Die Deutsche Bahn schafft den Nachtzug ab – schade!

Denn sich mit Wildfremden einen winzigen Liegewagen zu teilen, kann eine tolle Erfahrung sein.
Übernacht-Reportage von Liza Marie Niesmak
Foto: ad Rian / photocase.de

Montagmorgen, kurz vor Augsburg, im Autozug von Hamburg-Altona nach München. Zum Leidwesen der Reisenden betritt der Zugbegleiter schon um 7 Uhr in der Früh, mit Kakao- und Kaffeebechern sowie Brötchentüten in der Hand, Abteil 9 des Schlafwagens. Zu seiner Rechten liegt im untersten Bett ein Mann Ende 60 in schwarzer Joggingmontur, mit dichtem weißgrauen Haar und randloser Brille, die er gleich nach dem Aufwachen aufsetzt. Der Mann heißt Hartmuth Roth, ist pensionierter Lehrer und wohnt in Hamburg. Über ihm, im mittleren Bett, liegt der Italiener Walter Zardetto (69), verheiratet mit einer Kolumbianerin und Besitzer zweier Eiscafés, die beide „Venezia“ heißen. Eine in seiner Heimat Sankt Peter-Ording und eine in München am Schloss Nymphenburg. Walter Zardetto reist mit seinem Sohn Walter Zardetto Junior (17), der wiederum über ihm, im obersten Bett liegt. Auf gleicher Höhe, auf der linken Seite, erwacht eine junge Frau, eingehüllt in ihren Daunenparka, die von Walter Senior noch vor Abfahrt „Bambina“ getauft wird. Das bin ich. 

Mit 26 Jahren liege ich zum ersten Mal in einem Schlafwagen und reise zum ersten Mal mit dem Autozug – und vermutlich, zumindest auf dieser Strecke, auch zum letzten Mal. Denn, der nach Angaben der Deutschen Bahn defizitäre Autozug-Betrieb wurde zum 31. Oktober eingestellt, die Nachtzüge fahren noch bis einschließlich Dezember.

Ich liege hier nicht ganz freiwillig. Meine Mutter hat mir das Ticket gebucht. Der Autozug ist ihr deutlich lieber, als wenn ich “Autobahn-Unerprobte“ die rund 780 Kilometer lange Strecke  am Lenkrad eines Autos sitze. Mir hingegen wäre lieber gewesen, ich hätte das Radio bis zum Anschlag aufdrehen und mitsingen, Endlostelefonate führen, mein Snickerspapier auf den Rücksitz schmeißen und einfach ein bisschen Zeit für mich haben können. Ich stellte mir die Nacht im Schlafwagen extrem unentspannt vor. Mir graute vor Schnarchern, Spät-ins-Bett-Gehern, Frühaufstehern, Quasselstrippen, Besserwissern, Dieben und Menschen, die nach Schweiß, Schnaps, Zigaretten oder allem zusammen riechen. Außerdem vor siffigen Bettlaken, engen Abteilen und überalterten Zügen.

Andererseits war ich neugierig. Dachte: Jetzt, wo der Autozug bald nicht mehr ist, muss ich ihn vielleicht noch einmal ausprobieren. Ergründen, wie es ist, in so einem ruckelnden Ding zwischen wildfremden Menschen zu liegen. Immerhin gibt es ja durchaus Leute, die von dieser Art zu reisen schwärmen.

Letztlich überzeugt hat mich, dass Mama die Fahrt zahlt. Doch nicht nur dafür bin ich ihr jetzt dankbar, in diesem Moment, zwischen den beiden Walters und dem Mann im Jogginganzug. Denn der Nachtzug, der hat schon was Besonderes, wie sich im Laufe der Fahrt herausstellt.  

Die ersten Autoreisezüge fuhren in Deutschland schon 1930 unter der Bezeichnung „Auto-Gepäck-Verkehr“. Zur Hochzeit meiner Eltern, 1973, wurden 185.500 Fahrzeuge transportiert. Nun verlässt der letzte Autozug die Verladestation. Immerhin einige der Nachtzugstrecken, werden von der österreichischen Eisenbahngesellschaft ÖBB übernommen. Nur das mit dem Auto ist halt jetzt vorbei.

