Der Proll in mir

In Sachen Alkohol habe ich zwei Identitäten – eine erwachsene und den Dorfjugend-Proll. Das birgt Konflikte.
Von Charlotte Haunhorst
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Seit ich angefangen habe zu arbeiten, habe ich in puncto Alkohol einen seriösen Ruf: Ich würde zu einem Essen nie eine Flasche Wein mitbringen, die weniger als 5,99 Euro gekostet hat, kaufe für meine Partys nur Augustiner-Bier und Bombay Saphire ist mein Mindestqualitätsanspruch an einen Gin – ja, natürlich mit Gurke und Thomas Henry Tonic. Alkohol als Massenware, von dem man möglichst schnell betrunken werden sollte? Lehne ich ab.

Und dann gibt es da noch diese andere Persönlichkeit in mir. Eine, die eine zehn-Euro-Flatrate-Party mit Hemelinger Pils (einfach mal googlen, aussagekräftiger Markenclaim: „Reicht doch“) für ein unschlagbares Angebot hält. Die Strothmann-Doppelkorn im Wechsel mit Jägermeister-Shots von einer Holztheke in einem Schützenfestzelt trinkt und später lautstark grölend beim Pur-Party-Mix auf der Bierbank steht. Nennen wir diese Persönlichkeit der Einfachheit halber meine niedersächsische, denn in Niedersachsen bin ich aufgewachsen. 

Dieser Teil von mir ist ein ziemlicher Proll, der so gar nicht mit meinem seriösen Leben vereinbar ist. Einen Großteil des Jahres bin ich dementsprechend damit beschäftigt, ihn vor meinem Münchner und Berliner Umfeld zu verstecken. Und doch ist er wie ein treuer Hund, den man regelmäßig versucht, an der Autobahn auszusetzen: Jedes Mal, wenn ich nach Hause nach Niedersachsen fahre, ist er wieder da und wartet auf mich. 

Das letzte Mal hatte ich so eine Situation an Weihnachten: Kaum war ich aus dem Regionalzug ausgestiegen und hatte meine Geschenke verteilt, saß ich auch schon mit Freunden von früher in unserer Lieblingskneipe. Zwei Sex on the Beach zum Preis von einem? Gekauft! Beck’s Bier, von dem ich sonst immer betone, dass ich den Gülle-Eigengeruch unerträglich finde? Sollte man direkt im Pitcher bestellen!

Am Ende saßen wir alle völlig betrunken an einem wackeligen Holztisch, hielten pathetische Reden auf unsere Jugend und schworen, dass die Provinz zwar irgendwie öde, menschlich aber doch das allerbeste sei. Lallten noch kurz darüber, ob wir noch in der Stadthalle zu irgendeinem DJ namens Ralf oder Siggi tanzen gehen sollten, ließen es dann aber doch bleiben – irgendjemand war schon mehrmals zu unserer Erheiterung einfach umgefallen. Zu Hause habe ich mir dann noch ein paar Eier (eher Boden- als Freilandhaltung) gebraten und bin am nächsten Morgen mit sehr starken Kopfschmerzen aufgewacht – was hatte ich da gestern eigentlich schon wieder für eine Scheiße erzählt? Zum Glück hat mich so noch nie jemand von der Arbeit erlebt.

Das jugendliche Proll-Ich wird im Erwachsenenumfeld verheimlicht

Tatsächlich lassen sich meine beiden Identitäten einen Großteil des Jahres sehr gut voneinander trennen. Freunde aus Berlin oder München verirren sich nur selten aufs niedersächsische Land, Freunde von daheim halten es wiederum mit ihrer gespaltenen Persönlichkeit ähnlich wie ich – das jugendliche Proll-Ich wird im Erwachsenenumfeld verheimlicht. Aber natürlich gibt es Menschen, die diese feine Membran durchbrechen. Meist, weil sie einen sehr mögen und dementsprechend gerne wissen wollen, wo man herkommt – und da wird die Situation dann kniffelig.

Denn wenn ich mit diesen Freunden zu Hause ausgehen will, habe ich die Wahl: Bekommen sie eine authentische Erfahrung, ergo Privatparty mit sehr viel Bier und Schnaps oder sogar Dorffest? Oder versuche ich verzweifelt eine Bar oder ein Restaurant zu finden, das den Lebensgewohnheiten meiner städtischen Freunde entspricht – im Zweifelsfall also mindestens eine halbstündige Zugreise entfernt ist?

Bei dem Menschen, der mir am nächsten ist, habe ich lange gezögert, ihm meinen inneren Proll vorzustellen

 

Bei wirklich engen Freunden oder potenziellen Heiratskandidaten habe ich mich bisher meist für die erste Variante entschieden. Das war stets ein sehr guter Test für die Freundschaft oder Beziehung. Wer offensichtlich angewidert daneben steht oder um 23 Uhr bereits ins Bett gehen möchte, während ich doch gerade dabei bin, das beliebte Trinkspiel „Kartenblasen“ zum 20. Mal zu verlieren, der ist vielleicht für eine Arbeitsbekanntschaft gut – auf lange Sicht wird das allerdings nichts mit uns beiden. Weil diese prollige Seite eben zu mir gehört und ein Leben, in dem sie nicht mal ab und zu durchblitzen darf, für mich sehr anstrengend klingt. Wer hingegen um 1 Uhr nachts mit auf der Bank steht und „Jein“ von Fettes Brot schmettert, auch wenn das natürlich kein Song auf Weltniveau ist, der darf bleiben – auch wenn das alles ein bisschen unangenehm ist. Tatsächlich habe ich dabei gelernt, dass viele Freunde von mir, insofern sie selbst auf einem Dorf aufgewachsen sind, einen ähnlichen Proll in sich tragen. Die Songs sind halt andere und das Bier meist ein besseres. Trotzdem stets ein verbindendes Element.

 

Bei dem Menschen, der mir heute noch am allernächsten ist, habe ich übrigens sehr lange gezögert, ihm meinen inneren Proll vorzustellen. Weil ich nicht wusste, was es bedeuten würde, falls er ihn ablehnt. Würde ich mich dann ein Leben lang verstellen müssen? Nie mehr nach Hause fahren können? Mich trennen müssen?

 

Tatsächlich waren wir dann gemeinsam auf einem runden Geburtstag. Am Anfang wirkte er ein wenig entsetzt. Nach dem dritten Schnaps schon eher gut gelaunt, nach dem fünften wollte er tanzen. Nach meinem zehnten hat er mich dann nach Hause ins Bett gebracht. Und am nächsten Morgen, als ich aufwachte und sehr froh darüber war, dass er mich rechtzeitig aus dem Spiel genommen hatte, meinte er nur: „So einmal im Jahr können wir das auf jeden Fall machen.“ Machen wir, versprochen!

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