Wenn Nelly tanzen kann, fühle sie sich frei, sagt sie.

Wenn Nelly tanzen kann, fühle sie sich frei, sagt sie.

Foto: oh

Es ist kurz nach zwei Uhr morgens, als sich Nelly auf einer Mitarbeiter-Toilette des Münchner MINT-Clubs für ihren Auftritt umzieht. Ihre Garderobe ist ein Durcheinander aus Putzlumpen, Scheuermilch und einem Kehrblech. Der Raum liegt den Gang hinunter neben den Toiletten für die Clubgäste. Nelly sitzt in einem gold-schimmernden Paillettenkleid mit überschlagenen Beinen auf dem weißen Klodeckel. Make-up und Klamotten liegen verstreut auf den schwarzen Fliesen. „Die Dusche in der Ecke funktioniert leider nicht“, sagt sie. Dort stapelt sich Klopapier in dunkelblauen Plastikhüllen. Die Putzfrau benutzt den Raum als Lager. Ständig holt sie Nachschub, stößt die Tür auf und wieder zu. Nellys Füße wippen in den 545 Euro teuren Louboutins mit der unverwechselbaren roten Sohle zur Musik, die dumpf durch die Wände dringt. Nelly nimmt noch einen Schluck Gin Tonic. Ein letzter Blick in den Spiegel, sie spitzt die dunkelroten Lippen, fährt mit den Fingern durch die schwarzen Haare. Ihr gefällt, was sie sieht. Dann greift sie nach ihrem Pelzmantel und tritt von der Toilette auf die Tanzfläche.

Als Nelly vor elf Jahren den DJ im Plaza in ihrer Heimatstadt Warna in Bulgarien fragt: „Spielst du ein Lied für mich?“, antwortet der: „Nur, wenn du auf der Bühne dazu tanzt.“ Und Nelly tanzt. Sie tanzt, bis sie nicht mehr kann. In dieser Nacht bekommt sie ein Jobangebot als Go-go-Tänzerin. Damals ist sie 18 Jahre alt.

„Wenn ich tanze, fühle ich mich frei“, sagt Nelly. „Dann bin ich in meiner Welt, dann werde ich gesehen.“ Sie braucht die Aufmerksamkeit, ist stolz auf sich, stolz auf das Tanzen. Sie sagt, dass es ihr die Angst vor dem Lachen der anderen genommen hat, dass sie nur deswegen stark sein kann. Früher war das anders. Spricht sie über ihre Schulzeit, fallen immer wieder die Worte „Außenseiterin“, „auslachen“, „allein“, dann sagt sie Dinge wie: „Ich war ein hässliches Kind.“ Nelly litt als Jugendliche an schwerer Akne, ihre Mitschüler hänselten sie. Sie ekelte sich vor ihrem eigenen Körper, erkrankte an Bulimie. Und suchte sich schließlich Hilfe bei einem Therapeuten. Als der DJ des Plaza sie vor zwölf Jahren auf die Bühne holte, merkte sie, wie sich etwas änderte. Plötzlich war da niemand mehr, der lachte. „Als Kind wurde meine Stimme nie gehört“, sagt Nelly. Das Tanzen habe das geändert. Nach und nach wird sie selbstbewusster und mutiger. Selbst ihr Psychologe in Warna merkt, dass es ihr durch die Auftritte besser geht. Neben der Arbeit im Plaza am Wochenende macht sie unter der Woche ihre Ausbildung zur Kosmetikerin fertig. Irgendwann will sie jungen Mädchen helfen, die unter ähnlichen Hautproblemen wie sie leiden.

Mit 19 nimmt Nelly an der zweiten Staffel der bulgarischen Fernsehshow „Dance with me“ teil. Drei Monate macht sie nichts anderes als tanzen. Am Ende des Wettbewerbs belegt sie den siebten Platz. Im Jahr darauf verbringt sie den Sommer auf Malta. Eine Tanzagentur wird durch Nellys Teilnahme bei „Dance with me“ auf sie aufmerksam – und bietet Nelly einen Job als Tänzerin auf Malta an. Eines Abends lernt sie dort nach einem Auftritt Bruno* kennen und bleibt, statt der geplanten drei Monate, zwei Jahre.

