Jedes Paar sollte einen gemeinsamen Drink haben

„Das ist unser Drink“ ist nämlich viel besser als „Das ist unser Song“.
Von Nadja Schlüter
Illustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Ich erinnere mich sehr gerne an den Negroni-Sommer. Mein Freund war damals noch nicht mein Freund, aber es war im Werden und wir trafen uns regelmäßig. Mit der Zeit spielten sich bei diesen Treffen eine angenehme Routine ein: Wir gingen meistens in die gleiche Bar, saßen, wenn es ging, am gleichen Platz am Tresen und tranken den gleichen Drink: er einen Negroni, ich einen Negroni. Ich mochte diese wiederkehrenden Elemente im so aufregend unroutinierten Kennenlernen sehr. Jeden Abend eine neue Geschichte und neue Nuancen eines Menschen entdecken, den man sehr toll findet, neue Gespräche führen und neue Gefühle fühlen, und dabei immer den gleichen sommerlich-bitteren Geschmack auf der Zunge haben – das war ungefähr so, wie auf dem eigenen, sehr bequemen Sofa über eine nie gesehene, schöne Landschaft zu fliegen.

Vorher hatte ich vielleicht zwei, drei Mal in meinem Leben Negroni getrunken. Das ist vermutlich ein weiterer Grund, aus dem ich diesen Drink bis heute so sehr mit unserer Dating-Phase verbinde. Er war keine Routine, er wurde erst zu einer. Wenn ich damals bestellt hätte, was ich vorher schon immer bestellt habe, hätte das nicht den gleichen Effekt gehabt. Aber so fühle ich mich heute noch in diesen Sommer zurückversetzt, wenn ich Gin, Wermut und Campari schmecke. Ich habe dann auf einmal eine Vorfreude im Bauch. Kriege gute Laune. Und fühle mich verknallt.

Das ist so ähnlich, wie wenn ein bestimmter Song bestimmte Gefühle auslöst. Weil man ihn auf einer Reise, bei einem ersten Kuss, während eines fiesen Liebeskummers gehört hat. Dass zwei Menschen behaupten, Lied XY sei „unser Song“, ist ja auch schon fast ein Paar-Klischee. Aber ich finde: „Unser Drink“ ist besser! Ein gemeinsamer Drink kann nämlich viel mehr als ein gemeinsamer Song. 

Ein Song, ja, der läuft plötzlich irgendwo und dann fühlt man sich unvermittelt in einen Moment voller Liebe versetzt. Klingt natürlich romantisch und passiert einem mit einem Drink sicher nicht, denn der wird niemals ganz zufällig vor einen hingestellt. Aber dafür hat man mit einem Song diese Paar-Momente auch weniger gut in der Hand. Kann sich irgendjemand etwas Gezwungeneres vorstellen, als ein Paar, das sich extra einen bestimmten Song anstellt, um dann… ja, was eigentlich? Dazu zu knutschen oder Sex zu haben? Zu Abend zu essen? Ihn einfach nur anzuhören, während man nebeneinandersitzt? Geht gut auf einer Autofahrt, geht gar nicht im eigenen Wohnzimmer. 

Erinnerungen, die durch einen Geschmack hervorgerufen werden, sind die intensivsten

Aber mit einem gemeinsamen Drink ist viel mehr Aktivität, viel mehr gemeinsame Unternehmung verbunden. Er sorgt nämlich dafür, dass man sich immer wieder aufs Neue datet – und regelmäßige Dates mit dem Partner sind wichtig und gesund für die Beziehung. Auf einen Drink muss man sich verabreden. Und um den Drink herum gibt es eine ganze Reihe schönster Rituale, die zusammen das Date ergeben: eine Uhrzeit ausmachen. In die Bar gehen. Einen Platz finden. Den Barkeeper grüßen (der damals vielleicht dachte „die turteln“ und heute vielleicht denkt „die turteln ja immer noch!“). Bestellen. Anstoßen. Reden. Gemeinsam einen Schwips kriegen. Sich zufällig berühren. Noch mehr Reden. Sich küssen. Arm in Arm beschwipst nach Hause gehen. 

Bei all dem darf man vor allem die Wirkung von Geschmack nicht unterschätzen. Erinnerungen und Gefühle, die durch einen Geschmack hervorgerufen werden, sind manchmal die intensivsten von allen. Gerade, wenn es um Gefühle geht, die mit Heimat, Wohlfühlen, Sicherheit zu tun haben. Wie beruhigend es sein kann, in der Fremde etwas Gewohntes zu schmecken, das weiß fast jeder. Und dass man manchmal weinen muss, wenn man etwas nach Omas Rezept isst, nachdem sie vor Kurzem gestorben ist, auch. Darum ist es auch für eine Beziehung toll, wenn sie einen bestimmten Geschmack hat. Wenn beide Menschen etwas gerne trinken oder essen und es darum immer wieder trinken oder essen. Denn dann melden die Geschmacksnerven jedes Mal aufs Neue: „Alles ist gut, der andere ist da.“

Sollte ich also jemals vergessen, dass mein Freund der beste Mensch der Welt ist, dann muss er mich schnell in dieser Bar an den Tresen setzen und uns zwei Negronis bestellen. Beim ersten Schluck fällt es mir dann ganz sicher wieder ein.

Alkohol und Dates und Beziehungen? Dazu gibt es noch mehr zu sagen:

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