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Foto: Bwag/Wikimedia / freepik / Collage: jetzt.de

Eine Menschenmenge, die sich in eine Richtung begibt. Scharenweise Männer in ihren schönsten Gewändern. Frauen, die ihr perfektes Make-up aufgelegt haben. Blicke, die heimlich ausgetauscht werden. Der Gebetsruf, der die Weite füllt. Es ist 8.30 Uhr an einem heißen Dienstagmorgen Ende August vor dem Islamischen Zentrum in Wien. Austro-Muslime aus verschiedensten Herkunftsländern haben sich zum Eid-Gebet, dem muslimischen Opferfest, versammelt, um zu beten – einige aber auch, um sich umzuschauen. Beim Festtagsgebet treffen vor der Moschee junge Männer und Frauen aufeinander, die auf Partnersuche sind. So vielfältig die versammelten Nationalitäten sind, so vielfältig sind heutzutage die Möglichkeiten, als gläubiger Muslim eine Partnerin in Wien kennenzulernen – und das ganz ohne Hilfe der Eltern.

Catwalk in die Moschee

„Meistens sind das anfangs nur Blicke, die ausgetauscht werden, da die meisten Mädchen und Jungen sich nicht trauen, einander an solchen Orten anzusprechen“, erzählt Ismail* vom Szenario vor der Moschee. „Ansonsten sind viele Männer auf der Suche. Sie schauen mit ihren Freunden durch die Gegend und fragen sich gegenseitig aus, wer diese und jene ist.“ Ein Instagram in Reallife: Junge Muslime präsentieren sich speziell an diesem Tag von ihrer schönsten Seite, manche besorgen sich sogar Wochen im Voraus ein nagelneues „Eid-Outfit“.

Während Frauen mit ihren schönsten Kleidern und dem dezenten Make-up auffallen, tragen Männer ihre getrimmten Bärte und die polierten Schuhe zur Schau. Das Morgengebet am Eid rückt immer mehr in den Hintergrund, während sich sorgfältig abgestimmte Outfits und perfekt gegelte Frisuren in den Vordergrund drängen. „Es ist heute einfach nicht mehr das, was es mal war“, denkt Ismail laut. Ismails Freund Osama* erklärt, wie es in seinem Männerkreis nach dem Eid-Gebet zugeht. Sobald man ein Mädchen sieht, das einem gefällt, wird herumgefragt und es wird auf Social Media, meistens Instagram, ausfindig gemacht. Beten und im Anschluss die Lage checken. „Zwei Fliegen mit einer Klappe. Je mehr Iman (=Glaube) man zeigt, desto seriöser wirkt man. Welches muslimische Mädchen will einen Player?“, sagt der 21-Jährige. Nach dem Gebet geht’s mit Freunden in die Shopping-Mall Millennium City, die in der Nähe der Moschee ist, sagt der Student. „Dort schaut man sich dann richtig um“, meint er. „Es gibt immer die ein oder andere, die man kennt, also geht man grüßen. Je länger das Gespräch anhält, desto mehr Fame erntet man dann anschließend bei den Jungs.“ Sowohl er als auch Ismail wissen aber, dass einige muslimische Mädchen trotz ihres modernen Lebensstils nicht mit fremden Jungen gesehen werden wollen. Aus diesem Grund nutzen junge Muslime, die auf Partnersuche sind, Anlässe wie das Eid-Gebet, um sich unverbindlich umzuschauen

Stylen statt Suren 

Zara* berichtet von einer ähnlichen Situation in der afghanischen Community: „Einerseits stellt man sich im Koranunterricht zur Schau, andererseits bedeutet er auch eine Integration in die Community.“ Auch wenn genug afghanische Jugendliche rein aus Glaubensgründen zum Koranunterricht gehen, gibt es doch einige, bei denen das nicht der alleinige Grund für ihren Besuch ist. „Das war besonders auffällig, als die Teilnehmerzahl nach Einführung eines geschlechterseparaten Koranunterrichts drastisch gesunken ist“, erinnert sich die 23-Jährige. „Man merkt schnell, wer die Moschee mit einer religiösen Absicht betritt und wer nicht.“ Die Jungs, die alle um die 18 sind, haben auf dem Weg in die Moschee die ankommenden Mädchen beobachtet. „Die Mädchen im Alter von 16 kamen immer aufgestylt zum Unterricht, haben gekichert, verstohlene Blicke ausgetauscht und sich Briefchen über die Jungs geschrieben“, sagt die Studentin. Um eine optimale Konzentration zu gewährleisten, wurde der Koranunterricht in Mädchen- und Jungs-Gruppen aufgeteilt

Doch die jungen Austro-Muslime wissen sich zu helfen. Der Verein Muslimische Jugend Österreich, kurz „MJÖ“, wird im Spaß schon „Parship für Muslime“ genannt. Hier haben sich bereits einige Ehepaare kennengelernt. Es ist ein offenes Geheimnis innerhalb der muslimischen Community, dass man hier seinen Partner fürs Leben finden kann.