Walter Senior ist vor allem darüber nicht glücklich. Fast jede zweite Woche ist er bisher mit dem Autozug nach München gefahren, um dort im Eiscafé nach dem Rechten zu sehen. Sein silberner Mercedes immer dabei, sein Sohn nur manchmal. Wie jetzt in den Ferien. Diesmal wollen sie weiter nach Italien, in Walter Juniors Geburtsort nahe Venedig.

Die Urlaubsreise, meist mit der ganzen Familie, ist die klassische Autoreisezugsituation und der Grund dafür, dass sich dieses Modell lange rentierte. Die Fahrt war bequem und frei von Stau, der PKW geschützt vor Abnutzung und für die Kinder begann das Urlaubsabenteuer bereits bei der Anreise. Heute ist allerdings die Option „(Billig-)Flug plus Mietwagen“ nicht nur ebenso komfortabel, sondern besonders für Familien häufig auch günstiger. Fährt eine vierköpfige Familie mit Mittelklassewagen im Schlafwagen eines Autozuges, schlägt sich das immerhin mit knapp über 800 Euro auf die Urlaubskasse nieder.

Gleich werden drei Männer in mein zerknautschtes Gesicht schauen, wenn ich die Leiter runterklettere

Hartmuth Roth, der freiberuflich als Lehrercoach arbeitet, befindet sich auf dem Weg zu Verhandlungen über einen Buchvertrag. Zudem besucht er bei München eine Cousine. Anschließend will er sich mit einigen Stopps bei Freunden wieder zurück in den Norden bewegen. Er kennt das Autozugprozedere: die Einfahrt durch die Altonaer Bahnhofshalle, die Einweisung aufs Ober- oder Unterdeck des Transportwaggons und die Anweisung „Erster Gang und Handbremse rein!“. Schließlich samt Wertsachen das Auto verlassen und erst mal lange warten, bis es losgeht.

Bei der Abfahrt in Altona sieht es zunächst so aus, als wären Roth und ich die Einzigen in dem tatsächlich sehr engen Abteil. Jackpot! Wir stellen uns einander vor, dann zählt er für mich die Vor- und Nachteile jedes einzelnen Bettes auf und verlässt mit den Worten: „Denken Sie gründlich nach!“, lächelnd das Abteil. Typisch Lehrer. Während ich noch sinniere, stehen schon die beiden Walters vor der Tür, die kein Zweibettabteil mehr bekommen haben und entscheiden sich für die Betten über Roth. Dass die Jüngsten, Walter Junior und ich, nach ganz oben müssen, ist bei der unvorteilhaften Anbringung der Liegen kaum anders möglich.

Nachdem wir unsere von der Bahn gestellten, weißen und gar nicht so siffigen Laken auf den blauen Liegeflächen glattgezogen haben, unterhalten wir uns noch ein wenig und tauschen Lektüre. Jeder ist froh, in diesem Abteil zu sein und nicht zwei Türen weiter, wo es bis zum Flur hinaus nach Zigarettenrauch stinkt. Einer weiß, dass die Toilette zur Linken defekt ist und niemand weiß, wie man die Lüftung abstellt. Walter Senior lässt daher die enge Jeans und seine Moncler-Daunenjacke lieber gleich an. Der Sohnemann schläft in schwarzer Trainingshose und Hoodie und setzt nur das Cap ab, sodass viele kleine braune Locken von seinem Kopf purzeln und die dunklen Augen verdecken. Um kurz nach eins wird das Licht ausgemacht und ich schlafe sofort ein. Nicht mit Schnarchgeräuschen, sondern mit einem Lied von Jim Croce im Ohr.

