selbstdarstellung katharina bitzl
Illustration: Bitzl

Alycia Marie sitzt in ihrem Schlafzimmer und hält Beauty-Produkte in die Kamera: Lippenstifte, falsche Wimpern und Augenbrauen-Kram. Das und paketeweise mehr haben ihr große Kosmetikfirmen für lau zugeschickt – damit sie tut, was sie gerade tut: Werbung machen. Beim Auspacken einer Badekugel ist Alycia vollkommen verzückt: „Die ist ja niedlich. Ich liebe liebe liebe Lush-Badekugeln. Ja! Baden!“ Dabei strahlt sie mich – und hunderttausend andere Menschen vor deren Bildschirmen – so liebenswert glücklich an, dass ich ganz neidisch werde.
 

Mein Arbeitstag bestand bis vor kurzem zu großen Teilen ebenfalls darin, teure Beauty-Produkte aus edlen Verpackungen zu schälen. Allerdings saß ich dabei in den Räumlichkeiten einer kleinen Beauty-Redaktion auf einem wackligen Bürostuhl, dem zwei Rollen fehlten. Die Produkte waren nicht für mich, sondern für meine Vorgesetzten. Ich sortierte das Zeug drei Monate lang für Hungerlohn und Praktikumszeugnis.

Während ich – 22, weiblich, auf Perspektivsuche – die klassischen Stationen Studium, Auslandsaufenthalt und Praktika abgeklappert habe, ging Alycia nach dem Abitur nicht den Standard-Weg. Sie gab sich dem Strudel Internet hin – und lernte, ihn viel geschickter zu nutzen, als ihr die meisten zugetraut hätten. Heute ist Alycia „Ally“ Marie 25 und verdient, wenn man den Schätzungen auf der Webseite socialblade.com glauben darf, bis zu 8.000 Euro im Monat mit ihren Youtube-Videos.

Kennengelernt haben wir uns vor zehn Jahren in einer Gruppe des Onlineportals SchülerVZ, das heute längst nicht mehr existiert. Wir bewerteten unsere Selbstporträts mit Zahlen zwischen eins und zehn. Wir fanden uns beide immer nur so acht, manchmal, wenn das Foto Sepia war, auch neun. Dass Alycia, die lieb-gemeinte Acht oder Sepia-Neun mit ihren Videos einmal so viel Erfolg haben würde, dass sie zum Star einer Horde Jugendlicher werden würde, die sich „die Allygators“ nennen, hätte ich damals nie gedacht. Aber diese Allygators gibt es. Seit Jahren – und wenn man alle Abonnenten auf Alycias Hauptkanal dazu zählt, sind es fast eine halbe Million.

Dass ich mich damals so geirrt habe, zeigt auch, wie viel sich im letzten Jahrzehnt getan hat. Während wir erwachsen wurden, sind Internet und Social Media explodiert und haben die Welt verändert – und damit auch die Wege, über die man als junger Mensch ins Berufsleben finden und wie man arbeiten kann. 2007, als Alycia mir ihr erstes, pixeliges Youtube-Video schickte, in dem sie mit noch wackliger Stimme sang, war Youtube zwei Jahre alt. Das Partnerprogramm, mit dem man mit seinem Kanal Geld verdienen kann, war gerade erst entwickelt worden. Likes und Follower waren noch keine Währung, den Begriff „Influencer“ – so nennt man heute unter anderem Aufmerksamkeitsprofis wie Alycia, die sich selbst und die Produkte anderer über Social Media vermarkten – kannte so noch niemand. In meiner dreizehn Jahre alten Welt war Alycias Gesangskarriere jedenfalls eine ebenso utopische Teeniefantasie wie mein Traumberuf als Schriftstellerin.

