Ein Türsteher spricht über Rassismus an Clubtüren

Und über gewalttätige Kollegen.
Protokoll von Annalena Sippl

Wer darf rein? Das entscheiden Menschen wie dieser Türsteher vor einem Club in Hamburg.

Foto: Bodo Marks / dpa

Türsteher entscheiden, wer die Nacht durchfeiern darf und wer den Heimweg antreten muss. Das ist aber auch schon das einzige, was als gesichert gilt – über Türsteher und ihre Arbeit gibt es viele Mythen und Vorurteile.

Alexander (Name geändert) ist zwischen 30 und 40 Jahre, lebt in Bayern und arbeitet als Türsteher, seit er volljährig ist. Ob bei der Rocknacht im Dorf, auf der Szene-Electro-Party oder im Discoareal in der Großstadt – jahrelang regelte Alexander den Einlass an verschiedenen Türen. Mittlerweile leitet er ein eigenes Sicherheitsunternehmen und seine Angestellten stehen vor verschiedenen bayerischen Clubs und Discos. Mit uns hat er über Rassismus, brenzlige Situationen und aggressive Kollegen gesprochen.

Die Türpolitik

Wer rein darf und wer nicht, entscheidet in der Regel immer der Club-Besitzer. Meist müssen wir uns aber an seine Vorstellung herantasten, in den seltensten Fällen gibt es klare Vorgaben. Alle Club-Besitzer haben ein Ziel: Voller Laden bei null Ärger - nach diesem Motto sollen wir die Gäste aussortieren. Doch mittlerweile ist die Konkurrenz so groß, dass um jeden Gast gekämpft wird. Die Besitzer der Clubs sind entweder toleranter in Sachen Türpolitik geworden oder ihre Disco ist längst pleite gegangen. 

Vor etwa zehn Jahren haben vor allem die kleineren Clubs in großen Städten Migranten oft abgewiesen. Für die Betreiber von Großraumdiscos hat die Herkunft der Gäste schon damals keine große Rolle gespielt. Mittlerweile sind selbst Diskotheken, in die früher nur Deutsche reingelassen wurden, meist auch für Menschen mit Migrationshintergrund offen. Und auch Clubs, bei denen es vor Jahren noch einen Dresscode mit Abendgarderobe und Turnschuh-Verbot gab, haben ihre Ansprüche geändert. Das liegt aber auch an der aktuellen Mode: T-Shirts sehen zerfetzt aus, kosten aber 300 Euro, Jogginghosen sind mit Strass-Steinen verziert und können ziemlich teuer sein.

Flüchtlinge in den Clubs

Ich erlebe oft, dass Club-Besitzer sich entscheiden, keine Flüchtlinge in die Disco zu lassen. Viele haben das anfangs anders gemacht und sie reingelassen, doch dann gab es öfter Zwischenfälle als üblich. Viele Flüchtlinge waren den Alkohol nicht gewohnt, einige zeigten Frauen gegenüber keinen Respekt. Das war zwar der geringere Teil, der schlechte Eindruck von ein paar Wenigen färbte dann aber auf die anderen ab. Wenn in dem Club dann irgendwann die Gäste ausbleiben, fühlen sich die Besitzer gezwungen zu handeln. 

Die Türsteher machen aber Ausnahmen: Beispielsweise wenn ein Flüchtling mit einer Gruppe Deutscher unterwegs ist oder ein Betreuer dabei ist. Aber ich stehe auch vor Clubs, bei denen von Anfang an klar war, dass dort keine Flüchtlinge rein dürfen. Wenn jemand eigentlich einen netten Eindruck macht, bekomme ich da manchmal schon ein schlechtes Gewissen. Denn eigentlich würde ich ja jeden reinlassen, der keinen Ärger macht.

Gerade stehe ich vor einem Nürnberger Club, bei dem uns der Chef die Türpolitik fast komplett überlassen hat. Da haben wir eigentlich regelmäßig einige Flüchtlinge drin. Die schätzen das sehr, bisher gibt es keine Probleme.

 

Am Einlass

An der Club-Tür versuche ich in kurzer Zeit herauszufinden, wie viel Gewaltpotenzial in meinem Gegenüber steckt. Ich sage dann: „Guten Abend“ oder „Wie geht’s?“ Dann kann ich oft schon erahnen, wie der andere tickt. Manche sagen „Gut, danke! Und selbst?“ Andere reagieren schroff: „Wieso fragst du mich sowas?“ Die schauen mich dann intensiv an, machen einen Schritt auf mich zu - sie fühlen sich durch diese harmlose Frage provoziert. Wenn jemand vor der Tür keinen Respekt hat, hat er im Laden nichts zu suchen.

Wenn ich die Reaktion nicht genau deuten kann, frage ich manchmal noch nach dem Ausweis, selbst wenn derjenige volljährig aussieht. Holt er freundlich den Ausweis raus, sage ich: „Ne, lass stecken. Viel Spaß!“ Wenn jemand anfängt zu murren oder zu schimpfen, ist es eher unwahrscheinlich, dass ich ihn reinlasse. Migrationshintergrund und ausländischer Nachname sind an den meisten Club-Türen mittlerweile kein Ausschlusskriterium mehr. Auch hier ist entscheidend, ob der Gast respektvoll und freundlich ist, wie er gekleidet ist und mit welchen Leuten er auftaucht.

An der Club-Tür muss ich schnell Entscheidungen treffen – sicherlich sind da auch mal ein paar Fehleinschätzungen dabei. Gerade jüngere Türsteher mit wenig Erfahrung können ihr Gegenüber noch nicht so einordnen und sagen dann bei einem ausländischen Nachnamen schon nein. Für mich ist das eher unverständlich.