„Wasn’t very long ago. You said that you would like to share my road...“

Der Zug zuckelt durch die Nacht, ab und an werde ich wach, weil er für einen Güterzug anhält, ansonsten schlafe ich gut. Bis morgens besagter Zugbegleiter und mit ihm eine allgemeine Unruhe eintritt. Die unteren Betten werden von Roth und Walter Senior sofort fachmännisch zu Bänken aufgerichtet, die Brötchen pflichtbewusst verzehrt, der wässrige Kakao stehen gelassen. Ich schaue mir das erst mal nur von oben an und fühle mich ein bisschen wie auf Klassenreise oder wie am Morgen nach der ersten Nacht. Allerdings werden jetzt gleich drei Männer in mein zerknautschtes Gesicht schauen, wenn ich die Leiter runterklettere. „Bambina, du musst andersrum klettern!“, kommentiert Walter Senior das besorgt. Dabei versuche ich, aus einem Gefühl heraus, nur zu vermeiden, mit meinem Hintern voraus hinabzusteigen. Sich in einem Schlafwagen frei zu bewegen, das funktioniert einfach nicht.

In morgenmuffeliger Stille zu verharren auch nicht, wenn man sich am Vorabend schon das Du angeboten hat. Unausgeschlafen, ungeduscht und größtenteils in Joggingklamotten gekleidet, sitzen wir uns gegenüber und mit der Etikette fällt auch die Scheu.

Sich im Pyjama begegnen –  das ist gleich ein anderes Intimitätslevel

Und das erscheint mir genauso ungewöhnlich wie schön. Mit Fremden in eine Unterhaltung zu geraten, die über ein bisschen Smalltalk hinausgeht, passiert nicht alle Tage. Besonders nicht in Zügen, wo selbst in den engen Sechserabteilen jeder lieber für sich zu sein scheint. Im Nachtzug aber schläft man, völlig schutzlos, im selben Raum, begegnet sich im Pyjama – das ist gleich ein anderes Intimitätslevel. Es bewirkt, dass die Leute, sich mehr aufeinander einlassen, als es sonst beim Reisen der Fall ist.

Während der Zug gleichmäßig durch den Morgennebel gleitet, entbrennt unter den männlichen Erwachsenen eine Diskussion darüber, ob man gen München nun grade östlich oder südöstlich fährt. Roth zeigt uns die Zugspitze und erklärt wo und wie der Alpenföhn zustande kommt. Werner Senior beantwortet die Frage nach seinem Vornamen damit, dass seine Mutter wohl einen Deutschen Offizier geliebt hat.

Bis zu unserer Ankunft lerne ich noch so einiges über meine Mitreisenden. Walter Senior schenkt mir Gutscheine für seine Eisdielen. Roth führt mich durch die wichtigsten Stationen seines Lebens. Das erste große Ereignis ist sein Psychologiestudium, nach dessen Abschluss er als einer der ersten Lehrer Hamburgs das Abitur in diesem Fach abnehmen kann. Aus dem von den Schülern weniger geliebten Mathematik- und Erdkundelehrer wird plötzlich ein gefragter Mann. Dann ist da noch sein Jahr als Austauschlehrer in St. Louis und die Erkenntnis: Die Schüler sind sehr viel leistungsbereiter, wenn man sie mit „Yes, you can!“ ermutigt, als wenn man ihnen ständig ihre Unzulänglichkeit vor Augen führt.

Mit jedem Kilometer bin ich meiner fürsorglichen Mutter dankbarer, dass sie mich überredet hat, den Autozug zu nehmen. Sonst wäre meine Reise wohl keine in die Vergangenheit völlig fremder Menschen geworden. Und ich hätte wohl nie erfahren, dass mein Hamburger Gymnasium früher eine Mädchenschule war – nämlich zu der Zeit, als der 26-jährige Hartmuth Roth dort als Referendar lehrte und sich kaum traute, den 18-jährigen Schülerinnen eine schlechte Note zu geben.

 

Vielleicht, denke ich mir, probiere ich das mit den ÖBB Nightjets in Zukunft doch mal aus. Denn das schönste am Schlafwagen, so habe ich jetzt gelernt, sind die schlaflosen Stunden mit Wildfremden.

 

 

Warum man eh viel öfter nicht zu Hause schlafen sollte: 

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