Ein gemeinsamer Freund stellt damals Bruno und Nelly einander vor. Und als die kurz darauf jede Pause zwischen ihren Tanzshows mit Bruno verbringt, beschließt sie, ihm ihre richtige Handynummer zu geben. Bruno hat vor seinem Sommer auf Malta lange bei einer großen Bank in München gearbeitet. Doch als sich der 40-Jährige von seiner damaligen Freundin trennt, will er raus aus München, raus aus seinem Leben. Er zieht nach Malta, wo er für eine Online-Partnervermittlung die Website betreut.

„Viele glauben, dass Tänzerinnen leichte Mädchen sind“, sagt Nelly und schüttelt den Kopf

Nach zwei gemeinsamen Jahren auf Malta wollen sich Nelly und Bruno 2013 ihr Leben in Deutschland aufbauen. Bruno geht vor, er zieht zurück nach München. Nelly verbringt zuerst ein paar Monate bei ihren Eltern in Dänemark. Dann folgt sie Bruno von Aarhus nach Bayern.

Nellys Eltern leben zu dem Zeitpunkt schon seit fast vier Jahren in Dänemark. In Bulgarien, in Warna, hatte ihr Vater eine eigene Autowerkstatt. Doch weil die Kunden ständig sagten „Ich bezahl später!“ und Nellys Vater ständig antwortete „Kein Problem!“, konnte er irgendwann seine eigenen Rechnungen nicht mehr bezahlen. Seinen Laden musste er dichtmachen, suchte bessere Chancen und mehr Geld in Dänemark. Dort angekommen, fand er einen Job als Automechaniker in Aarhus. Nelly sieht ihre Eltern nur zwei bis drei Mal im Jahr, trotzdem haben sie ein enges Verhältnis, sagt sie.

Nelly in ihrem Waxing-Studio.

Nelly in ihrem Waxing-Studio.

Foto: Neumeyer

Im MINT-Club hieven inzwischen zwei Türsteher ein mannshohes Martiniglas für Nellys Auftritt auf die Tanzfläche. Nelly kann kaum über den Rand schauen. In dem Glas wird sie später wie Dita von Teese Burlesque tanzen, erklärt sie. Es ist Samstagnacht, heute ist im MINT Masquerade-Ball. „Abendgarderobe und goldene Maske“ lautet die Anweisung an die Gäste auf einem der Plakate. Und weiter: „sensationelles Programm mit akrobatischen Tänzen, Welcome Drink und Go-go-Performance“. Als Nellys Go-go-Show gegen halb drei beginnt, sind die Gäste in Abendgarderobe gegangen. Die Tanzfläche ist übersäht mit glitzernden Konfetti, die Schuhe bleiben bei jedem Schritt schmatzend am Boden kleben. 50Cent nuschelt irgendetwas über Süßwarenläden aus den dröhnenden Lautsprechern. Junge Mädchen auf schwindelerregenden High Heels reiben sich im Halbdunkeln an ihren Kerlen. Beißender Schweißgeruch hängt in der Luft.

Als Nelly vor fünf Jahren mit Bruno nach München zieht, spricht sie nicht ein Wort Deutsch. Sie hat keinen Plan, keinen Job, kein Geld. „Ich habe nicht nachgedacht. Ich wollte ihm folgen, einfach bei ihm sein“, sagt sie. Etwas anderes zählt nicht. Die beiden sprechen über gemeinsame Kinder, Heirat. In München angekommen ist Nelly einsam, findet ohne Deutschkenntnisse keinen Job, hat kaum Freunde. Sie wird depressiv, muss sich wieder Hilfe bei einem Psychologen suchen. Brunos Mutter lehnt Nelly als Freundin für ihren Sohn ab. „Viele glauben, dass Tänzerinnen leichte Mädchen sind“, sagt Nelly und schüttelt den Kopf. Seit sie als Tänzerin arbeitet, hat sie von den männlichen Gästen in den Clubs ein oder zwei Mal ein fragwürdiges Angebot bekommen. Öfter aber nicht. „Die merken bei mir schon, dass sie nicht weit kommen“, sagt sie. Ihr Ton ist bestimmt. Aber auch Brunos Mutter denkt, dass Nelly nur auf das Geld ihres Sohnes aus ist. Und als für den alles zu viel wird – die eigene Mutter, die seine Freundin verachtet, und das Durchkämpfen als Freelancer –, steht Bruno plötzlich ohne Geld da. Ab jetzt muss Nelly die Rechnungen für beide zahlen.