Heute haben wir beide mehr oder weniger erreicht, was wir uns damals vorgenommen hatten. Alycia, die Sängerin werden wollte, hat neben ihrem Haupt- auch einen Musikkanal, sie hat eine CD mit eigenen Songs herausgebracht und ist auf Tour gegangen. Ich bin zwar keine Schriftstellerin, wie ich mir das früher vorgestellt hatte. Aber ich schreibe – zum Beispiel diesen Artikel. Ich habe aus dem bereits bestehenden Ausbildungs-System ausgewählt, was machbar schien und meinem Traum an Nächsten kam. Alycia dagegen hat sich und ihren Beruf in einem System entwickelt, das selbst gerade erst am Entstehen war: dem der Social-Media-Vermarktung.

Das ist in ihrem Beruf sowieso besonders wichtig: Zu verstehen, dass es nicht reicht, nur Youtubevideos zu machen. Dazu erklärt mir Alycia heute: "Inzwischen läuft viel über Snapchat und Instagram. Dort habe ich sehr persönlichen Kontakt mit meinen Zuschauern, mit manchen sind sogar Freundschaften entstanden. Ansonsten mache aber auch bei Aktionen wie "#100daysofmakeup" mit. Dabei schminkt man hundert Tage lang jeden Tag einen anderen Look, den man dann auf Instagram postet. Das wird gerne belächelt, war aber wirklich eine verdammt anstrengende Zeit!"

Alycia wurde von einer Sängerin, die Youtube nutzte, zu einer Youtuberin, die auch singen kann

Erst war ihr Kanal nur ein Hobby neben der Schule und während ihrer Auszeit danach. In der wollte sie eigentlich an ihrer Musikkarriere arbeiten. Doch anstatt mit Plattenfirma als Musikerin groß rauszukommen, wurden die Youtube-Videos zu Alycias Hauptberuf. 

2011 landete sie mit ihrem Cover eines Lena-Meyer-Landrut-Songs in einem Beitrag bei TV Total. Das Video wurde daraufhin etwa 500.000 Mal geklickt, sie gewann tausende Follower und wurde ein bisschen berühmt. Auch durch die Zusammenarbeit mit den damals erfolgreichsten Youtubern Deutschlands: Sie sang in Videos von „Die Außenseiter“ Parodien auf bekannte Songs. Diese Videos – mit Titeln wie „ich tanz wie ne Kuh“ – wurden millionenfach geklickt, ihr Fokus verschob sich: Alycia wurde von einer Sängerin, die Youtube nutzte, zu einer Youtuberin, die auch singen kann.

 

Zu diesem Zeitpunkt schleppte ich mich durch die elfte und zwölfte Klasse des G8 Richtung Abitur. Das hatte ich dann 2012 - ein Jahr später als Alycia – mit guten Noten bestanden. Anders als sie freute ich mich aber nicht über meinen Abschluss. Er machte mir Angst. Denn ich musste sofort wissen, was als Nächstes kommen sollte. Studieren, dachte ich. Aber wo? Und was eigentlich? Will ich Archäologin sein? Wie wird man Literaturkritikerin? Warum nicht Jura ausprobieren? Wie bezahle ich das alles und finde eine Wohnung?

 

Inzwischen lief es auch bei Alycia nicht mehr so gut: Gerade als es für mich – als mittlerweile anonyme Zuschauerin – so aussah, als würde es Sinn ergeben, dran zu bleiben, gab sie beinahe auf. Die Mehrheit der Zuschauer – nämlich die, die über „Die Außenseiter“ auf ihren Kanal gekommen waren – wünschten sich deutsche Videos von ihr. Weniger englische Songs, dafür mehr Selbstdarstellung: Zeigen, was in ihrer Tasche ist. Erzählen, wie es mit ihrem Freund so läuft.

 

Ihr Arbeitsplatz ist nach wie vor ihr Kinderzimmer, ihr Job ist es, ihr Leben mit anderen zu teilen

 

Alycia erinnert sich noch gut an diese Zeit: "Ich wusste  gar nicht mehr, wem ich eigentlich gerecht werden wollte – meinen eigenen Wünschen oder denen der Zuschauer? Ich war total überfordert mit dieser Entscheidung und habe dann einfach angefangen, alles auf einmal zu machen." Sie erschuf also verschiedene Kanäle: Musik-, Lifestyle- und Gemeinschaftskanäle mit anderen Youtubern. Die Zuschauer waren verwirrt, die Klickzahlen schrumpften, die Kommentare wurden gemeiner. Alycia war frustiert. Irgendwann lagen ihre Kanäle brach.

