Genießen Sie Ihr Bier in vollen Zügen!

Warum man den Alkohol im Bordbistro niemals verbieten darf.
Von Friedemann Karig
Illustration: Lucia Götz

Ich sitze im Bordbistro, irgendwo zwischen Jena Paradies und Halle/Saale, und trinke ein Bier. Gluck, gluck, ja, und? Warum so etwas Maximalnormales, Urdeutsches, Banales wie ein Bordbistro-Bier hier Erwähnung findet? Weil es verboten werden soll. Oder präziser: abgeschafft.

"Alle wissen, dass Alkohol enthemmt. Wir müssen den Alkoholausschank auf den Prüfstand stellen aus Fürsorgepflicht für unsere Mitarbeiter", sagte Gewerkschaftschef Claus Weselsky der Heilbronner Stimme.

Zuvor hatte die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) ihre 250.000 Mitglieder zu ihrem Beruf befragt, etwa 15 Prozent antworteten. Von ihnen gaben mehr als 82 Prozent an, schon einmal bei der Ausübung ihres Berufs verbal beleidigt worden zu sein. Fast ein Viertel wurde demnach schon einmal körperlich angegriffen.

Deshalb also weg mit dem Bordbistro-Bier, sagt Weselksy: „Jede einzelne Klage von Mitarbeitern, jede einzelne Belästigung ist eine zu viel."

Natürlich hat er da einen Punkt, Übergriffe gegen Mitarbeiter sind nicht in Ordnung. Aber was sagt wohl die stationäre Gastronomie selbst dazu? Sind pöbelnde Kunden für die nicht so etwas wie der Goldstaub-Husten des Schankwirtes: als soziale Berufskrankheit lästig, aber logisch? Ist es also höchste Zeit für eine Liebeserklärung an das Bordbistro-Bier? Und für eine Absage an die alltäglichen Übergriffe?

Das Bordbistro ist ein sehr männlicher Ort

Ich habe so etwas zum Glück noch nie erlebt. Die höchste Aggressionsstufe auf meinen Bahnreisen sind die Rentnerpaare, die mit zusammengepressten Lidern die Reservierungsanzeige zu entziffern versuchen oder gar nicht erst finden. Und dann wahllos „junge Männer“ wie mich von ihren Sitzen zu verscheuchen versuchen, um nach schneller Klärung des Fehlers („Ihr Platz ist in Wagen 23, das hier ist 32") ohne Dank abziehen, in die falsche Richtung, und dabei drei Knie mit ihren Koffern zertrümmern. Aber randalierende Besoffskis? 

Als Bordbistro-Stammkunde kenne ich nur das übliche Publikum zwischen den beiden Polen „Männer mit gelockerter Krawatte und funktionalem Alkoholproblem“ und „weiblicher Kegelclub auf großer Fahrt in den Harz“. An den zu niedrigen Fenstern drücken sie sich entweder so weit nach unten, dass sie mehr sehen können als die endlos den Augen wegflitzenden Schienen. Oder sie lehnen sich weit über die Bistrotische, die vermutlich aus Plastik sind, das aussehen soll wie Marmor, aber aussieht wie dreckiges Plastik. Und dann wird getrunken.

Es treten auf, in chronologischer Reihenfolge: Vertreter morgens um sieben kurz vor Kassel, die irgendwie in diesen dreckigen Dienstag finden müssen. Familienväter gegen halb zehn kurz vor dem Nervenzusammenbruch (die dazugehörige Frau kommt kurz darauf aus dem Familien-Abteil und will „abgekochtes Wasser“). Zum Mittagessen wieder die Rentner, die das Zugrestaurant suchen, welches fünf Meter weiter liegt, und die ihren Gutedel dann mitnehmen zur Verfeinerung der Erbsensuppe. Nachmittags, auf der Heimfahrt wieder die sich verbrüdernden Vertreter, denen aus den Hemdsärmeln der Geruch harter, unehrlicher Arbeit strömt (Old Spice und Schweiß). Abends die Verspäteten, die Singles, die Studenten – und zwischendurch natürlich der sich eingroovende Kegelklub Pinneberg: Teufelshörner, Piccolöchen, Lautstärke wie im Kindergarten an Fasching.