Eine Freundin ermutigt Nelly, sich bei der Münchner Model und Go-go-Agentur „Style of Life“ zu bewerben. Doch sie traut sich nicht. „Ich konnte ja kein Deutsch“, sagt sie. Dann meldet die Freundin Nelly einfach bei der Agentur an. Sie schafft es in die Kartei. Seitdem tanzt sie jedes Wochenende: in Salzburg im Take 5, in St. Anton auf Aprés-Ski-Partys, in München im P1 oder 2015 auf der privaten Geburtstagsparty von Bastian Schweinsteiger, verkleidet als Cowgirl. Nelly verdient seitdem viel Geld, wie viel, will sie nicht sagen, aber es reicht für sie und Bruno. Und für eine Entschuldigung seiner Mutter.

Obwohl Nelly nicht muss, tanzt sie nebenbei weiter. Weil sie will

Im MINT ist das Martiniglas mittlerweile mit kaltem Wasser und jeder Menge Schaum gefüllt. Die Gäste haben sich darum geschart: Die Jungs mit ihren Smartphones in den Händen, die Mädchen mit verschränkten Armen. Aus der Menge löst sich ein Halbstarker. Bevor ihn der Türsteher zu fassen kriegt, taucht er einen Zeigefinger in das Seifenwasser. Er lutscht ihn ab und grinst. Dann tauchen Scheinwerfer die Tanzfläche in grelles Licht und Nelly beginnt, sich neben dem Martiniglas zu dem Soundtrack von „Fifty Shades of Grey“ zu räkeln.

Seitdem Nelly in München tanzt, kann sie für sich sorgen. Doch eigentlich will Bruno sich als Mann um seine Freundin kümmern. Eine Situation, die sich für ihn seltsam anfühlt: Nelly, die als Frau den Lebensunterhalt verdient und er, der als Mann vom Geld seiner Partnerin lebt. Nelly merkt, dass die Liebe zu Bruno schwächer wird und das Pflichtgefühl, für ihn zu sorgen, größer. Sie trennt sich von Bruno, zieht aus und besucht Deutschkurse. Sie lernt schnell und beschließt, sich mit einem Kosmetikstudio selbstständig zu machen. In einem Jahr verwirklicht sie ihren Traum: An ihrem 26. Geburtstag eröffnet Nelly ein Waxingstudio im Glockenbachviertel. Im Hinterzimmer eines Friseurs hat sie ihr kleines Studio „White Velvet“ eingerichtet, ein schmales Zimmer mit hellen Wänden und winzigen Kakteen in den Regalen an der Wand. Einer Kundin, die gerade reinkommt, serviert Nelly während der Behandlung ein Glas Wein. „Das gibt’s nur bei mir“, sagt sie und grinst. „Manchmal hilft das gegen die Aufregung – und den Schmerz.“ Der Laden läuft gut, fast jeden Tag ist er ausgebucht.

Obwohl Nelly nicht muss, tanzt sie nebenbei weiter. Weil sie will. „Ich kann es mir leisten“, sagt sie. Tanzen bedeutet für sie, frei zu sein, zu leben, wie sie möchte, selbstbestimmt. Seit Bruno gab es weitere Männer in ihrem Leben. Alle müssen akzeptieren, dass Nelly tanzt. „Man darf mir nichts verbieten, sonst mach ich’s erst recht.“ Von ihrem letzten Freund hat sie sich getrennt, weil er sie heiraten wollte. Seit ein paar Monaten trifft sie sich mit einem Münchner. Vor Kurzem hat er sie für ein paar Tage nach London eingeladen. Sie hat abgelehnt.

