Entführung und Missbrauch können lustig sein

Jedenfalls in der Serie "Unbreakable Kimmy Schmidt". Eine Anleitung zum Binge-Watching.
Von Christina Waechter
binge watch kolumne unbreakable kimmy schmidt foto eric liebowitz courtesy of netflix
Foto: Eric Liebowitz / Netflix

Die Serie:

Kimmy Schmidt hat die letzten 15 Jahre zusammen mit drei weiteren jungen Frauen in einem unterirdischen Bunker verbracht – nachdem sie von einem selbsternannten Propheten namens Richard Wayne Gary Wayne im Alter von 14 Jahren entführt worden war. Alles zu ihrer Sicherheit – schließlich wurde die Welt da oben durch die Apokalypse komplett zerstört – und die Bunker-Mädchen und ihr Führer sind die letzten Überlebenden auf der zerstörten Erde.

Das zumindest hat ihnen Reverend Richard Wayne Gary Wayne, alias Metuzalophsteron, alias Senior Prophet und CFO der „Savior Rick’s Spooky Church of the Scary Apocalypse“ erzählt und die Mädchen haben keinen Grund, an seinen Ausführungen zu zweifeln. 15 Jahre später feiern sie an einem schönen Tag im September Weihnachten (irgendwann müssen ihnen beim Zählen ein paar Tage abhanden gekommen sein), als ein Sondereinsatzkommando der Polizei den Bunker stürmt und die jungen Frauen befreit.

Schnell werden die vier zur Mediensensation, bekannt unter dem schrecklichen Spitznamen „Indiana Mole Women“. In New York werden sie von Sender zu Sender rumgereicht und bekommen sogar bei einem "Make Over" ein neues Outfit verpasst. Als sie zurück nach Indiana fliegen sollen, macht eine nicht mit: Kimmy Schmidt beschließt, in der großen Stadt zu bleiben und sich ihr verlorenes Leben hier zurückzuerobern. 

Wo findest du die Serie?

Auf Netflix. Die zweite Staffel startet am 15. April.

Der Zeitaufwand:

Die Folgen dauern Sitcom-typische 22 Minuten, die erste Staffel hat 13 Folgen, macht also ein sehr entspanntes Wochenende mit Zeit für einmal Freunde treffen, Wohnung ausfegen und Jeans kaufen.

Wo du Zeit sparen kannst:

Eigentlich, ja EIGENTLICH könntest du dir nach der dritten Folge das Intro sparen. Aber ach! Selten gab es einen eingängigeren, Ohrwurm-mäßigeren Intro-Song als „Unbreakable, they’re alive, damnit, it’s a miracle. Unbreakable, they’re alive Baby, Females are strong as hell.“ 

Also lass es einfach und spar dir lieber die schlechte Laune, die mit diesem Effizienz-Gehabe immer einhergeht.

Womit kannst du das vor deinem Gewissen rechtfertigen?

Auch wenn es erst mal nicht so klingt: "Unbreakable Kimmy Schmidt" ist eine Comedy-Serie. Wenn auch die Prämisse für eine Comedy-Serie selten so schräg war. Wie soll das gehen – Witze über eine junge Frau zu machen, die 15 Jahre gefangen gehalten wurde, vermutlich missbraucht und ihres Lebens beraubt? Wie kann man über die Priklopils, die Warren Jeffs dieser Welt Witze machen? Und warum sollte man? Kann man da irgend etwas Ehrliches erzählen, neben den ganzen Gags, die bei Fey und Carlock, den "30 Rock"-Erfindern, in der Regel im Sekundentakt rausgehauen werden? Und was zum Henker hat sich Tina Fey dabei gedacht, als Nachfolgeprojekt für ihren Welterfolg "30 Rock" diesen absolut schrägen Kram zu nominieren?

Um das kurz zu beantworten: Man kann darüber lachen. Sehr viel sogar. Und ja, es werden Dinge – wenn auch zunächst sehr oberflächlich – angesprochen, die mit Sicherheit noch nie in Mainstream-Comedy-Formaten erwähnt wurden: Traumata, sexueller Missbrauch,  Männer, Sex, Macht.

Aber den Ton von "Unbreakable Kimmy Schmidt" bestimmt vor allem Ellie Kemper, die Darstellerin von Kimmy Schmidt. Und die kennt eigentlich nur einen Aggregatszustand: strahlend und reichlich naiv. In ziemlich genau derselben Funktion hat sie auch schon in dem anderen großen US-Comedy-Erfolg der Nuller-Jahre reüssiert, in "The Office" mit Steve Carrel. Oder als nervtötende Jungvermählte in "Brautalarm". Und in ziemlich genau derselben naiven und weltverliebten Stimmung wandert sie nun als Kimmy Schmidt durch ein New York, das an die Zeiten vor Bürgermeister Bloomberg denken lässt, bevor die Stadt durchgentrifiziert und -disneyfiziert war, als es noch richtig böse Buben an diversen Straßenecken gab. 

Und genau diese fast hysterisch optimistische Kimmy Schmidt drückt der Serie den Stempel auf. Sie hat die ganz große Katastrophe schon erlebt – in ihrem eigenen Vorgarten und 15 Jahre lang. Und sie hat gelernt: Man kann alles aushalten. Für zehn Sekunden. Dann muss man wieder von vorne mit dem Zählen anfangen. 

So fühlst du dich am Tag danach:

Unbreakable! Und sowas von bereit für das Leben da draußen! New York, Bad Homburg, egal! Jetzt komme ich!

 

Und jetzt?

Falls du die Serie noch nicht kennst, wäre „30 Rock“ die naheliegende und absolut empfehlenswerte Möglichkeit, die Zeit bis zur zweiten Staffel zu überbrücken – und eine elementare Bildungslücke zu schließen. Darin erzählt Tina Fey über sieben Staffeln nur minimal verfremdet aus ihrem eigenen Leben als Chef-Autorin der legendären Comedy-Show "Saturday Night Live". Und es gibt da nicht wenige Überschneidungen: Tina Fey und Robert Carlock haben beide Sendungen entwickelt und geschrieben, Titus Burgess, Kimmys Mitbewohner und Erfinder des großartigen Gassenhauers "Peeno Noir (an Ode to Black Penis)" tritt in einer kleinen, aber  unvergesslichen Rolle in "30 Rock"  auf. Jon Hamm hat in beiden Serien unvergessliche Auftritte als Volltrottel vom Dienst und Jane Krakowski spielt ebenfalls in beiden Serien eine wichtige Rolle. 

 

Du kannst, wenn du ein bisschen Zeit mitbringst, auch Ellie Kempers Oeuvre genauer studieren und dich in neun Staffeln lang von Steve Carrel in "The Office" quälen lassen.

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