Die surreale Seifenoper der Partnersuche

Anleitung zum Binge-Watching: "Man seeking Woman" seziert kunstvoll jede Romantik.
Von Kolja Haaf
Illustration: Katharina Bitzl; Foto: Screenshot / Youtube

Die Serie

Ja, der Titel klingt erstmal nach der unheiligen Vereinigung einer Adam-Sandler-RomCom und eines Softpornos mit Steinzeit-Motto. Dabei ist er einfach nur ehrlich: Es geht um die gute alte Partnersuche. Und die ist – anders als in der Steinzeit (kurzes Zunicken, Akt, weiterjagen) – in unserer Nach-Steinzeit ja ziemlich verkrampft. Am verkrampftesten wohl, wenn man, wie der Protagonist Josh (Jay Baruchel: “I’ll be honest, my character has sex with a car so I don’t know if proud is the right word.“) ein erfolgloser, neurotischer Endzwanziger in Chicago ist. Was könnte es schöneres geben, als so jemandem beim Scheitern zuzuschauen? Was folgt, ist nicht das übliche „schüchterner aber eigentlich süßer Boy braucht einfach noch ein bisschen Zeit, um die Richtige zu finden“-Geseier, sondern herrlich überzogene Comedy, die die banale Ökonomie der Romantik in ihrer ganzen Absurdität zeigt. Josh durchlebt in jeder Folge ein neues Stadium erlesenster Frustration, das mittels surrealer Übertreibung auf den Punkt gebracht wird. Beispiel:

Claire, die eigentlich perfekt zu ihm passt, fühlt sich sexuell nicht zu ihm hingezogen. Ihre Paartherapeutin erklärt ihnen, dass Claire not-Joshero-sexual ist und sich nicht länger damit verstecken sollte. Sie zeigt ihnen ein Aufklärungsbuch:

Foto: Screenshot / Youtube

Und dann entspinnt sich dieser Dialog:

„People have been unattracted to you for thousands of years.“

„Thousands?“

„Since the dawn of mankind. In ancient Greece, not-Joshero love was considered quite normal. Plato called it the cornerstone of a modern democracy.“

„It... what? How many... how... How many people have this?“

„Some people put the number at ten percent. You know, others say it could be as high as 100 percent.“

„What??“

„Some of your favorite celebrities are not-Josheros. Carmelo Anthony. Recording artist Pink. Dwayne "The Rock" Johnson.“

„They got The Rock?“

Sie trennen sich und Claire verschwindet in einer riesigen bunten Parade, die für die Rechte von not-Joshero-Sexuellen veranstaltet wird.

Außerdem mit dabei: ein japanischer Penisdämon, Adolf Hitler (mittlerweile im Rollstuhl) als neuer Freund von Josh’s Ex, Sarah Silverman als Josh’s Masturbationshand und eine komplette Folge, die in einem Hochzeitshotel in der Hölle spielt. Das Schönste an der Serie sind aber die Momente, die völlig unnötig sind und über den eigentlichen Gag hinausgehen. Beispiel:

Der Violonist eines russischen Streicherensembles, das Josh nach einem verkackten Date zu Hause erwartet, fragt ihn, ob er noch bei ihm aufs Klo kann und erklärt ihm dann ausführlich, warum er unbedingt „groß“ muss.

Grob gesagt haben wir hier eine Mischung aus Woody Allen, Scrubs und Kafka. Endlich mal wieder eine Serie, die die Möglichkeiten filmischer Verspieltheit ausschöpft und es zur Abwechslung auch schafft, sich die altklugen Wohlfühlmomente zu verkneifen, ohne die die meisten anderen Formate der Richtung Loser-sucht-die-Liebe nicht auskommen. Sehr einfallsreich, sehr konsequent und mit viel „Verdammt, ja!“-Effekt.

Wo findest du die Serie?

Bei Amazon (14,99 Dollar pro Staffel), auf TNT-Comedy (deutsch)

Der Zeitaufwand?

Zwei Staffeln à zehn Folgen à 22 Minuten = genug Zeit, um sich zu überlegen, wie man der bisher nur guten Freundin, die zum Serienabend da ist, möglichst umständlich die verschwitzte Hand um die Schultern legt.

Wo du Zeit sparen kannst

Folge vier der zweiten Staffel hat zwar eine Szene, in der der Weihnachtsmann anal mit einer Modelleisenbahn penetriert wird, ist aber sonst eher lahm.

Wie kannst du das vor deinem Gewissen rechtfertigen?

Wenn man eine Philosophie aus der Serie quetschen müsste, dann sähe die ungefähr so aus: Der Mensch ist eine auf zwei Beinen torkelnde Anhäufung von Schwächen. Insbesondere wenn es um Liebeskram geht, sind wir alle mehr oder weniger den gleichen kindischen, egozentrischen Mechanismen ausgesetzt und pendeln zwischen maßloser Eigenliebe und fundamentalen Selbstzweifeln. Aber wenn man wie bei „Man seeking Woman“ durch schonungslose Selbstironie Abstand zu dieser psychobiologischen Seifenoper der Partnersuche gewinnt, dann erkennt man ihre ganze rührende Albernheit. Und fühlt eine große Verbundenheit mit dem Josh, der in uns allen steckt.

So fühlst du dich nach der Serie

Man hat das Bedürfnis, den Dubstep-Vorspann in Dauerschleife zu hören und sich mithilfe eines zehnköpfigen Wissenschaftlerteams stundenlang einen cleveren Spruch für sein Tinderprofil auszudenken.

Und jetzt?

Die dritte Staffel soll Anfang 2017 kommen. Die Zeit bis dahin kann man zum Beispiel mit der tollen Eric André Show (der spielt Josh’s besten Freund Mike) oder Fleabag (auch schön kaputt) überbrücken. Oder man denkt die Nerdyness, auf die man sich jetzt eh schon eingelassen hat, zu Ende und erkundet das Reich absurd-genialer Zeichentrickserien, z.B.: Rick and Morty, Over the Gardenwall, Triptank, Archer... Oder man führt sich den Film Swiss Army Man zu Gemüte, der unter anderem auch einiges zum Thema “Wir leben und sterben alleine, aber das ist OK” zu sagen hat.

Mehr Koma-Schauen:

  • teilen
  • schließen