Öffentlich über ihre Liebe reden will keines der sechs Paare, die für diesen Artikel angefragt wurden. „Die MJÖ selbst hat nicht die Absicht, dass man gezielt dorthin geht, um sich mit dem anderen Geschlecht auszutauschen“, erzählt Monika von ihrer Zeit als aktives Mitglied. „Trotzdem ist man sich dessen bewusst, dass viele mit dieser Absicht beitreten und zu den Veranstaltungen kommen.“ Sie findet es aber dennoch okay, zumal das Ganze einem einen „Halal -Rahmen“ vorgibt, um Leute zu sehen und kennenzulernen. Wenn man sich das genauer anschaut, ist es weder verwerflich noch allzu verwunderlich. Eine junge, gläubige Muslima wird wohl kaum nach einem jungen Mann Ausschau halten, der vor einer Diskothek Schlange steht. Gläubige Muslime zielen darauf ab, jemanden zu finden, der dieselbe Halal-Haram-Ratio aufweist, sprich, der dasselbe Verständnis von richtig und falsch im Islam hat.

„Ich habe relativ schnell eingesehen, dass die Männer in meiner Umgebung nichts für mich sind, weil sie leider nie auf derselben intellektuellen Ebene waren und eine Frau am Herd wollten“, nennt Monika als Grund, wieso sie dort dennoch keinen Partner gefunden hat. „Auch hat man mich wegen meiner dunklen Hautfarbe und meiner Herkunft misstrauisch betrachtet“, vermutet sie – Monika stammt aus Bangladesch. Sie gesteht, dass sie kurz davor war, Nicht-Muslime zu daten, da sie ihr fast schon muslimischer erschienen. „Einige Männer haben auch heute noch ein Problem damit, wenn die Frau gebildeter ist oder mehr verdient als der Mann.“ Darum hat Monika in Sachen Liebe einen alternativen Weg eingeschlagen und sich online auf die Suche begeben. Seinen Partner durch Social Media kennenzulernen ist im 21. Jahrhundert nichts Außergewöhnliches.

Monika ist heute mit einem deutschen Konvertiten glücklich verheiratet und ihm zuliebe sogar von Wien nach Deutschland gezogen. Sie haben sich auf der App muzmatch kennengelernt, die im Prinzip eine HalalVersion von Tinder ist. Rechts swipen für Ja, links swipen für Nein – je nachdem, wie ansprechend die Person auf einen wirkt. Jedes Profil soll mehrere Fotos zeigen, mit der Option, dass Frauen ihre Bilder verschwommen erscheinen lassen können, sodass sie der Mann quasi erst dann sieht, wenn er sie nach rechts wischt. Eine Präventivmaßnahme zur Vermeidung von Oberflächlichkeit, aber auch um die Ehre der Frau zu wahren. Die Suche nach potentiellen Partnern lässt sich unter anderem nach Ethnie, Sprache und Region filtern, was Monika sehr geschätzt hat, nachdem nur das österreichische/deutsche „Mindsetting“ für sie in Frage gekommen ist. „Du kannst im Chat sogar eine dritte Person dabeihaben, die darauf achtet, dass das Gespräch auch halal verläuft. Sowas wie ein Wali, ein Beschützer sozusagen“, erklärt die 27-Jährige. Bevor eine Freundin ihr die App empfohlen hat, hat Monika sich nicht vorstellen können, dass sich tatsächlich etwas Ernstes daraus entwickeln könnte. „Ich habe dem eine Chance gegeben. Am Ende des Tages ist es dasselbe wie Facebook und Instagram.“ Selbige Freundin hat ihren Verlobten ebenfalls auf muzmatch gefunden und heiratet demnächst.

Vor Nutzung der App hat sich Monika dem anderen Geschlecht herkömmlich genähert, wie der Rest ihres Freunde auch – und Männer entweder durch gemeinsame Freunde oder durch die Uni kennengelernt. Leicht ist es ihr nicht gefallen: „Man muss herausfinden, ob die Person Single ist und ob sie überhaupt Interesse hat. Die App hat den Vorteil, dass beide Parteien wissen, dass sie zügig heiraten wollen. Man weiß, woran man ist.“ „Muslimische Zusammenkünfte wie das Eid-Gebet sind Gelegenheiten, Menschen deiner Art zu treffen“, meint Osama, „Es liegt also durchaus im Bereich des Möglichen, der großen Liebe in einer Moschee oder Ähnlichem zu begegnen.“ 

*Unsere Redaktion kooperiert mit biber  –  was wir bei JETZT ziemlich leiwand finden. Als einziges österreichisches Magazin berichtet biber direkt aus der multiethnischen Community heraus – und zeigt damit jene unbekannten, spannenden und scharfen Facetten Wiens, die bisher in keiner deutschsprachigen Zeitschrift zu sehen waren. biber lobt, attackiert, kritisiert, thematisiert. Denn biber ist "mit scharf". Für  ihre Leserinnen und Leser ist biber nicht nur ein Nagetier. Es bedeutet auf türkisch "Pfefferoni" und auf serbokroatisch "Pfeffer" und hat so in allen Sprachen ihres Zielpublikums eine Bedeutung. Hier könnt ihr die aktuelle Ausgabe sehen: 

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