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Illustration: Federico Delfrati

Diese Kolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol!

Ich bin jetzt nicht mehr Mitte zwanzig, und schon gar nicht mehr Anfang zwanzig. Ich gehe unvermeidlich auf die Dreißig zu, und ich habe mich damit arrangiert. Wie bei allen End-Zwanzigern beginnt die Zeit, in der die Paare im Freundeskreis, die schon zehn Jahre zusammen sind, heiraten oder Kinder kriegen oder zumindest zusammenziehen. Ich finde das schön. Wir kaufen uns das erste Möbelstück, das nicht mehr von Ikea ist, sondern von diesem kleinen Vintage-Laden an der Ecke, der jetzt „süß“ ist und den wir früher „überteuert“ geschimpft haben, oder abonnieren – man verdient ja jetzt! – eine Zeitung. Alles unbestreitbar fantastische Ideen.

Was mir hingegen gar nicht gefällt: Dass von mir auf einmal verlangt wird, dass ich mich mit Wein auskennen soll. Wenn ich bei Freunden zum Essen eingeladen bin, möchte ich mir am liebsten auf die Zunge beißen, sobald ich die Frage gestellt habe: „Kann ich noch irgendwas mitbringen?“ Weil ich weiß, dass die Antwort lautet: „Wenn du Lust hast, bring doch noch einen guten Wein mit.“ Dass der Subtext dieser Aussage ist: „Wär schon nett, wenn du für die Getränke sorgen könntest, wenn wir dich schon bekochen“, ist mir klar. Ich bin ja kein Volldepp. Und eigentlich ist das ja auch nicht zu viel verlangt. Deswegen stehe ich sehr oft vor diesem Wein-Problem, denn zu einem liebevoll gekochten Essen wird Wein mitgebracht, kein Bier.

Das Weinregal versetzt mich in Panik

Keine andere gesellschaftliche Konvention macht mich so ratlos wie das Wein-Aussuchen. Ich stehe vor der Auswahl im Supermarkt oder sogar, je nach Geldbeutel, im Biomarkt und fühle mich, als wäre ich ein Vegetarier, der aus der Kuh das zarteste Stück aussuchen soll. Mit dem einen Unterschied, dass mir das Weinregal nicht leid tut, sondern mich eher in Panik versetzt. Und mit dem anderen Unterschied, dass ich regelmäßig Wein trinke und schon oft getrunken habe. Ich kann nur nicht sagen, ob der Wein gut war oder schlecht.

Zu meiner Unkenntnis gesellt sich dabei meine Schwäche, konsequente, beherzte Entscheidungen zu treffen. Beim Bier gibt es im Supermarkt maximal drei Sorten (und eine davon ist alkoholfrei). Beim Wein gibt es 20 Sorten. Das Weinregal ist für Banausen wie mich die schlimmste Prüfung nach Feierabend. Zuerst mal soll ich aussuchen, welche Farbe das Getränk haben soll. Rot oder weiß? Gut, da weiß man vielleicht noch, was die zu beschenkenden Freunde lieber trinken. Aber dann: Welches Herkunftsland? Frankreich? Spanien? Hauptsache Italien? Einheimischer Wein? Oder, ganz verwegen – Australien? Ich entscheide mich dann meistens für französischen oder italienischen Wein, weil ich in Frankreich schon mal schöne Weinberge gesehen habe oder weil meine Tante in einem Dorf in den Abruzzen wohnt und es eine Weinsorte gibt, die „Montepulciano d’Abruzzo“ heißt. Und weil mich das mit Australien unsagbar verwirrt. Da denke ich an große Spinnen und weite Sandstrände. Aber Wein?

Manche von meinen Freunden – wobei das eher den weiteren Bekanntenkreis betrifft – gehen auf Weinproben. Eine Horrorvorstellung. Vermutlich würde ich mich da verhalten wie die Römer in „Asterix und die Briten“. Mich vor ein Weinfass stellen und der Devise folgen: „Schlagt ein, füllt ein, trinkt aus“. Wobei ich nicht einmal weiß, ob es auf einer Weinprobe Fässer gibt. Jedenfalls, wenn man mir die Augen verbinden und mich von einem Zwei-Euro- und einem Zwölf-Euro-Wein kosten lasse würde, ich würde keinen Unterschied merken. Da müsste man mir schon Balsamico-Essig einschenken, damit ich merke, dass er anders schmeckt.

Was immer geht: nach Ettikett aussuchen

Früher, vor zehn Jahren, war das noch so einfach. Da hatten meine beste Freundin und ich die sagenhafte „Drei-Euro-Regel“: Wenn der Wein unter drei Euro kostete, war das wichtigste Kriterium für uns erfüllt – nicht zu teuer, und wir wurden lustig betrunken davon. Unsere Hausmarke wurde der „Moselwein“ einer bekannten Discounterkette. Ich weiß heute nicht mehr, wie der schmeckt, aber das war ja auch das Schöne – es war sowas von egal.

Heute suche ich aus Ratlosigkeit meistens den Wein aus, der mir selber einen Euro zu teuer scheint, oder ich wähle nach Etikett. Ist darauf ein nettes Tier skizziert, steht alles in italienischer Sprache darauf oder ist irgendetwas golden geprägt, wird der Wein gekauft. Wenn ich ihn dann zum Abendessen mitbringe und wir den Wein trinken, freue ich mich, wenn meine Freunde sagen „hey, der ist gut“. Glückstreffer. Das dezent gefärbte Tieretikett mit der italienischen Aufschrift und den goldenen Kanten hat sich bewährt – und ich wurde nicht ertappt. Ich nicke dann und sage, „ja, sehr gut“. Und steige so schnell wie möglich auf Bier um.

Manchmal glaube ich, dass meine Freunde genau das gleiche Problem haben wie ich. Vielleicht sprechen wir irgendwann einmal offen darüber – bei einer Flasche Drei-Euro-Wein.

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