Der Kampf im Netz wurde wohl noch nie so heftig geführt

Größere Angst sollte uns aber die Routine machen, mit der es passiert.
Von Jakob Biazza
Illustration: Katharina Bitzl

Schwer zu sagen, wann die Reaktionen, wann vor allem die Bilder im Netz endgültig unerträglich waren. Vielleicht als die unsägliche Karikatur wieder auftauchte, die den Islam so pauschal verurteilt: Drei bärtige Männer halten da eine riesige, runde Bombe hoch. "Islam" steht auf ihr. Vier weitere haben einen wackeligen Huckepack-Turm gebildet, um die von oben herabbaumelnde Lunte anzünden zu können. „Radical“ steht unter ihnen. Und „Moderate“ unter den Bombenhaltern. Einer der „Radikalen“ hält einen bluttriefenden Säbel in der Hand. Dem „Moderaten“, der die Bombe mit der offenbar größten Kraftanstrengung stemmt, entweicht ein Furz.

Vielleicht war der Punkt auch erreicht, als das Bild von Angela Merkel geteilt wurde – Blutspritzer im Gesicht, die blutbesudelten Hände beschwichtigend gehoben. Darüber in rot-brüllenden Ballerspiel-Lettern die Aufforderung: „Resign Now!“ Zurücktreten, jetzt! Zwölf Menschen sind tot. Mindestens 48 verletzt. Und die Bundeskanzlerin hat das Blut dieser Menschen an ihren Händen kleben. Wegen ihrer Flüchtlingspolitik. Weil sie die Grenzen geöffnet und damit Terroristen reingelassen hat, die jetzt mit LKW auf Weihnachtsmärkten grausam morden. So übersetzt sich diese widerwärtige Fotomontage (die wir wie die anderen Bilder bewusst nicht zeigen wollen).

Reaktionen der Gegenseite: eher strenge Polemik gegen denjenigen, der das Bild gepostet hat, die von „Lösch dich!“ über „Fall bitte tot um“ bis „Tu der Welt einen Gefallen und erhäng dich“ gehen.

Auch schwer zu sagen damit, wann die Diskussionen und Wortmeldungen endgültig vergiftet waren. Vielleicht, als der User mit dem „Politiker haften für ihre Flüchtlinge“-Bild auf Twitter mäkelt: „Täter soll #Pakistaner sein. Hat denn natürlich nichts mit nichts zu tun.“ Dazu die Hashtags #Berlin, #Anschlag, #Islam, #Weihnachtsmarkt. Vielleicht, als ein anderer dort schreibt: „Und in deutschen Redaktionen googlen sie gerade hektisch 50 Synonyme für ‚#Einzelfall’“. Als ein dritter ARD und ZDF als „Merkelsender“ bezeichnet? Vielleicht auch erst, als das Bild von Martin Schulz herumgereicht wird, möglicher Kanzlerkandidat der SPD. Unter seinem Portrait ein ironisch in den neuen Kontext gestelltes Zitat des Politikers: „Was die Flüchtlinge zu uns bringen, ist wertvoller als Gold.“

Um auch hier den Subtext lieber mitzuliefern. Das alles will sagen: Mindestens zwölf Menschen sind tot. Mindestens 48 verletzt. Und schuld daran sind die Gutmenschen, die auf Dialog statt auf Abschiebungen setzen. Die die Asylpolitik der Regierung verteidigen oder gar ausbauen wollen, statt die Grenzen zu schließen. Und die Systempresse, die die Wahrheit aus demselben Gutmenschendünkel heraus verschleiert. Und wir, die besorgten Bürger, haben davor schon lange – eigentlich schon immer – gewarnt. All das wurde natürlich in die Welt geblasen, bevor man Haltbares zu Täter geschweige denn Motiv wusste. Und nein, all das wird nicht wahrer, weil es wohl tatsächlich ein Anschlag war. Alles nicht argumentativ sauberer, wenn sich herausstellt, dass der Täter tatsächlich ein Flüchtling war. Oder Islamist.

Reaktionen der Gegenseite: eher resigniertes Abwinken. Kommentare, die in der echten Welt eher einem matten Seufzen entsprächen. „Du wirst es echt nie verstehen, oder?“ Die Dramaturgie hinter dem verbalen Zündeln ist inzwischen eben bekannt. Man erwartet das. Was soll man denn auch tun?

Alles scheint schneller zu kommen. Reflexhafter. Und damit seltsam phrasenhaft.

Kurz zusammengefasst also bis hierhin wenig Neues: Rassisten beherrschen Memes. Populisten haben den Liberalen die Ironie entrissen, mit der die sich jahrelang über sie erhoben haben. Die Skepsis gegenüber Eliten nimmt zu. Und deren pikiertes Naserümpfen darüber auch. Alles bekannt.

