Wie sich Fremdgehen wirklich anfühlt

Achtung: Die Serie „The Affair“ holt alte Traumata bei Scheidungskindern zurück.
Von Charlotte Haunhorst
cover binge watch the affair foto showtime llc
Foto: Showtime LLC

Die Serie

Eigentlich könnte Noah sehr zufrieden sein: Er hat eine nette und attraktive Frau, vier einigermaßen wohlgeratene Kinder und gerade ist sein erstes Buch erschienen. Achja, und er lebt in New York und sein Schwiegervater ist sehr reich. So reich, dass die Familie jeden Sommer zu ihm nach Montauk fährt und dort zwischen Pool und Meer die Ferien verbringt.

Und trotzdem beginnt Noah in den Ferien eine Affäre mit der Kellnerin Alison.

Das klingt erst einmal nach Reißbrett-Plot, allerdings ist die US-Serie „The Affair“ tatsächlich alles, nur kein Klischee und deshalb zurecht preisgekrönt. Der Clou ist nämlich, dass besagte Affäre und alles, was sie mit in den Abgrund reißt, stets aus zwei Perspektiven erzählt wird. In der ersten Staffel sind das die von Noah und Alison, in der zweiten die der betrogenen Ehepartner. Hat man sich eben also noch gefragt, warum diese Kellnerin eigentlich so ein aufreizendes Miststück ist, denkt man, nachdem man Alisons Seite gesehen hat: Dieser Noah ist echt ein Midlife-Crisis geprägter Trottel. Ach ja, und um nicht völlig im Beziehungsdrama steckenzubleiben, gibt es in der Serie auch diverse persönliche Dramen und einen Toten. Aber eigentlich sind das Nebenschauplätze abseits der großen Frage: Was zählt im Leben? Die Selbstverwirklichung? Oder sollte man für andere zurückstecken?

Wo findest du die Serie?

„The Affair“ wurde für den US-Sender Showtime produziert, für Amazon-Prime-Mitglieder gibt es sie kostenlos auf Amazon Video.

Der Zeitaufwand:

Bisher gibt es von „The Affair“ zwei Staffeln mit insgesamt 22 Folgen, wobei eine Folge zwischen 50 und 60 Minuten dauert. An einem Wochenende wird das eng. Eine dritte Staffel ist in Planung.

Wo du Zeit sparen kannst:

Bei der Serie ist es so: Die erste Hälfte der Pilotfolge irritiert einen zunächst, weil manche Figuren so holzschnittartig wirken – eben, weil es nur eine Perspektive der Geschichte ist, die nur mit der zweiten Hälfte ein Gesamtbild ergibt. Wenn man sich darauf einlassen kann, ist „The Affair“ ein hochinteressantes Beziehungsdrama,  das davon lebt, dass man ganz genau hinschaut. Trug sie in seiner Version nicht ein anderes Kleid? War der Polizist in ihrer Version nicht glücklich verheiratet und in seiner geschieden? Und wer hat hier jetzt eigentlich wen verführt? 

Womit kannst du das vor deinem Gewissen rechtfertigen?

Gewissen ist hier wirklich ein gutes Stichwort – das ist danach nämlich ziemlich schlecht. Weil man sich ja irgendwie doch wünscht, dass Noah und Alison miteinander glücklich werden, dabei wird einem doch schmerzhaft deutlich gezeigt, wie verletzend das für alle anderen Beteiligten ist. Vor allem ist diese Serie aber lehrreich: Auf alles im Leben gibt es verschiedene Perspektiven, insbesondere bei Gefühlsdingen ist eine „objektive Wahrheit“ unerreichbar. Damit müssen wir leider alle irgendwie klarkommen, so schmerzhaft es manchmal sein mag.

 

So fühlst du dich nach der Serie

Wer selber mal eine Affäre hatte, verspürt danach das dringende Bedürfnis der Abbitte. Denn alles, was man in diesem Gefühlsrausch so gut verdrängt hatte, ist auf einmal wieder sehr präsent: Ja, der andere wird in dieser Zeit auch weiterhin Sex mit seinem Partner gehabt haben. Und dieser Partner ist übrigens auch gar kein eigenschaftsloses, langweiliges Ding sondern vermutlich ein sehr netter, liebenswerter Mensch. Scheidungskinder oder solche, die an der Ehe ihrer Eltern zweifeln, seien übrigens ausdrücklich vor der Serie gewarnt: Papa macht vielleicht gar nicht so viele Geschäftsreisen wie man denkt. Und wie Mama sich damals nach der Trennung gefühlt hat, wird einem auf einmal auch sehr intensiv bewusst.  

 

Und danach?

Wer sich die volle Fremdgehdröhnung geben möchte, kann es mit „The good wife“ versuchen, bei dem eine betrogene Politikergattin im Vordergrund steht. Oder mit „Californication“, dessen Hauptdarsteller David Duchovny danach ja selber wegen Sexsucht in Therapie musste, wobei diese Serie in all dem Drama zumindest auch lustig ist. Eigentlich sehnt man sich nach „The Affair“ aber vor allem nach einer heilen Welt ohne Lug und Betrug. Vielleicht ein guter Moment, um sich wieder dem klassischen Fernsehen zuzuwenden – da laufen doch sicherlich sonntags im ZDF immer noch diese Inga-Lindström- oder Rosamunde-Pilcher-Filme, oder?

 

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