Das ist: Hillary Clinton, die Kandidatin, der junge Amerikaner misstrauen

Und die uns nebenbei zeigt, dass Politik in den USA so absurd und anders ist als in Deutschland.
Von Matthias Kolb, Washington
dpa, afp, reuters; Collage Jessy Asmus

Normalerweise stellen wir in dieser Rubrik einzigartige junge Menschen vor, die man eher noch nicht kennt. Frauen, die beeindruckend klettern können oder sich 300 Nazis in den Weg stellen. Oder Männer, die aussehen wie Boris Johnson und darunter leiden. Heute aber die Präsidentschaftskandidatin der US-Demokraten. Warum? Weil wir sie halt doch nicht kennen. Wie auch? Ihr Konkurrent ist Donald Trump. Niemand hat die Kapazitäten, neben dem noch jemand anderen wahrzunehmen. Vor allem hier. Ein bisschen aber auch in den USA. Und damit sieht man an Hillary auch und vor allem, wie grotesk anders das politische System dort ist. Und bitte:

Das ist...

Hillary Clinton, 68, und als erste Frau Kandidatin der Demokraten. Nur sie kann die Welt und die USA vor einem möglichen Präsidenten Donald Trump retten. Barack Obama nennt sie (wohl auch deshalb) „die qualifizierteste Bewerberin aller Zeiten“: Clinton war Außenministerin, Senatorin und kennt das Weiße Haus als ehemalige First Lady von innen. Erfahrung in Washington hat sie mehr als genug – nur leider denkt die Mehrheit der Amerikaner, dass sich ihr Land in die falsche Richtung bewegt. Und dass Schuld daran genau jenes "korrupte Polit-Establishment" in der Hauptstadt sei, das Clinton repräsentiert. Dass sie zwischen Anfang 2014 und Ende März 2015 für 51 Reden stolze elf Millionen Dollar kassiert hat, passt da natürlich gut ins Bild. Dass sie sich weigert, die Transkripte der Reden zu veröffentlichen, schon auch.

Die kann... 

sich bisher nicht in den Umfragen vom Ex-Reality-TV-Star Trump absetzen. Egal ob er die Familie eines getöteten muslimischen Soldaten beleidigt, sich als einzige Lösung für alle Probleme präsentiert oder Muslimen die Einreise in die USA verbieten will – dem Immobilienmogul schadet das alles nicht, obwohl alle liberalen Journalisten dies- und jenseits des Atlantiks entsetzt sind und böse Artikel schreiben.

Das liegt daran, dass etwa 40 Prozent aller US-Wähler sich eher die Hand abhacken würden, als für einen Demokraten zu stimmen. Diese Republikaner fürchten eine "dritte Amtszeit Obamas" mit noch mehr Einfluss des Staates. Sie machen Clinton für den Tod von vier US-Bürgern im libyschen Bengasi verantwortlich und halten sie für ein "Sicherheitsrisiko", weil die Außenministerin vertrauliche E-Mails über einen Privatserver verschickt hat. Dass die Clinton-Familienstiftung Geld von autoritären Staaten akzeptierte, ist ihnen ein willkommener Beleg für deren Korruption. Und dass sie eine Frau ist, finden viele weiße Männer ohnehin schrecklich (mehr über Sexismus im Wahlkampf hier ) – aber es ist nur einer von vielen Faktoren.

Die kommt... 

gerade bei jungen Amerikanern gar nicht an. Zuletzt sagten nur 31 Prozent der 18- bis 29-Jährigen, dass sie Hillary Clinton mögen – der Wert ist ein Desaster. Denn Millennials wählen fast immer die Demokraten. Barack Obama, zum Beispiel, wird von 64 Prozent geschätzt. Clinton ist also nicht nur so uninspirierend wie Helmut Kohl am Ende seiner 16-jährigen Amtszeit – sie verkörpert für junge Amerikaner ein System, das sie ignoriert. Bernie Sanders wurde verehrt, weil er für kostenloses Studium, höheren Mindestlohn, Elternzeit und eine weniger militaristische Außenpolitik eintritt – und zwar seit 40 Jahren.

Hillary hingegen hat für den Irak-Krieg gestimmt, viele Millionen von der Wall Street kassiert und warb früher für Freihandelsabkommen wie Nafta und TPP. Dass sie heute in fast allen Punkten anders argumentiert, ist Teil ihres Problems: Den Satz "Ich weiß nicht, wofür sie steht und vertraue ihr nicht" hört man oft. Das Argument, unbedingt die erste Frau ins Weiße Haus wählen zu müssen, sehen viele junge Feministinnen eher als Beleidigung an.

Die geht... 

überall dahin, wo es weh tut. Sie wird in den 14 Wochen bis zum Wahltag durchs Land touren und alles tun, um genug Stimmen von Afroamerikanern, Latinos, Akademikern, Millennials und möglichst vielen Frauen zu kriegen (also all die Gruppen, die Trump am liebsten attackiert). Am Ende dürfte das wohl reichen, um Trump zu besiegen, weil die meisten jungen Liberalen 1) Bernies Vorbild folgen und 2) begreifen werden, dass Clinton allemal besser ist als der chauvinistische Nationalist Trump. Aber echte Inspiration wird sie nicht auslösen.

Weil Clinton weiß, dass sie keine gute Rednerin ist (charismatischer als die Rednerin Angela Merkel ist sie trotzdem), setzt sie dabei darauf, dass ihr Allstar-Team aus Helfern – die Obamas, Ehemann Bill, Bernie Sanders, halb Hollywood – die Massen anzieht.

Wir lernen daraus,...

dass Politik in den USA ganz anders funktioniert als in Deutschland. Und all die preisgekrönten TV-Serien und John-Oliver-Clips, die wir uns dauernd anschauen, nur zum Teil dazu beitragen, die Vorgänge in den USA besser zu verstehen.

Nur Google weiß,...

dass Verschwörungstheorien niemals sterben, wenn es um die Clintons geht (wie Trump diese für sich nutzt, steht hier). Wer wissen will, wieso viele konservative Amerikaner die Ex-Außenministerin nicht nur für eine Verbrecherin, sondern für eine Mörderin ("Killary") halten, klicke auf arkancide.com. Bill Clinton war Gouverneur in Arkansas und die Betreiber der Website sind überzeugt, dass Kritiker und Mitwisser umgebracht worden sind und ihr Tod als Selbstmord dargestellt wurde ("wie kann sich jemand zwei Mal in den Kopf schießen?").

 

Und damit zurück zum Lärm:

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