Der Schweizer Traum

In meiner Heimat ist es besser, arm zu sein, als für neureich gehalten zu werden.
Von Hazel Brugger
Foto: Ornella Cacace

Der amerikanische Traum ist der nach dem größtmöglichen ­Erfolg aus dem Nichts heraus. Viel Fame und Kohle, am besten berühmt sein dafür, wie reich man ist, oder reich werden, weil man berühmt ist. Je jünger, desto besser, je abgefahrener der Job, desto beeindruckender. Morgen bist du tot und träumst keine Träume mehr. Geil, geil, geil.

Der deutsche Traum ist, dass man mit Punkt 50 keine Träume mehr hat. Schaffe, schaffe, Häusle baue. Bäm, das war’s. Bitte keinen Palast, ein Häusle reicht. Vorgarten, Apfelbaum, Tochter, Sohn, zack Happiness. Alle Visionen unter einen muffigen Pullunder stecken und so lange ausharren, bis alle Sehnsüchte winselnd erstickt sind. Grüne wählen, weil FDP zu lächerlich, bei Tchibo gab es Outdoorjacken im Partnerlook. Viermal im Monat Sex, aber nur von vorne, manchmal aus Versehen Augenkontakt. Ein Leben wie aus dem Thermomix. Ist doch nett.

Ich bin Schweizerin. Ich spreche nicht gern über Träume. Aber ich hätte schon gern einmal einen Tesla. Ein übles Teil mit 700 PS. Von null auf hundert in drei Sekunden, und das erst noch ohne Abgase, so fett. Leider weiß ich genau, dass ich das Auto dann tagsüber als 2011er Toyota Camry tarnen müsste. Um an der Ampel nicht vor Scham zu sterben. Niemand soll doch wissen, dass ich 100 000 Euro für eine Karre ausgegeben habe!

Ich bin in einem Vorort von Zürich aufgewachsen. Das heißt, ich habe kein normales Verhältnis zu Besitz. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Schweizer. Ich hatte zwei Großeltern, die den Krieg hautnah miterlebt hatten („Und wir hatten ja wirklich gar nichts nach dem Kriech!“) und zwei, die immer schon übertrieben reich waren („Hä, was für ein Krieg?“). Beide schwiegen über Geld – die Schweizer, weil sie aus Prinzip nicht darüber redeten, und die Deutschen, weil es kein Geld gab, über das man reden konnte.

Der Schweizer Traum ist es, nicht aufzufallen. Weder durch Besitz noch durch Bemerkungen. Keep it low, dann dürfen wir auch in den kommenden Kriegen aufs Gold aufpassen. Die helve­tische Neutralität wirkt löblich, dabei befürchte ich, dass uns oft einfach der Mumm fehlt, wirklich unkonventionelle Ideen durchzusetzen. Ich meine, einer unser größten Rockstars ist DJ Bobo!

Ein Schweizer will nicht, dass du siehst, dass er reich ist. Er will einfach, dass du spürst, dass er mehr hat als du, ohne jemals darüber zu reden. Dass er schon immer mehr hatte. Mehr Geld, mehr Bildung, mehr gute Erziehung, viel mehr direkte Demokratie. Dass er deine arme Anwesenheit aber trotzdem großzügig ­akzeptiert, ja, dich sogar ein bisschen dafür bewundert, wie du das alles schaffst mit nichts.

Du kannst so viel träumen, wie du willst, aber zeig den anderen nicht, wenn deine Träume wahr wurden. In der Schweiz bist du als Armer mehr wert, als wenn sie dich für neureich halten. Weil arm sein und das Leben hassen: ist okay. Reich sein und das Leben hassen: auch. Aber reich sein und das Reichsein ehrlich abfeiern: verdammter Proll.

Wenn ich im Zug erster Klasse fahre und ein Selfie ver­schicke, darf auf dem Bild auf keinen Fall zu sehen sein, dass ich gerade nicht Holzklasse fahre. Ich kann mir also schon was gönnen, aber darf das dann nicht genießen. Böse Zungen würden behaupten, dass Schweizerinnen vortäuschen, keinen Orgasmus zu haben.

Bis 50 habe ich hoffentlich ein kleines Haus mit Sohn, Tochter und Thermomix. In der Garage ein polierter Tesla, in den ich mich dann manchmal setze, um unauffällig davon zu träumen, aus der Garage rauszufahren.

Hazel Brugger ist Stand-up-Comedian, Moderatorin und Kolumnistin aus der Schweiz. Sie tritt in Satiresendungen auf, beispielsweise als Außenreporterin bei der „heute-show“ des ZDF. Sie ist ­Gewinnerin des Salzburger Stiers, des Deutschen Kleinkunstpreises 2017 und des Bayerischen Kabarettpreises 2017.

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