„Ich glaube einfach nicht daran, dass ich ohne Gras schlafen kann“

In unserer Kolumne erzählt Mia von ihrem Leben als Kifferin. In Folge 15 fragt sie sich: „Bin ich süchtig?“
Protokoll von Niko Kappel

Foto: Lullabby / photocase.de / Fezbot2000 / Unsplash / Bearbeitung: jetzt

Zum Kiffen hat so ziemlich jede*r eine Meinung. In der öffentlichen Debatte darüber kommen die Konsument*innen aber am wenigsten zu Wort. Das sind in Deutschland rund 3,7 Millionen Menschen – und längst nicht alle kiffen aus medizinischen Gründen. Die Studentin Mia kifft seit sieben Jahren. Hier erzählt sie von ihrem Alltag mit Cannabis. 

Ich mache mir durch diese Kolumne mehr Gedanken um meinen Konsum als früher. Denn jetzt sehe ich so Zeilen wie „Ich hatte noch nie nüchtern Sex” schwarz auf weiß. Habe ich wirklich noch ein so gesundes Verhältnis zu Gras, wie ich immer gedacht habe? Wie viel an meinem Konsum ist noch Genuss und wie viel davon ist Sucht? Ich fange an, Gewohnheiten zu überdenken, wie zum Beispiel mein Einschlafritual. Normalerweise ist Kiffen für mich wie Zähne putzen. Ich mache es jeden Abend vor dem Einschlafen. In letzter Zeit versuchte ich aber, das zu reduzieren.

Diese Versuche sahen dann so aus: Wenn ich eh schon müde war, legte ich mich einfach hin und zwang mich, zu schlafen. Ohne Joint, wie andere Menschen eben auch. Das führte dann dazu, dass ich irgendwann um 4 Uhr immer noch wach war und mein Kopf gab keine Ruhe. Ich dachte über meine anstehenden Abgaben fürs Studium nach, war deshalb gestresst und konnte einfach nicht einschlafen. Ich dachte: „Direkt auf meinem Nachttisch liegt das Zeug, dass mich in wenigen Minuten einschlafen lässt.“ Es ist so einfach, das ist das Problem daran. Aufstehen, Joint bauen, rauchen. Ich setzte mich an meinen Tisch, baute einen Joint und rauchte ihn. Nach zehn Minuten war ich eingeschlafen. Seitdem rauche ich wieder konsequent vor dem Schlafen gehen, egal wie müde ich bin. Ich glaube einfach nicht daran, dass ich ohne Gras schlafen kann.

Sowas will doch jeder, oder? Sorglos sein auf Knopfdruck

Ich habe außerdem Angst, ohne Gras nicht mehr kreativ zu sein. Ich habe ja schon öfters erzählt, dass ich bekifft viel besser zeichnen kann. Das liegt daran, dass ich mir high weniger Gedanken um das mache, was ich zeichne. Nüchtern hinterfrage ich alles viel zu sehr: Verstehen die Leute überhaupt, was ich sagen will? Sieht dieses Bild überhaupt ästhetisch ansprechend aus? Ist das überhaupt Kunst oder komplett sinnlos? Ohne Gras würden mich diese Fragen kaputt machen, deshalb kann ich nicht künstlerisch arbeiten, ohne zu kiffen.

Wenn ich nicht kiffe, bin ich gestresst und schlecht drauf. Deshalb kiffe ich einfach. Gras ist für mich sowas wie eine Garantie auf gute Laune. Wenn man das einmal gecheckt hat, dann will man nicht darauf verzichten. Sowas will doch jeder, oder? Sorglos sein auf Knopfdruck. Ich habe bekifft immer eine gute Zeit, egal ob ich Stress mit einer Freundin habe oder mich mein Studium überfordert.

Alles, was ich gerade beschrieben habe, könnte man als psychische Abhängigkeit interpretieren: Ich denke, ich könnte nicht schlafen, nicht zeichnen und nicht gut drauf sein ohne Gras. Körperliche Abhängigkeit ist da nochmal was anderes: Du fühlst dich energielos, wenn du die Droge nicht genommen hast. Du zitterst, weil du keinen Nachschub an Alkohol kriegst. Oder du wirst krank, wenn du kein Heroin mehr hast. Das sind alles Dinge, die bei Gras nicht passieren. Mir nicht und auch sonst niemand. Deshalb nervt es mich, dass die Politik Gras immer mit Drogen wie Heroin und Kokain auf eine Stufe stellt. Körperliche und psychische Abhängigkeit sind verschiedene Dinge. Und psychische Abhängigkeit hat natürlich auch unterschiedliche Extreme.

Nur einer von zehn Kiffern wird abhängig. Aber ich bin eben diese eine. Ich bin nicht die Regel und ein extremes Beispiel. Und anhand von Extrembeispielen sollte meiner Meinung nach keine Politik gemacht werden. 

Ich weiß nicht, wie ein Entzug von härteren Drogen so ist, aber meine Therapeutin in der Drogenberatung hat es mir so erklärt: Körperliches Unwohlsein kann man auskurieren. Aber psychische Abhängigkeit zu überwinden, heißt, dass du eine Stimme in deinem Kopf ausschalten musst. Diese Stimme sagt mir: „Du kannst nicht schlafen ohne Joint”, „Dir ist langweilig ohne Joint” und „Du machst keine gute Kunst ohne Joint”. Ihr nicht nachzugeben, ist verdammt schwer. Ich schaffe es das nicht. Und das macht mich zu einer Süchtigen.

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