Blog-Gründerin Stella Maria Pfeifer
Foto: privat

Der erste Interviewpartner ist ihr Papa. Mechatroniker von Beruf, die Arme voller selbstgestochener Tattoos, fotografiert in einem sonnigen Biergarten an der Weser. Er hat sich die folgenden fünf Fragen ausgesucht:

1. Welcher Ort zieht dich magisch an?

2. Hast du eine Morgenroutine?

3. Was möchtest du deinen Kindern mitgeben?

4. Was macht dich stolz?

5. In welchem Land würdest du gern leben und warum?

Die zwei Fragen, die Stella ergänzend ausgewählt hat: 6. Was bedeuten dir deine Tattoos? und 7. Welche Idee trägst du seit Jahren mit dir herum, ohne sie umzusetzen?

„Fünfpluszwei“ heißt das Interviewprojekt der Germanistin Stella Maria Pfeifer aus Kassel, die als Texterin arbeitet. Die 26-Jährige war gelangweilt von den Interviews in großen Zeitungen oder Magazinen. Stets, so Stella, funktionierten sie nach dem gleichen Muster: Einen brandaktuellen Anlass muss es geben, der nicht selten ein kommerzieller ist (Musiker A hat gerade Platte B herausgebracht und wird nur über Thema C sprechen). Dementsprechend ist das folgende Gespräch dann auch von der inhaltlichen Tiefe einer Straßenpfütze. Und: Normale Menschen ohne Prominenzfaktor tauchen als Protagonisten gar nicht erst auf.

Auf Fünfpluszwei beantworten Stella nun also genau diese ganz normalen Menschen sieben Fragen. Fünf davon dürfen sie sich aus einem von Stella erdachten 100-teiligen Fragenkatalog aussuchen. Zwei weitere wählt Stella aus diesem Katalog aus.

Wir sollten einander viel öfter fünf plus zwei Fragen stellen

Die 100 Fragen sind fein abgestimmt. Bei der Konzeption hatte Stella nicht nur alles aufgeschrieben, was ihr selbst in den Sinn kam, sondern auch Freunde und Bekannte gefragt, was sie anderen Menschen gern mal für Fragen stellen würden. So kamen 400 Fragen zustande, die erst einmal mühsam von Stella und ihrem Grafikerkollegen Daniel Lauterbach ausgesiebt werden mussten. „Sie sollen möglichst viele Themenbereiche abdecken ohne beliebig zu wirken. Gleichzeitig sollen sie aber auch leicht und unterhaltsam zu lesen sein und sowohl den Interviewten als auch später den Leser zum Nachdenken anregen.“

Es geht Stella darum, echte Menschen mit ihren Vorstellungen und Ideen vom Leben vorzustellen, ganz uneitel und ehrlich. Mitmachen darf jeder, der etwas von sich erzählen mag. „Natürlich hatte ich zu Anfang schon gleich einige Personen im Kopf, die ich um ihre Teilnahme bitten wollte. Als fünfpluszwei online ging, bekam ich dann schnell positive Rückmeldungen, auch von Leuten, die ich überhaupt nicht kannte. Und vor ein paar Wochen führte ich ein Interview für die Seite in einem Café, als sich ein Mann einmischte und mir auch gleich ein Interview geben wollte. Das Mitteilungsbedürfnis der Leute ist groß, offensichtlich trifft das Konzept also einen Nerv“, erzählt sie.

Hat Stella schließlich mit jemanden ein neues Interview vereinbart, schickt sie ihr oder ihm einen analogen Fragenkatalog zu, aus dem die Person ihre Fragen auswählen, Gedanken hineinkritzeln und bereits einige Antworten notieren darf – in Vorbereitung auf das Gespräch, das Stella am liebsten ganz analog von Angesicht zu Angesicht führt. Dafür fährt sie, wenn Zeit und Budget es gerade hergeben, auch quer durch Deutschland.

Bisher zählt ihre Website erst fünf Interviews. Neben ihrem Vater haben noch ihr Freund und Grafiker Daniel, eine Reisebloggerin und Mutter, ein Data Scientist und eine Autorin Fragen beantwortet. Hat man schnell durchgelesen und will gleich mehr. Denn gerade das macht das Blog so lesenswert: Dass es um so bescheidene kleine Geschichtchen geht, wie den Stolz des Vaters, sich in der Firma vom Leiharbeiter zum Gruppenleiter hochgearbeitet zu haben und seinen Wunsch, das eigene Leben einmal samt all seiner größeren und kleineren Stationen großformatig auf Leinwand zu bringen – obwohl er gar nicht malen kann.

Fünf plus zwei ist eine Website, wie man sie sich oft wünscht, wenn einen die innere Unruhe quer durchs ganze Internet treibt, ohne dass irgendwo Befriedigung zu erwarten ist. Überall News, Twitter- und Facebook-Blabla, Fashion, Sneaker, Werbebanner, Onlineshops, überall virtuelle Hypernervosität – dabei will man doch eigentlich grad nur ein bisschen Trost und Mut für zwischendurch. Eine kleine Pause, ein bisschen Nachsinnen. Fünf plus zwei ist ein Ort, an dem man genau das findet. Und sei es nur, um sich zu überlegen, was man selbst jetzt auf die besprochenen Fragen antworten würde. Wem man sie selbst am liebsten mal stellen würde. Um es dann vielleicht einfach zu tun. Denn wir sollten einander viel öfter fünf plus zwei Fragen stellen.

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