"Freiheit ist, wenn eine Frau oben ohne neben einer Frau im Burkini liegen kann"

In Berlin demonstrieren Aktivisten in Bi- und Burkini vor dem Brandenburger Tor. Ein Ortstermin.
Von Charlotte Haunhorst
Foto: Paul Zinken/dpa

„Komm mal ein bisschen vor, damit man deinen Burkini sehen kann! Das Ding ist ja ein Symbol geworden“, ruft der Fotograf. „Leider“, schiebt er dann noch schnell hinterher. Larissa, 25, gehorcht, auch wenn man aus ihrem Gesicht nicht ganz ablesen kann, ob sie das alles gerade wirklich so toll findet. Aber als Veranstalterin der Protest-Beachparty „Gegen Rassismus und für Selbstbestimmungsrecht“ muss man da wohl durch, selbst wenn neben einem noch zahlreiche andere Frauen in Strandkleidern, Bikinis, mit und ohne Kopftuch sitzen, die genauso gut aufs Foto könnten. Aber der für Larissa selbstverständliche Ganzkörper-Schwimmanzug ist für viele andere Menschen derzeit hochinteressant – insbesondere, weil die Muslimin damit gerade anstatt an einem Strand direkt auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor sitzt. „Und jetzt noch mal der Typ daneben – so als Kontrast“, ruft ein anderer Fotograf. Daraufhin setzt sich ein junger Mann in einem grellpinkem Handtuch und mit gut sichtbarem Nippelpiercin, neben Larissa. Die Kameras klicken. „Hi, ich bin übrigens Philipp“, stellt er sich Larissa und den anderen jungen Frauen fast schüchtern vor. Sie nicken. Nach dem Foto zieht er sich dann doch schnell wieder ein Shirt an. „Wear what you want“, steht darauf. 

Dass Larissa und Philipp in Burkini und Badehose nebeneinandersitzen, hat natürlich einen Grund. Gemeinsam mit knapp 40 anderen Aktivisten und Aktivistinnen wollen sie an diesem sonnigen Donnerstagabend mit einer Beachparty auf ihr Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper aufmerksam machen. „Kommt gerne in Badehosen, Burkinis, Bikinis, Tüchern und mit Badespielzeug“, hatten die Veranstalter, vier lose über die Arbeit in anti-rassistischen und interreligiösen Gruppen verwobene Muslime und Juden, dazu vorab in einer Facebookgruppe geschrieben. Gleichzeitig wurde zu ähnlichen Veranstaltungen in London, Hamburg, Düsseldorf und Frankfurt aufgerufen. Dass die Partys nicht wirklich an Stränden, sondern stattdessen in den Zentren von Großstädten stattfanden, hat vor allem einen Grund: Hier haben die französischen Botschaften und Konsulate ihre Sitze. In Berlin eben am Pariser Platz.

Denn in Frankreich diskutieren sie derzeit ein Burkini-Verbot, an einigen Stränden an der Côte d'Azur wurde es bereits umgesetzt. Heute Nachmittag will das oberste Verwaltungsgericht des Landes über das Verbot entscheiden. Offizieller Grund dafür ist der Terror durch den IS – der Anblick von Burkinis könne seit den diversen Anschlägen in Frankreich die öffentliche Ordnung stören, sagen französische Politiker. 

Larissa in Berlin sieht das ganz anders. „Eigentlich ist es doch so, dass man gerade mit dem Terror überfordert ist. Und anstatt Lösungen zu suchen, werden Probleme jetzt auf Minderheiten, nämlich den Islam oder Frauen in Burkinis, projiziert“, sagt sie. Larissa selbst glaubt zwar nicht, dass der Burkini bald auch in Deutschland verboten wird – aber allein schon die Diskussion schockiert sie. „Mich stört einfach diese ganze 'Befreit die armen Frauen'-Rhetorik dahinter. Für mich bedeutet Emanzipation, dass die Frauen sich gegebenenfalls selbst befreien – nicht, dass jemand von außen kommt und sie dazu zwingt.“

Bilder der Burkini-Demos in Berlin und London:

So sahen die Proteste in Berlin aus. Auch in London versammelten sich viele Aktivisten, um ihre Solidarität mit der Anti-Burkiniverbot-Demo in Frankreich zu bekunden ...

