird Bananen, dunkler Schokolade, Zimt und Vollkornhaferflocken nachgesagt. Kann man prinzipiell auch einfach alles zusammenwerfen und in Berlin-Mitte als Depri-Porridge oder Kater(-Blau)-Müsli verkaufen.