Endlich Österreich verstehen!

Mit der großartigen Serie „Braunschlag“. Eine Anleitung zum Binge Watching.
Von Nadja Schlüter

Die Serie

In der Provinz scheint die Sonne und die Bäume sind grün und der Asphalt ist ganz heiß. Man fährt in ein Dorf und kein Mensch ist zu sehen, bis doch einer zu sehen ist, der auf einem Traktor vorbeifährt. Irgendwo an der Straße ist ein Laden, den eine Frau führt, irgendwo daneben eine Kirche, in die die Alten gehen. Und irgendwo noch weiter hinten eine Kneipe, die ein Mann führt, dazwischen geduckte Häuser und dann ist das Dorf vorbei. Und obwohl die Sonne scheint und die Bäume grün sind, ist man auf einmal ganz, ganz traurig.

Ungefähr so ist es, das Dorf namens „Braunschlag“ in Niederösterreich. Der Autor und Regisseur David Schalko hat es erfunden und die gleichnamige Serie geschrieben und gedreht, die im Herbst 2012 im ORF lief. Schalko stammt selbst aus der Region Waldviertel nahe der Tschechischen Grenze, in die er sein Braunschlag hineingesetzt hat. Darum weiß er, wovon er da erzählt. Und darum glaubt man ihm wohl auch wirklich alles, obwohl die Braunschlag-Geschichte, die er erzählt, schon ein bisschen unglaublich ist. Sie geht so:

Braunschlags Bürgermeister Gerhard „Gerry“ Tschach (Robert Palfrader) hat Sorgen, denn sein Dorf ist pleite. Um es zu retten, finanziell und vor dem Einfluss des Landeshauptmanns (der bedrohlich-liebevoll „der Onkel“ genannt wird), will er es gemeinsam mit seinem Freund, dem Dorfdisco-Besitzer und Trinker Richard (Nicholas Ofczarek), berühmt machen. Im nahegelegenen Waldstück inszenieren sie darum eine Marienerscheinung, und zwar so, dass Richards leicht irrer Schwager Reinhard (Raimund Wallisch) sie zu sehen bekommt und das natürlich sofort und überall verkündet. Als dann nach der Erscheinung auch noch eine Wunderheilung eintritt (involviert sind Reinhards sterbenskranker Vater und zwei Meerschweinchen), kommen die Wallfahrer und bringen jede Menge Geld ins Dorf. Plan aufgegangen, Braunschlag gerettet, sollte man meinen. Geht dann aber noch weiter, denn das Wunder wird zum Fluch und an allen Ecken und Enden kommt es auf einmal zu Skandalen, zu denen wegen akuter Spoiler-Gefahr an dieser Stelle nicht mehr gesagt werden darf. Außer vielleicht, dass es natürlich sehr österreichische Skandale sind.

 

Wo findest du die Serie?

Bei iTunes, Netflix und Amazon Video oder – auch über Amazon – als DVD-Box.

 

Der Zeitaufwand

Acht Folgen à 45 Minuten, macht sechs Stunden. Schaffst du locker in einer Sonntagabend-Binge-Sitzung! Kleine Vorwarnung: Falls du nicht aus Österreich oder Süddeutschland kommst, wirst du dir am Anfang eventuell einige Szenen zwei Mal anschauen müssen, weil man ein Weilchen braucht, um sich in den Dialekt einzuhören. 

 

Wo du Zeit sparen kannst

Sechs Stunden – warum da sparen? Es bietet sich aber auch tatsächlich nichts an. Kein langer Vorspann, kein langer Abspann und keine Folge, die nicht für den weiteren Verlauf der Geschichte wichtig wäre.

 

Womit kannst du das vor deinem Gewissen rechtfertigen?

Wenn man es bisher noch nicht getan hat, dann muss man spätestens jetzt ganz dringend versuchen, dieses Österreich zu verstehen, in dem die Menschen sich in Richtung eines rechtspopulistischen Bundespräsidenten wählen und die Politiker die Grenzen dicht machen. Und Österreich verstehen, das geht wohl mit niemandem besser als mit David Schalko (das hat er am vergangenen Wochenende gerade erst wieder bewiesen, mit einem Text in der SZ).

 

Die Serie ist zwar schon vier Jahre alt, aber man darf davon ausgehen, dass sich die Dinge in der niederösterreichischen Provinz nicht wesentlich geändert haben. Und in „Braunschlag“ steckt alles, womit sie zu kämpfen hat: Katholizismus, Bigotterie, Einsamkeit, Langeweile, politische Vetternwirtschaft, moralische Verwahrlosung, Alkoholismus, Lügen und Betrug. Es geht um einen allzu kauzigen Dorfbewohner mit einem gruseligen Arsenal an ausgestopften Tieren, um ein Paar, deren verklemmtes Sexleben in Therapieversuchen und Kuschelkostümen mündet, um einen Vatikan-Inquisitor, der sich verliebt, um einen toten und trotzdem wildgewordenen Hund namens Bauxi und natürlich auch um Menschen, die in einem Keller eingesperrt sind. Es geht also um all die Abgründe rechts und links der Dorfstraße. Und darum, dass jedes Wunder und jeder Fluch am Ende immer menschengemacht ist. Auch und gerade in Österreich.

 

So fühlst du dich am Tag danach?

Bedrückt. Eben so, als wärst du gerade durch dieses einsam daliegende Dorf gefahren. Aber dann fällt dir wieder ein, wie lustig und absurd das Ganze gleichzeitig war. Wie die Braunschlager „so a Schaaaß“ oder „deppert“ gesagt, und wie sie den Hundenamen „Bauxi“ hingeschmäht haben. Und wie die Mutter des Bürgermeisters mit den vielen Katzen zusammenlebte und wie jemand sehr grausam zu Tode kam und wie die Titelmelodie trotzdem jedesmal gemütlich zuckelte wie ein Traktor – und dann hast du das Gefühl, endlich verstanden zu haben, was dieser berühmte schwarze Humor der Österreicher ist.

 

Und jetzt?

Erst mal diesen wunderschönen Text lesen, den David Schalko (gemeinsam mit dem Journalisten Joachim Riedl) über seine Serie geschrieben hat. Und dann kann man „Altes Geld“ anschauen, seine zweite Serie, über einen schwerreichen Industriellen, der eine neue Leber braucht und demjenigen sein ganzes Erbe verspricht, der sie ihm besorgt. Angeblich soll es dann noch eine dritte Serie geben und damit eine „Trilogie zum Thema Gier und Korruption“. Während man auf die wartet, kann man eines von Schalkos Büchern lesen (das neueste heißt „KNOI“ und ist 2013 erschienen) oder einen seiner zwei Spielfilme anschauen. Oder halt nach Österreich fahren und mal ganz laut „Seid’s ihr deppert?“ fragen.

 

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