Und dennoch scheint es, als gewänne die Logik der Netzdiskussionen nach dem Anschlag in Berlin noch mal eine neue Dimension – vielleicht sogar Qualität. Einerseits in ihrer Heftigkeit – die Bilder und Provokationen müssen natürlich immer lauter, unverschämter, widerwärtiger werden, um noch gehört zu werden. Die Reaktionen auf sie emotionaler und heftiger.

Andererseits ist da aber diese beinahe traumwandlerische Routine. Die Professionalität, mit der die Zündler und Bedenkenschreier ihre Argumente und Polemiken ins Netz choreographieren. Die Mühelosigkeit, vor allem aber die Selbstverständlichkeit, mit der sie den Anschlag für billige Witze und einfache Parolen missbrauchen. Und auf der anderen Seite die Warnungen eben davor. Die Gewissheit, dass das passieren wird. Und das fast resignierte Achselzucken, wenn es passiert.

Das alles scheint schneller zu kommen. Und vor allem reflexhafter. Vorhersehbarer. Und damit seltsam phrasenhaft. Die jeweiligen Hashtags und Gegen-Hashtags, Solidaritäts-Zeichnungen und Hassbilder, die pauschalen Urteile und die Warnungen vor ihnen – all das scheint auf Dinge zu reagieren, bevor die überhaupt in der Welt sind. Es antizipiert, was kommen wird. Und es hat quasi immer recht mit der Vorhersage. Ein Schlagabtausch wie in einem endlosen Wrestling-Kampf.

„Verbreitet keine Gerüchte, und hört nicht auf die Arschgeigen, die dieses schreckliche Ereignis jetzt für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren. Das ist nämlich das Allerletzte“, twittert Jan Böhmermann, der in seinem Selbstverständnis ja doch immer noch etwas mehr zum Bundespräsidenten der Generation Y wird. Und zwar noch bevor die schlimmeren Instrumentalisierungen und Bilder kommen. Eine der sanfteren Antworten: „Ausgerechnet Böhmermann der Ziegenficker-Ficker ruft zur Besonnenheit auf. Einfach mal das Maul halten.“

Antizipation. Reaktion. Und danach ein seltsam schales Gefühl von „Nun ja, so ist es nun mal“.

Wie gespalten eine Gesellschaft ist, auch so eine Phrase natürlich, sieht man am besten, wenn man sie in Ausnahmesituationen beobachtet. In guten, wie in schlechten. Aber leider vor allem in schlechten. Es ist eine schlechte Zeit. Und wenn man sieht, wie die Gesellschaft im Netz reagiert, kann man ein bisschen Angst bekommen.

Was wirklich Angst macht: wie selbstverständlich und vorhersehbar die Gesellschaft in diese zwei Lager zerfällt

Weniger, weil sie so heftig reagiert. All den Widerlichkeiten und Unmenschlichkeiten steht ja zum Glück noch eine weitaus gigantischere Welle von Solidarität, Liebe und Intellekt gegenüber. Die Reinigungsmechanismen funktionieren da noch. Man kann in diesem Verhältnis der Lager wohl noch gut Demokratie machen. Was wirklich Angst macht, ist eher, wie selbstverständlich und vorhersehbar die Gesellschaft in den Sozialen Medien gerade in diese zwei Lager zerfällt. Wie wenig uns all das noch überrascht. Und wie tief verankert die Gewissheit auf beiden Seiten zu sein scheint, den Kontakt zum anderen Teil der Gesellschaft verloren zu haben. So weit, dass man nur noch übereinander redet.

Ob man da jemals wieder herausfinden kann? Keine Ahnung. Und noch weniger Ahnung: wie. Aber es wird mit Dialog zu tun haben. Und dafür vielleicht doch eine Idee – wahrscheinlich ist es sogar ein Appell: Es wäre jetzt vermutlich eine wirklich exzellente Zeit, um die Ironie und den Argwohn abzustellen. Und eine noch bessere Zeit, um zuzugeben, dass man Angst hat. Angst vor Terrorismus. Angst davor, dass wir gegen die Gefahr am Ende des Tages doch nichts tun können. Angst vor Schmerzen und Tod und Verlust. Angst vor Fremden. Angst vor Fremdenhass. Angst vor Fanatikern und davor, selbst zu einem zu werden. Angst vor der Angst. Wir haben nämlich alle Angst.

Wenigstens ein Gefühl, das uns gemein ist. Vielleicht können wir auf dem aufbauen?

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