"Im Angesicht des Verbrechens" zeigt das Berlin jenseits der Klischees

Illustration: Katharina Bitzl Foto: Screenshot / Youtube

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Die Serie:

Polizisten werden in Serien gerne als abgeklärt und zynisch dargestellt, man denke nur an “Polizeiruf 110”. Der Polizist Marek in “Im Angesicht des Verbrechens” ist kein typischer Fernseh-Polizist. Erstens steckt er in einem Zwiespalt, weil seine Schwester Stella, dargestellt von Marie Bäumer, mit einem Kriminellen liiert ist. Zweitens hegt er Vergeltungsgedanken wegen seines toten Bruders, dessen Mord nie aufgeklärt wurde. Regisseur Dominik Graf erklärte in einem Interview mit der Zeit einmal: “Ich empfand beim Lesen des Drehbuchs den Polizisten Marek Gorsky, gespielt von Max Riemelt, als etwas Neues. Er ist nicht deutscher Bulle, der mit großen Augen auf so was wie ‘die Überfremdung’ guckt, sondern er ist jung und gehört als lettisch-jüdisches Einwandererkind selbst dazu.”

Marek ist Immigrant, und kämpft in der zehnteiligen Serie mit seinen Kollegen gegen die Russenmafia in Berlin. Erstmals ausgestrahlt wurde der Mehrteiler des Deutschen Graf bereits 2010. Aktuell ist er immer noch. Denn es geht im Grunde darum, wie verschiedene Mentalitäten aufeinander treffen. In “Im Angesicht des Verbrechens” tun sie das zuweilen hart – aber eben nicht immer. 

Die Russen handeln mit Menschen, Prostitution und Zigaretten; die deutschen Polizisten kommen den äußerst gut vernetzten Mafiosi dabei oft nicht bei. Einmal bleibt Marek zum Beispiel nichts anders übrig, als aus dem Fenster zuzusehen, wie der Gejagte, der gerade aus dem zweiten Stock gesprungen ist, auch noch schwer verletzt über die Mauer klettert und ihm so entwischt. “Im Angesicht des Verbrechens” hat aber mehr zu bieten als diesen roten Faden. Denn es bekämpfen sich die Landsleute auch gegenseitig (es gibt zwei russische Clans in der Stadt) – und es ringt jeder irgendwo mit sich selbst. Das Werk ist eine Sammlung menschlicher Porträts. 

Da ist zum Beispiel der Kriminelle, der komplett verschallert über den Kudamm brettert, weil er glaubt, dass er mit Geld die Welt kaufen kann. Da sind die zwei jungen Ukrainerinnen Jelena und Swetlana, die mit großen Augen feststellen, dass hier in Deutschland erstmal kein selbstbestimmtes Leben in Wohlstand auf sie wartet. Sondern ein Bordell. Da ist Stella, die Mafiosi-Braut, die einmal quer durch das Restaurant “Odessa” stolziert, weil sie weiß: Allein auf den Auftritt kommt es an. Da sind die Russen, die minutenlang miteinander auf der Familienfeier singen, weil sie wissen: Blut ist dick. Oder die Frau, die sich von ihrem Freund sagen lassen muss, dass sie jetzt bitteschön die Klappe halten soll, sonst nimmt er ihr die spendierten Klamotten wieder weg. Und brav die Klappe hält. Irgendwo ist auch ständig Bargeld in Gefrierbeuteln versteckt. 

Wo findest du die Serie?

Die Krimireihe kannst du auf Netflix streamen.

Der Zeitaufwand:

Zehn Folgen von jeweils 50 Minuten sind nicht viel. Das schafft man zur Not an einem Tag.

Wo du Zeit sparen kannst:

Möglicherweise bei der Eingangsszene, die ist immer dieselbe. Hier schwimmt Jelena nackt durch einen See in ihrer Heimat und hat dabei eine Vision ihrer zukünftigen Liebe (der sie in Berlin begegnen wird).

Womit kannst du das vor deinem Gewissen rechtfertigen?

Die epischen Szenen aus “Im Angesicht des Verbrechens” werden dir in Erinnerung bleiben und die komplexen Charaktere dir mal wieder bestätigen: Klischees stimmen zwar manchmal, aber meistens eben nicht. Man sieht in der Serie nicht das KaDeWe oder Cafés im Prenzlauer Berg, dafür viel Plattenbauten und Elend. Auch das gehört zu einem Porträt Berlins. Außerdem war “Im Angesicht des Verbrechens” endlich wieder eine Serie, bei der sich fast alle darauf einigen konnten, dass deutsche Produktionen ja sehr wohl sehr gut sein können. Vielleicht, weil der dafür mit mehreren Preisen ausgezeichnete Graf die Geschichte viel cineastischer erzählte, als aus dem Fernsehen gewohnt. Und wenn deine in Berlin geborenen und dort gebliebenen Freunde dir sagen, dass der Mehrteiler "ganz gut" geworden ist, dann wird da was dran sein.

So fühlst du dich am Tag danach:

Du glaubst, dass auch du Türen eintreten kannst. Die Spanplatten-Teile in den Plattenbauten in “Im Angesicht des Verbrechens” halten den Polizisten ja nie stand. Du liebäugelst entgegen deiner Gewohnheit mit einem Wodka an der Bar und nimmst dir vor, Dostojewski zu lesen, um in die russische Seele zu blicken. Und du glaubst – typischer Nachhall solcher Epen – irgendwo wieder an Schicksalsbegegnungen.

Und jetzt?

Die US-Serie “The Wire” zeichnet ebenfalls anhand von Gangs und Cops das Porträt einer Stadt, in ihrem Fall Baltimore. Man kann auch etwa 50 Jahre zurückgehen und sich den Münchner Tatort ansehen. Und zwar die Folgen mit Kommissar Melchior Veigl. Ja, die sind vergleichsweise behäbig gedreht, und ja, der Ermittler ist auch als Papa von Pumuckl bekannt. An beides gewöhnt man sich aber, wenn einem beim Zusehen dann sehr schnell das Münchner Lebensgefühl klar wird. Wenn der Mafia-Film “Der Pate” von Francis Ford Coppola eine Serie wäre (naja, es gibt immerhin drei Teile), würde auch der sich jetzt anbieten.

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