Im Dornröschenschlaf

Wer zum Studieren in eine neue Stadt zieht, muss sie erst mal kennenlernen. Wir probieren das in 24 Stunden. Dieses Mal in: Göttingen.
eva-hoffmann
Illustration: Katharina Bitzl

Mehr Infos zu Göttingen gibt es unter dem Label Atlas Göttingen, den kompletten Studentenatlas samt interaktiven Stadtkarten findest du hier. In den kommenden 24 Stunden muss ich so unvoreingenommen wie möglich sein. Denn das Einzige, was ich bisher mit Göttingen verbinde, ist eine qualvolle Erinnerung aus der Schulzeit: In Französisch mussten wir das Göttingen-Lied der Sängerin Barbara übersetzen. Sie vergleicht darin die Kleinstadt an der Leine mit Paris an der Seine, was mir absurd vorkam. Das Ergebnis war ein holprig übersetzter Schmalztext und eine schlechte Note.

Erster Eindruck: Vielleicht hatte Barbara recht. Die Zugfahrt nach Göttingen führt über die herbstlichen Ausläufer des Harzgebirges, durch kleine Fachwerkdörfchen bis zum überschaubaren Bahnhof, der einen auch noch mit „Willkommen in der Märchenstadt” empfängt. Draußen sieht es dann aber doch so märchenhaft aus, wie es vor Kleinstadtbahnhöfe eben aussieht: Ein Bäcker mit fettiger Schaufensterscheibe, eine bemüht futuristisch wirkende Bushaltestelle aus Glas und ein verlassener Betonvorplatz, auf dem ein Zeitungsmann Klatschblättchen verkauft.

Es ist Mittwochvormittag und das ist Absicht, denn der Mittwoch ist der Studententag in Göttingen. Da soll am meisten los sein. Miri holt mich ab. Ich erkenne sie an ihrem quietschrosa Fahrrad. Seit einem guten Jahr wohnt sie in Göttingen und studiert irgendwas mit Medizin und Molekülen. „Im Vergleich zu Villingen-Schwenningen, wo ich meinen Bachelor gemacht habe, ist Göttingen eine Großstadt im Kleinformat. Es gibt alles, was man zum Leben braucht”, sagt sie. Länger als zehn Minuten müsse man mit dem Fahrrad nirgendwohin fahren. „Ist eine Party weiter weg, muss sie schon echt gut sein, damit ich mich noch aufs Rad schwinge.”

Der Göttinger Semesterbeitrag ist der Jackpot unter den Studiengebühren

Auf dem Bahnhofsvorplatz schlängeln wir uns durch ein Meer aus Fahrrädern. Miri meint, die meisten davon seien Zweiträder, weil viele Studenten aus umliegenden Städten pendeln. Der Göttinger Semesterbeitrag von 291 Euro ist der Jackpot unter den Studiengebühren: Er enthält eine Bahnnetzkarte für Niedersachsen, mit der man teilweise auch in angrenzende Bundesländer fahren kann. Wer sein Fahrrad am Bahnhof stehen lässt, sollte aber in ein teures Schloss investieren: Göttingen ist deutschlandweit auf Platz zwei der Fahrraddiebstähle. Gleich hinter Münster.

Auf dem Weg zum Campus zeigt Miri auf jedes zweite Gebäude und sagt „Das gehört zur Uni.” Die prachtvollen Häuser könnten auch Museen sein, kleine Marmortafeln beweisen, wer hier schon Karriere gemacht hat. 40 Nobelpreisträger und lauter große Namen: Goethe, Humboldt, Grimm. Einschüchternd. Nahezu jeder fünfte der knapp 130 000 Einwohner Göttingens studiert. Und auch um uns herum verdichtet sich der Strom aus jungen Leuten, die zum Campus hetzen. Vom Bahnhof brauchen wir gerade mal fünf Minuten dahin. Vor der Mensa hat sich bereits eine Schlange gebildet. Von außen sieht das Gebäude wie eine Mischung aus Palast der Republik und Parkhaus aus. Das Essen soll aber gut sein, sagt Miri. Rundherum breitet sich die Uni wie eine Krake aus Beton zwischen perfekt gestutzten Rasenflächen aus. Wer hier eine der schönen Altbauwohnungen am Kreuzbergring oder einen Wohnheimplatz ergattert, kann theoretisch sein Studienleben in einem Radius von 500 Metern verbringen.

Das Revolutionäre ist Göttingen geblieben

Auf dem G7-Platz treffen wir Tim, der eine Pizza vom campuseigenen Italiener dabei hat. „Der Platz hat nichts mit dem G7 Gipfel zu tun”, erklärt er. Vor knapp 200 Jahren haben hier sieben Professoren gegen die Aufhebung der Verfassung im Königreich Hannover protestiert. Natürlich waren die Grimms auch dabei. Das Revolutionäre ist Göttingen geblieben, der Uni-Asta ist ziemlich aktiv. „Wadenbeißer” heißt die von ihm herausgegebene Zeitschrift. Dann wird Tims Vortrag von einem johlenden Typen mit Krawatte und offenem Hemd unterbrochen, der uns einlädt „mit zum Liesel” in die Innenstadt zu kommen.

Ein rares Touri-Ereignis, das sollten wir anschauen, meint Miri. Die riesigen Plakate für das Gänseliesel-Fest waren mir bereits aufgefallen, den Bildern nach zu urteilen eine Mischung aus Wiesn und Misswahl. Auf dem Marktplatz angekommen kann ich beobachten, wie ein Krawattenträger nach dem Anderen auf den steinernen Brunnen in der Mitte des Platzes klettert und das Mädchen mit der Gans auf dem Arm küsst. Die anderen applaudieren. Die Liesel aus Bronze ist überhäuft mit Blumensträußen, ihr Kopf glänzt abgegrabbelt golden. Wenige Minuten und ein Gruppenfoto später löst sich die Gruppe auf.

Wir stellen uns auf den Vier-Kirchen-Punkt auf dem Marktplatz. So sehr ich mich anstrenge, ich sehe nur drei Kirchen, aber dafür einen sehr schönen Sonnenuntergang. Für einen Mittwochabend herrscht auf dem Platz immer noch ziemlich viel Treiben. „Keiner weiß genau, warum Mittwoch unser Feiertag ist. Die Partyszene hat sich einfach diesen Tag ausgesucht und die Bars und Clubs haben sich angepasst. Oder andersrum”, sagt Tim.

Wir machen jetzt, was Tim und Miri jeden Mittwoch tun, so lange es warm ist: auf den Willi gehen. Das ist ein rechteckiger Platz mit einer kleinen Grüninsel. Es ist zwar schon dunkel, aber der Wilhelmsplatz ist voll mit Studenten. Der trinkfreudige Schwarm hat etwas Familiäres.

Irgendwann flüchten wir dann aber doch vor der Herbstkälte in die Nauti-Bar. Hier hängen riesige Fischernetze von der Decke, die Tische sind aus alten Ankern gebaut. Es riecht ein bisschen muffig. „Du musst unbedingt den Tiefseetaucher probieren, das ist der beste Cocktail der Stadt”, sagt Miri. Kann ich schlecht beurteilen, aber gut möglich, dass er der alkoholischste ist. Zumindest hängen wir nach eineinhalb Tiefseetauchern sehr tief im gepolsterten U-Boot vor unserem Anker-Tisch. Dabei müssen wir doch unbedingt noch ins Kabale. Das ist Tims Lieblingsbar und die feiert heute Jubiläum. Auf dem Gehweg davor staut es sich aber bereits. „Hoffentlich kommen wir noch rein”, sagt Tim, „normalerweise gibt es in Göttingen keine Gästelisten, aber heute wird es voll.” Durch die beschlagenen Villenfenster sehe ich plüschige Sofas und abgeranzte Tapeten. „Das ist eine der letzten Raucherkneipen der Stadt”, sagt Miri. Und dann kommt doch noch Großstadtgefühl auf: Wir werden abgewiesen. Es ist halb drei nachts, auf dem Marktplatz fischt ein Müllmann die Blumen aus dem Gänseliesel-Brunnen und schmeißt sie in einen Plastiksack.

Am nächsten Morgen ist die Innenstadt völlig ausgestorben. Es wirkt, als würde die Stadt nur abends aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen. In einer Seitenstraße finde ich das Birds, ein kleines Café mit Biedermeier Möbeln und einem netten Hund, der auch zum Inventar gehört. In dem Antikladen gegenüber kaufe ich mir eine staubige Ausgabe der Grimmschen Märchen und setze mich damit ins Café. Die Wohnzimmeratmosphäre ist perfekt für ein ausgiebiges Frühstück nach einem langen Mittwoch. Auf dem Weg zurück zum Bahnhof sehe ich eine Marmortafel an einer alten Villa: Barbara, französische Chanson-Sängerin. Vielleicht hatte sie doch recht mit den Zeilen, die ich damals übersetzen musste: „Es ist nicht das Ufer der Seine, aber hier ist es trotzdem sehr hübsch, in Göttingen.”

Text: eva-hoffmann - Illustration: Katharina Bitzl

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