Brenzlige Situationen

Als Türsteher darf man sich nicht provozieren lassen. Aber lieber hat man den Ärger vor der Tür, als später im Club, wenn der Gast noch drei Bier intus hat. Meine Reaktion hängt natürlich immer auch davon ab, wen ich vor mir habe: einen betrunkenen schwankenden Jungen oder zehn durchtrainierte Männer? Ich habe es schon oft erlebt, dass sich eine Gruppe zusammengerottet hat und auf mich losgehen wollte. Bisher habe ich es aber fast immer geschafft, das mit Worten zu lösen. Ich sage dann so etwas wie: „Privat hätte ich kein Problem mit euch! Aber wenn ich euch reinlasse, kriege ich Ärger mit meinem Chef. “ Oder ich versuche sie ein wenig bloßzustellen „Schämt ihr euch nicht, euch jetzt so aufzuführen?“ Die dritte Variante ist, einfach Stärke zu zeigen und notfalls den Kopf hinzuhalten. Da kassiert man dann schon mal ein blaues Auge, aber das gehört dazu.

Viele haben ein negatives Bild von uns, das ist schade, denn wir sorgen für ihre Sicherheit. Wir gehen dazwischen, wenn Situationen eskalieren, schreiten ein, wenn mehrere betrunkene Männer auf einen anderen einstiefeln, der längst am Boden liegt. Das erfordert Mut, denn solche Vorfälle können für uns ziemlich gefährlich werden. Ich kenne viele Kollegen, die bei der Arbeit schlimm verletzt wurden.

Ein großes Problem für uns Türsteher ist, dass wir immer wieder angezeigt werden. Wegen einer falschen Behauptung wäre ich sogar fast schon mal im Knast gelandet. Ich sollte damals einen eingeschlafenen Stammgast aus einer Disco in Dachau herausbringen. Ich kannte den Mann. Er war völlig betrunken und hat sich gewehrt, da habe ich ihn etwas angeschoben. Er hat angefangen mich zu schlagen. Mein Kollege mischte sich schließlich ein und es kam zu Handgreiflichkeiten. Irgendwann habe ich den Mann zu Boden gebracht und ihm dreimal mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen – nur damit er wieder zu sich kommt. In diesem Moment kam ein Pärchen um die Ecke und hat angefangen, uns zu beleidigen und rumzuschreien. Die beiden haben mich dann angezeigt und ausgesagt, ich hätte wie wild auf den Mann eingeschlagen und ihn bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt. Das Opfer selbst kam gar nicht erst zur Verhandlung, vielleicht hat er sich geschämt. Sein Kumpel hat dann vor Gericht ausgesagt, dass ich dem Mann nur „Watschn“ gegeben habe, wie man in Bayern sagt. Das hat mich gerettet.

Gewalttätige Türsteher

Unter den Türstehern gibt es natürlich auch schwarze Schafe, die freuen sich richtig, wenn sie jemanden abweisen. Jüngere Türsteher sind eher reizbar. Wenn sich bei denen einer aufführt, wird der schon mal geschubst. Es gibt natürlich solche, die nur ihre Macht ausspielen wollen. In kleineren Clubs ist das seltener, denn bei vier Türstehern fällt ein Depp leicht auf. Wenn aber zwanzig Türsteher in einer Disco arbeiten, dann können sich die Gewalttätigen leichter verstecken.

2011 habe ich in einem großen Club in Nürnberg gearbeitet, der keine besonders strenge Türpolitik hatte, fast jeder durfte rein. Dementsprechend oft gab es dort Ärger. Nach einem Streit zwischen zwei Gruppen haben wir damals ein paar Jungs durch den Hinterausgang rausgebracht. Wir waren etwa acht Türsteher, die Jungs waren zu dritt. Ein Kollege wollte den anderen wohl etwas beweisen und schubste den einen Gast vor sich her. Ich wusste nicht so richtig, ob ich eingreifen sollte, ich hatte die Situation vorher nicht miterlebt. Vielleicht hatte er es verdient. Aber dann hat so ein aufgepumpter Anabolika-Türsteher Anlauf genommen und ist dem Jungen mit beiden Beinen in den Rücken gesprungen. Das geht natürlich gar nicht. Ich bin ich dann dazwischen gegangen und habe den Gast selbst rausgebracht.

 

Ich habe auch schon erlebt, dass zwei Türsteher einen betrunkenen Randalierer rausbringen und dann ein Dritter ankommt und ihm einfach so aus Wut mitten ins Gesicht schlägt. So etwas gibt es immer wieder, aber eher in größeren Clubs. Eigentlich müsste man solche Vorfälle anzeigen, doch das tut man unter Türstehern nicht. Man erzählt aber dem Chef von der Sache, der entscheidet dann, wie es weiter geht. Oft dürfen diese Kollegen dann aber doch weiterarbeiten, weil Personalmangel herrscht. Es gibt aber auch Strafposten wie „Klo bewachen.“

 

Migranten unter den Türstehern

Es ist irgendwie lustig: In ihren Clubs wollen viele Besitzer Menschen mit ausländischen Wurzeln nicht haben, als Türsteher an ihrer Club-Tür sehen sie sie aber gerne. Aber das ist kein Wunder, denn ich sage es mal so: Die haben Eier. Ich weiß, es ist verallgemeinernd, aber: Männer mit ausländischen Wurzeln trauen sich oft mehr. Deutsche werden im Vergleich viel gewaltloser erzogen, sie machen sich immer Gedanken: „Was passiert, wenn...“ Bei Migranten sind Gewissensbisse, wenn sie einen „Landsmann“ ablehnen, auch eher selten. Rassismus innerhalb der Türsteher-Gruppe habe ich noch nie erlebt – wir müssen uns verstehen, denn wir sitzen alle in einem Boot.

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