Das Bordbistro ist also, wenn nicht gerade Junggesellinnenabschied ist, ein sehr männlicher Ort. Selbst die Damen des Kegelclubs benehmen sich hier wie die Männer in Mario-Barth-Sketchen. Sie alle bestellen bei Kellnern und Kellnerinnen, die neben der Uniform ein starker Dialekt verbindet. Einen lockeren Spruch aus dem „Lassen Sie doch mal die Luft aussem Glas, Frollein“-Regal kurz unter der Gürtellinie gibts als Trinkgeld dazu. Und klar, ab und zu wird eine frech, kurz vor Mannheim schmeißt etwa eine dicke Tina einen Pappbecher um. Dann muss der Kellner allen sächsischen oder fränkischen Gleichmut zusammen nehmen, um die nächste Runde zu zapfen.

Schuld ist nicht der Alk, sondern der Käfig namens ICE

Doch schmecken der Pfälzer Weißwein und der badische Rotwein lange nicht gut genug für einen Totalschaden. Meist bleibt die Qualität eher so „Chateau Migräne“, wie meine Mutter sagen würde. Und das Bier, das vor mir steht, schmeckt nicht friesisch-herb, wie das Land in der Werbung. Sondern eher etwas grau und matschig, wie das Land vor den Zugfenstern. Hartes Zeug gibt es eh nicht.

Das reicht zum sich langsam Anzünden oder für einen ordentlichen Pegel, der über zwei Stunden Verspätung hinwegretten muss, aber niemals für echtes Bunga-Bunga. Manchmal, wenn die Sonne malerisch hinter den Strommasten versinkt und das Bordbistro rosa anleuchtet, kommt hier allerdings fast ein gewisser Flirt-Faktor auf. Dann werden Reiseziele und Herkünfte ausgetauscht wie in der Disco damals die Zungenküsse, und zwei Vertreter mit haarigen Unterarmen klopfen sich gegenseitig mutmachend auf die Schultern. Ausrasten kann hier keiner, schon weil es zu eng ist und zum promillebedingten Schwanken auch noch die Kurvenlage des Eilzuges kommt.

Ursache für das Pöbel-Problem, das Chef-Schaffner Weselsky beklagt, ist also weder der mangelhafte Alkohol noch das mangelnde Personal. Sondern die Enthemmung, die Menschen zu Tieren macht, wenn sie auf engem Raum eingeschlossen sind. Sie wissen, dass sie dem nächsten Halt in Kassel-Wilhelmshöhe nicht entkommen. Einziger Trost: Alle anderen auch nicht. Keiner kann sie rausschmeißen oder gar die Polizei holen und sie von der Straße kehren lassen. Also befällt sie der Mut, sich blöd zu machen. Vor allem, wenn man sie des einzigen Menschlichkeitsmerkmals berauben will, das einem in einem überfüllten ICE zweiter Klasse noch bleibt: der Rausch. Denn nur mit dem erträgt man diesen ganzen Wahnsinn hier.

Dass die Reisenden sich wehren gegen jede Bevormundung, ist so unschön wie unausweichlich. Aber den Ausschank zu verbieten, greift zu kurz, oder besser: zu spät. Die echten Problembären stolpern ja schon vollgetankt wie ihre zu Hause gelassenen Autos in den Zug. Dass sie dann im Bistro nix mehr zu schlucken kriegen, ist nur der Funke, der ihr gut gefülltes Fass zum Überlaufen bringt. Was für eine Schnapsidee, schrieb die Offenbach Post online. 

Heute, vor diesem Bier im Bordbistro, fühle ich deshalb zum ersten Mal seit Jahren so etwas wie echtes Verständnis für all die Wutbürger, die aus Angst vor einer sich abschaffenden alten Bundesrepublik auf Marktplätzen herumgröhlen. Kein Alkohol mehr im Bordbistro, das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Das könnte man als „Tugendterror“ bezeichnen, wenn der Begriff nicht per se schon so geschmacklos wäre wie das Schinken-Käse-Dings, das man im Halbrausch Richtung Zug-Toilette runterwürgt.

Jena Paradies liegt lange hinter mir, am Horizont leuchtet die Endstation Berlin, und ich wünsche mir, mal mit Claus Weselsky einen trinken zu können. Im Bordbistro. Die erste Runde geht auf mich. Strecke darf er aussuchen. Und während wir mit 250 km/h der Heimat oder der Fremde zurasen, würde ich den Claus fragen, ob er eigentlich selbst noch manchmal Zug fährt. Ob er dieses Gefühl kennt, das sich in der Mitte des ersten Bistro-Bieres, kurz nach dem dreihundertsten verfallenen Provinzbahnhof einstellt, irgendwo in Deutschland.

Es ist ein verdammt warmes Gefühl.

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