"Love" könnte das Portrait unserer Generation werden

Wenn man der Serie Zeit gibt. Eine Anleitung zum Binge-Watching.
Von Christina Waechter
Illustration: Katharina Bitzl, Foto: Talkback Productions

Die Serie:

Gus (gespielt von Paul Rust) ist ein etwas zu netter und spindeldürrer Typ, der sein Geld als Tutor eines verwöhnten Kinderstars (gespielt von Judd Apatows Tochter Iris) verdient und gerade die vermutlich peinlichste Trennung erlebt hat, seit es Fernsehserien gibt (seine Freundin hat ihn betrogen, er will ihr verzeihen, sie wird aggressiv, er dramatisch und bricht am Ende komplett zusammen).

Mickey (Gillian Jacobs, bekannt aus "Community") ist ein in die Jahre gekommenes "manic pixie dream girl", deren koksender Freund noch zu Hause lebt und das als den ultimativen Life-Hack verkauft. Auch sie trennt sich bald von ihm auf denkbar grausam-peinliche Weise und lässt sich von ihrer Nachbarin ein paar Ambien-Pillen aushändigen. Die Folge: ein bizarrer nächtlicher Ausflug in die Freikirche "Bliss", vor deren Gemeinde Mickey ein herzzerreißendes Plädoyer gegen die Liebe hält, die ihr doch nur ihr gesamtes bisheriges Leben versaut hat. Erst am Ende der gut 30 Minuten-dauernden ersten Folge begegnen sich die beiden Protagonisten Mickey und Gus in einer Tankstelle und lernen einander kennen. Und in ungefähr dem Tempo wird die Beziehung der beiden weiter erzählt. 

Wo findest du die Serie?

Auf Netflix.

Der Zeitaufwand:

Die Staffel schaffst du locker an einem Wochenende und hast sogar noch Zeit, deine Freunde am Sonntag zum Quatschen zu treffen.

Wo du Zeit sparen kannst:

Der Abspann ist für eine TV-Serie überdurchschnittlich lang, den kannst du dir sparen, wenn du kein Comedy-Nerd bist, der genau wissen will, welche Sketch-Comedy-Mitglieder welchen Miniauftritt hatten.

Wie kannst du das vor deinem Gewissen rechtfertigen?

"Love" hat tatsächlich das Zeug dazu, die fahrige Generation der Millenials ziemlich exakt zu portraitieren: Angefangen bei den beängstigend gut ausgewählten Outfits der Protagonisten, ihrer kompletten Verkorkstheit, ihrem Umgang mit Alkohol, Drogen und Sucht. Und natürlich dem großen Einfluss, den Social Media mittlerweile auf unser Liebesleben haben kann.

Und kaum jemandem wird entgangen sein, das Judd Apatow – der Komödien-Gigant aus Hollywood – hier seine erste Serie für Netflix produziert hat. Geschrieben und entwickelt wurde sie von den Eheleuten Paul Rust und Leslie Arfin. Arfin hat vorher für Lena Dunhams Serie "Girls" geschrieben und in dem Buch "Dear Diary" ihre jugendliche Heroin-Sucht verarbeitet. Rust ist Mitglied der legendären Sketch-Comedy-Truppe "Upright Citizen Brigade", hat am Drehbuch für den neuen Pee-Wee-Herman-Film mitgeschrieben und ist möglicherweise dem ein oder anderen aus dem Tarantino-Film "Inglorious Basterds" bekannt. Eigentlich wollten Arfin und Rust einen Film über die Liebe drehen, doch Apatow sah in dem Stoff mehr Potenzial für eine Fernsehserie, um die Beziehung der beiden Charaktere tiefgründiger zu entwickeln.

Wie bei allen Apatow-Produktionen ist auch der kleinste Mini-Auftritt (und sei es als Teilnehmer einer Facetime-Konversation) hochranging besetzt mit allem, was die Comedy-Szene in LA zu bieten hat: Kerry Kenney (Reno 911), Dave "Gruber" Allen ("Freaks and Geeks"), Charlyne Yi ("Knocked Up"), Mädchen Amick ("Twin Peaks") spielen alle eine Rolle im Leben von Mickey und Gus.

Man muss der Serie nur Zeit geben, denn die nimmt sie sich. Ein Spaziergang der beiden Protagonisten wird fast in Echtzeit gefilmt, man beobachtet sie auch bei den alltäglichsten Tätigkeiten. Da kann man bisweilen etwas ungeduldig werden, weil man es kaum noch gewohnt ist, Geschichten so gemächlich präsentiert zu bekommen. 

So fühlst du dich am Tag danach:

Als hättest du eine ziemlich gute und lustige Sitzung beim Psychotherapeuten gehabt.

Und jetzt wo weiterschauen?

Die naheliegenden Serien zuerst: Da wäre "Community", eine sehr schnelle, heiß geliebte, in der vierten Staffel katastrophal schlechte Comedy-Serie über sieben Freunde an einem Community College. Und natürlich "Freaks and Geeks", Apatows erster Ausflug zum Fernsehen. Man kann Leslie Arfin folgen, die für Lena Dunhams "Girls" geschrieben hat, sowie für die ziemlich unterhaltsame Polizei-Serie "Brooklyn Nine-Nine" von Andy Samberg.

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