Nelly beginnt, ein Kleidungsstück nach dem anderen fallen zu lassen. Zuerst den unechten Pelzmantel, dann das Kleid. Die Louboutins hat sie von den Füßen geschleudert, jetzt sitzt sie auf dem Barhocker neben dem Martiniglas und streift sich die beigen Strümpfe von den Beinen. Die Menge johlt. Von allen Seiten blitzen Handykameras. Dann gleitet Nelly in roter Unterwäsche und mit Goldmaske über dem Gesicht ins Wasser. Plötzlich steht ein halbnackter Kerl neben ihr. Er will mit einem Kopfsprung zu ihr ins Martiniglas. Es ist derselbe, der eben noch Seifenwasser von seinem Finger geleckt hat. Diesmal erwischt ihn der Türsteher rechtzeitig. Und Nelly? Sie tanzt einfach weiter.

Sie fängt an, sich im Glas zu räkeln, auf Knien dreht sie Pirouetten, wird immer schneller. Wasser rinnt ihren Körper hinab. Sie öffnet ihr Korsett. Die Pfiffe werden noch lauter, als sie ihren roten BH auszieht. Ihre Brustwarzen sind mit roten Pailletten-Aufklebern bedeckt. Goldener Konfettiregen setzt ein. Nelly plantscht und spritzt, dreht sich wie wild um die eigene Achse. Sie biegt ihren Körper, schmeißt ihre Beine lasziv in die Luft. Wer zu nah steht, wird nass, auch das DJ-Pult bleibt nicht trocken. Am Ende des Auftritts ist das Martiniglas halb leer. Auf dem Boden vermengt sich das Wasser mit Alkohol und Straßendreck zu einer schmierigen Masse.

Einmal haben sie ihr sogar die Unterwäsche gestohlen, erzählt sie

Nelly tritt nur in solchen Clubs auf, in denen sie nicht erkannt werden kann. Also dort, wo sie selbst oder ihre Freunde nie hingehen würden, sagt sie. Das MINT ist einer dieser Läden, nur deswegen tanzt sie hier. Sie ist seit Jahren mit der Besitzerin befreundet, sie fühlt sich hier wohl. Ob sie keine Angst hat, dass die Bilder und Videos im Internet landen? Nein, das ist unwahrscheinlich, sagt sie. Und selbst wenn, es weiß ja keiner, wie sie heißt. 

Als sie an diesem Abend nach knapp acht Minuten wieder aus dem Martiniglas klettert, wird sie vom Türsteher zurück zur Toilette begleitet. „Ey, nicht anfassen!“, bellt er auf dem Weg vereinzelt Gäste an. Auf der Tanzfläche filmen währenddessen die Jungs weiter, halten den gestreckten Daumen in Handykameras und freuen sich. Einer taucht sein Smartphone in den Schaum und kriegt dafür ein High Five.

Als die Putzfrau mit dem Schrubber aus Nellys Toiletten-Garderobe anrückt, um die Tanzfläche trocken zu wischen, sucht Nelly dort humpelnd nach dem zweiten ihrer 545-Euro-Schuhe. Nach dem Auftritt ging alles schnell, sie hat nicht alle Klamotten zu fassen gekriegt. Den Dreck auf dem Boden ist sie gewohnt, nur wenn jemand ihre Sachen mitgehen lässt, wird sie sauer. Einmal haben sie ihr sogar die Unterwäsche gestohlen, erzählt sie. Dann wedelt einer der Barkeeper von Weitem mit ihrem Schuh. Er kommt auf sie zu, geht vor Nelly auf die Knie und steckt ihr den Schuh an den Fuß. In ihrer Welt ist Nelly die Königin.

* Name geändert

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