Foto: Paul Zinken / dpa

Auf der "Wear what you want Beach Party" vor der franzöischen Botschaft ist dieses Schild zu sehen: "Aus Solidarität mit meinen verschleierten Schwestern - ihre Körper geht nur sie etwas an."

Foto: Hannah McKay / dpa
Foto: Frank Augstein / AP
Foto: Neil Hall / reuters

Mit Schildern, die mit Botschaften wie "Are you Burkini Beach Body ready?" versehen sind, unterstützen Aktivisten die Burkiniträgerinnen.

Foto: Justin Tallis / afp

"Wear what you want" fordern die Aktivisten vor der französischen Botschaft in London.

Foto: Justin Tallis / afp
Foto: Frank Augstein / ap

Ähnlich wie viele andere Burkini-Trägerinnen sieht sie in ihrem blauen Burkini ein Kleidungsstück, das ihr hilft, ihren Glauben mit dem Alltag zu vereinbaren – weil sie so eben auch mit Freunden an den See gehen kann. „Ich befürchte nur, dass durch die Diskussion sich jetzt noch mehr Leute ermutigt fühlen, dumme Sprüche zu machen, wenn sie mich darin sehen“, sagt Larissa. Orte mit vielen Menschen, zum Beispiel in Freibäder, meidet sie deshalb bereits jetzt.

An diesem Punkt des Gesprächs schaltet sich Shima ein, die neben Larissa auf dem Handtuch sitzt. Die 25-Jährige trägt keinen Burkini, sondern einen langen, gemusterten Rock und ein schwarzes Kopftuch. „Ich gehe ins Schwimmbad nur zu den Frauenschwimmzeiten, oder eben an Frauenstrände. Dann aber im Bikini. Nichts gegen deinen Burkini, aber die meisten gefallen mir einfach nicht – aus ästhetischen Gründen“, sagt Shima. „Vielleicht sollte man mal Prada Bescheid sagen, dass da noch ein Markt ist?“, erwidert Larissa. Beide lachen. „Es ist doch schon absurd, dass Menschen im 21. Jahrhundert immer noch nicht verstehen, dass auch Burkini-Trägerinnen ganz normale Frauen sind“, sagt Shima. Sie selbst findet, dass echte Freiheit erst erreicht sei, wenn eine Frau im Burkini neben einer Frau oben ohne am Strand liegen kann „und es niemanden stört.“

Eingerahmt von Larissa und Shima mit ihren bedeckten Haaren sitzt Larissas Freundin Ute, ebenfalls 25, und nickt immer wieder, während die beiden aus ihrem Alltag erzählen. Ute selbst trägt ein kurzes, blaugrünes Sommerkleid, die langen Haare fallen ihr über die nackten Schultern. „Auch ohne muslimische Freundin wäre ich heute gekommen. Die ganze Diskussion bedrückt mich einfach so“, sagt sie. Ute findet, es gäbe doch wirklich wichtigere Themen als die Kürze und Länge der Kleidung. „Wir alle sollten mal gründlich reflektieren, ob Verbote wirklich zu mehr Freiheit führen“, sagt sie. Dann geht ein Tumult durch die Gruppe.

Hannah Tzuberi, selbst Jüdin und eine der Veranstalterinnen der Demonstration, hat sich ein Megafon geschnappt und erklärt der Presse und den vielen, mittlerweile neugierig gewordenen Touristen mit ihren Handys, noch einmal, warum sie heute hier sind. "We are one", sagt Hannah am Ende und übergibt das Megafon an Fatuma, ihre muslimische Kollegin. Auch Fatuma sagt noch einmal "Wir sind alle verschieden und trotzdem gleich. Und dafür liebe ich euch alle." In diesem Moment steht Philipp, der junge Mann mit dem pinken Handtuch und dem Nippelpiercing auf, geht auf Fatuma zu und umarmt sie. "Ja, ich liebe euch auch nackt!", sagt Fatuma und grinst. Das Publikum johlt. "Denn wer du bist und wie du dich anziehst, das respektiere ich. Und was ich glaube, ist meine eigene Sache." Dann drücken die Fotografen wieder kollektiv ab. Ist auch einfach zu gut, dieses Bild.

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