 

Ich hatte mich währenddessen für ein Journalistikstudium entschieden und liebte mein Studentenleben. Die Selbstständigkeit, die neue Perspektive, die Partys. Ob Alycia wusste, was sie verpasste? Ich glaubte nicht. Denn aus hunderten Kilometern Entfernung sah ich zu, wie sie nach Monaten der Stille langsam ihre Kanäle wieder zum Laufen brachte – mit deutschsprachigen Makeup-Tutorials als Schwerpunkt.

 

Die meisten meiner Bekannten glauben, Youtuber würden nicht arbeiten. Nachdem ich zehn Jahre lang mitbekommen habe, wie viel Geduld und Risikobereitschaft sie für ihren heutigen Erfolg aufbringen musste, denke ich nicht, dass sie es leichter hat als andere. Ich habe gesehen, wie sich ihr Kinderzimmer allmählich in eine Art Studio verwandelte und wie sich die Qualität ihrer Videos ständig verbesserte. Immer wieder kamen neue Lichter dazu, sie tauschte ihre Kamera aus. Die Produkte, die sie früher für ihre Tutorials noch selbst hatte zahlen müssen, haben über die Jahre ein kleines Vermögen gefressen. Jahrelang hat sie also den Großteil ihrer Werbeeinnahmen in die Qualität ihres Kanals investiert. Finanziell lohnt sich Youtube deshalb erst seit etwa zwei Jahren richtig für sie.

 

Seitdem laufen ihre Kanäle aber relativ stabil, wie sie selbst sagt: "Kein Video bleibt wirklich unbeachtet. Das ist eigentlich das Schönste am Erfolg, denn in jedem einzelnen steckt sehr viel Arbeit. Der Aufwand variiert aber natürlich auch stark von Video zu Video. Wenn ich aus meinem privaten Leben erzähle oder Spiele mit anderen Youtubern spiele, dauert das zum Beispiel weniger lang, als wenn ich einen Fantasy-Look für einen Wettbewerb schminke." Das Filmen selbst kann viele Stunden dauern. Beim Schneiden ist sie perfektionistisch – unter sieben Stunden kommt sie dabei selbst bei kurzen Videos nicht. Außerdem hat sie als Youtuberin ja noch andere Aufgaben, die bei über 400.000 Abonnenten viel Zeit und Mühe kosten: Kommentare lesen und beantworten, die sozialen Netzwerke bedienen, sich mit dem eigenen Netzwerk und Management absprechen.

Alycia arbeitet durchschnittlich etwa acht Stunden am Tag, manchmal sind es nur sechs, manchmal 13. Ein Wochenende gibt es genauso wenig wie die Trennung von Beruf und Privatem: Ihr Arbeitsplatz ist nach wie vor ihr Kinderzimmer, ihr Job ist es, ihr Leben mit anderen zu teilen.

 

Ewig wird Alycia mit Youtube wahrscheinlich kein Geld verdienen können, denke ich mir. Vielleicht ist das aber auch nur eine ähnlich pessimistische Sichtweite wie vor zehn Jahren. Damals dachte ich ja auch, das wird nichts. Alycia hat dagegen eigentlich keine Angst vor ihrer beruflichen Zukunft: "Man findet schließlich immer irgendetwas. Studieren kann ich später noch und die Musik läuft mir auch nicht davon", sagt sie am Ende unseres Gesprächs, optimistisch wie immer.

 

Ich bin trotzdem froh, dass ich dieses Hadern, wohin es gehen soll, schon hinter mir habe. Denn selbst, wenn mir keiner herrlich duftende Pakete schickt, wähne ich mich auf der sicheren Seite.

 

Mehr über das Arbeitsleben: