„Für die Faschingswoche haben wir uns Urlaub genommen“

Warum investieren junge Menschen viel Zeit und Geld in den Karneval? Drei von ihnen erzählen.
Protokolle von Katharina Steinhäuser

Fotos: Große Kölner Karnevalsgesellschaft e.V. 1882 / Privat / Bearbeitung: jetzt

Fasching, Karneval, Fasnet – wie auch immer man die fünfte Jahreszeit nennt, sie bedeutet für viele vor allem eines: Party. Es gibt aber auch junge Menschen, für die das Arbeit heißt. Sie engagieren sich seit ihrer Kindheit in Vereinen. Wir haben mit ihnen darüber gesprochen, warum sie das Fest lieben und dafür auch mal ihre Wochenenden opfern.

Ich hatte kaum eine Chance, nicht beim Fasching zu landen“

Foto: Privat

Melissa, 33, ist Faschingsprinzessin in Stadtsteinach:

„Ich hatte kaum eine Chance, nicht beim Fasching zu landen. Die fünfte Jahreszeit spielt in dem Ort, wo ich aufgewachsen bin, eine große Rolle. Als Kind habe ich mehrere Jahre in der Jugendgarde getanzt. Dadurch sind auch meine Eltern zum Verein gekommen. Als ich irgendwann wegen der Schule wieder mit dem Tanzen aufhörte, sind sie dabei geblieben. Meine Mutter näht Kostüme für die Garden und mein Vater ist jetzt seit neun Jahren Präsident des Vereins. Seit er im Amt ist, bin ich auch wieder aktiver im Fasching. Mein Job ist meistens eher im Hintergrund, zum Beispiel helfe ich bei unseren Veranstaltungen beim Bedienen und in der Bar.

Diese Saison sieht das anders aus. Am 11.11., dem offiziellen Beginn der Faschingszeit, wurde ich zusammen mit meinem Partner zum Prinzenpaar gekrönt. Das war schon länger mein Traum, es hat allerdings ein bisschen gedauert, bis ich meinen Freund auch überzeugen konnte. Als Prinzenpaar haben wir sehr viele repräsentative Aufgaben. Seit Mitte Januar sind wir jedes Wochenende unterwegs: Prunksitzungen, Pressetermine, interne Treffen. Die Hochphase beginnt dann an der Weiberfastnacht und endet mit dem Aschermittwoch. Für die Faschingswoche haben wir uns Urlaub genommen, weil jeden Tag Programm ansteht: Weiberfasching, Faschingsgottesdienst, Kinderfasching. Da sind wir als Prinzenpaar überall dabei. Davor müssen wir zum Beispiel unsere Reden vorbereiten. Die sind in Reimform und wir schreiben sie selbst. Da kann es schon mal ein paar Stunden dauern, bis man die richtigen Worte findet. Am Faschingssonntag fahren wir beim Umzug in Stadtsteinach mit. Dafür mussten wir unser Kostüm planen und ein eigenes Gefährt organisieren. Es macht mir nichts aus, dass es während der Saison stressig wird. Ende Februar ist alles wieder vorbei, das ist das Praktische am Fasching.

Als Prinzenpaar kann die Saison natürlich etwas kostspieliger werden. Im Gegensatz zu den großen Vereinen brauchen wir aber keine Sponsoren, sondern können das noch allein stemmen. Aufgrund der vielen Termine habe ich mir für meine Zeit als Faschingsprinzessin drei Kleider gekauft. Auf den Veranstaltungen geben wir auch mal eine Runde an der Bar aus. Unsere Krone und unser Zepter dürfen wir nicht aus den Augen lassen, weil es sonst ‚gestohlen‘ wird und wir es gegen Getränke auslösen müssen. Am Weiberfasching schenken wir den einzelnen Tanzgruppen Bier und Sekt, für die Kindergruppen haben wir Süßigkeiten besorgt, die Trainerinnen bekommen auch eine Kleinigkeit. Nichts davon ist verpflichtend, es gehört aber einfach dazu. Ich mache das gern, weil die Gemeinschaft einfach toll ist.“

Ich freue mich schon ab Aschermittwoch wieder auf die nächste Fasnet“

Foto: Privat

Fabian, 22, ist Vorstandsmitglied des Friburger Glunki e.V., Freiburg:

„Ich wurde quasi in meine Zunft hineingeboren, da mein Vater schon seit mehr als 25 Jahren dort aktiv ist. Ich bin damit aufgewachsen und die Zunft war wie eine zweite Familie. Als Kind fängt man als sogenannter ‚Narresome’ an. Da darf man dann auch schon auf Umzügen mitlaufen. Mit der Zeit habe ich mich dann vom normalen Mitglied hochgearbeitet. Zunächst wurde ich Chronist. Da befasst man sich mit der Geschichte des Vereins, kümmert sich um die Webseite und betreut die Kanäle in den sozialen Medien. Seit einem Jahr bin ich zweiter Zunftvogt. Ich organisiere mit dem Vorstand Dekoration, Getränke und Programm für unsere eigene Hallenveranstaltung. Außerdem planen wir die Gastbesuche bei Events verschiedener befreundeter Zünfte und Vereine. 

Es gibt Zünfte, bei denen mehr das Trinken im Vordergrund steht. Das kommt bei vielen nicht so gut an. Wir sind eine Traditionszunft, die sich auf altes Brauchtum bezieht. Die traditionelle Fastnacht wird von meinem Umfeld sehr positiv wahrgenommen. In der Hochsaison, das heißt von Anfang Januar bis Aschermittwoch, ist das ganze Wochenende verplant. An den Samstagen sind wir meist bei Hallenabenden bei anderen Zünften zu Gast, sonntags finden Umzüge und Narrentreffen in verschiedenen Städten statt. Da bleibt kaum Zeit für andere Sachen. Das stört mich nicht. Ich freue mich schon ab Aschermittwoch wieder auf die nächste Fasnet. Es ist einfach eine tolle Konstante in einer Welt, die sich stetig verändert. Ich sehe meine Freunde wieder und die Kontakte über alle Altersklassen und Zünfte hinweg sind einfach super.

Jede Zunft hat bei uns ihre eigene Narrenfigur. Dieses Kostüm heißt ‚Häs‘. Die Friburger Glunki haben einen Flecklehäs, der aus vielen kleinen Filzstücken besteht, die einzeln aufgenäht werden. Meiner besteht zum Beispiel aus 500 Fleckle. Wegen der aufwändigen Herstellung kostet ein Häs zwischen 400 und 600 Euro. Das musste ich selbst zahlen. Wenn man ihn nicht kaputt macht oder herauswächst, hat man ihn aber ein Leben lang. Auch die Masken werden nur einmal angeschafft. Holzschnitzer fertigen sie individuell an. So eine Maske kostet zwischen 350 und 600 Euro und wird bei uns vom Verein bezahlt. Das finanzieren wir durch Essen und Getränkeverkäufe auf der Straßenfasnet.“

„Meine Eltern haben sich im Karneval kennengelernt“

Foto: Große Kölner Karnevalsgesellschaft e.V. 1882

Corinna, 31, ist Mitglied im Kleinen Rat der Großen Kölner Karnevalsgesellschaft e.V. 1882. Der Verein ist mit mehr als 700 Mitgliedern die größte Karnevalsgesellschaft in Köln: 

„Ich liebe es, mich zu verkleiden. Ich überlege mir jedes Jahr neue Ideen und habe auch meist mehrere Kostüme für eine Saison. Da bin ich ein bisschen in einem Wettbewerb mit mir selbst, ich will mich immer steigern. Wenn ich offiziell bei den Großen Kölnern unterwegs bin, trage ich meinen roten Frack. Das ist unser Erkennungsmerkmal, er wird vom Verein gestellt. Ich habe bei der Großen Kölner zwei Hauptaufgaben: Ich bereite den Video-Content für die Leinwand bei unseren Veranstaltungen vor und bin an der Organisation der ,Sweet Fastelovend‘ beteiligt. Das ist eine Party, die sich an junges Publikum richtet. Sonst haben wir hauptsächlich Sitzungen, bei denen Redner*innen auftreten. Wir sind eine Familiengesellschaft, aber es gab früher kein Format für jüngere Leute. Das wollte ich ändern. Es hat mich gereizt, da etwas auf die Beine zu stellen. Bei der ,Sweet Fastelovend‘ ist nicht bestuhlt und es gibt keine Reden, nur Musik.

In der Hauptsaison, die etwa sechs Wochen dauert, haben wir elf Veranstaltungen. Das heißt: Die Wochenenden sind voll. Einen Tag in der Woche betreue ich die Hotline des Vereins. Zusätzlich bereite ich die Inhalte für die Videowand vor. Im Schnitt bin ich während der Saison etwa zwei Stunden am Tag mit Karneval beschäftigt. Durch die Arbeit im Verein sammle ich nicht nur praktische Erfahrungen aus Bereichen wie Video oder Eventplanung, sondern auch wertvolle Lebenserfahrung.

Alle Menschen um mich herum sind vom Karneval begeistert. Ich glaube, dass das etwas ganz Besonderes an Köln ist, was Außenstehende nicht so leicht verstehen. Wenn ich nur die Musik höre oder ein Alaaf, dann kribbelt es schon im Bauch. Ich empfinde einfach so viel Liebe für die Stadt und das Fest. Meine Eltern haben sich im Karneval kennengelernt. Ich bin da seit der Kindheit hineingewachsen. Meist ist die ganze Familie aktiv. Ich kenne wahnsinnig viele Leute, die irgendwann die Posten ihrer Eltern übernehmen. Ich habe damals als Kind in der Tanzgruppe angefangen. Im Jahr 2012 habe ich mit dem Tanzen aufgehört, um mich mehr an der Organisation bei der Großen Kölner Karnevalsgesellschaft zu beteiligen. Inzwischen bin ich im ,Kleinen Rat‘, ein Gremium unter dem Vorstand. Mein ganzes Umfeld engagiert sich im Karneval. Mein Freund ist auch bei der Großen Kölner und wir organisieren viel zusammen. Dadurch hatte ich auch noch nie Probleme, wenn ich während der Hauptphase weniger Zeit habe oder mich nicht so oft melde. Dann ist Karneval meine Hauptbeschäftigung.“

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