Wie harmlos ist Kiffen tatsächlich?

Eva Hoch erforscht die Wirkung von Cannabis und wünscht sich eine sachlichere Diskussion darüber.
Interview von Niko Kappel

Foto: birdys / Photocase; Bearbeitung: jetzt

Für viele Menschen ist die Droge Cannabis fester Bestandteil ihres Lebens. So auch für die Kifferin Mia, aus deren Alltag wir im Rahmen einer neuen Kolumne vom kommenden Dienstag an wöchentlich erzählen werden. Vorher sprechen wir aber mit Eva Hoch. Sie ist die Leiterin der Forschungsgruppe Cannabinoide des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München und erzählt, wie unser Körper auf Cannabis reagiert, warum jede*r eine Meinung zum Thema hat und ob es unbedenklichen Konsum von Marihuana überhaupt gibt.

jetzt: Frau Hoch, Sie forschen seit fast 15 Jahren zum Thema Cannabis. Warum wird die Diskussion über die Hanfpflanze in Deutschland so emotional geführt?

Eva Hoch: Das Thema polarisiert, weil Cannabis so vielfältige Wirkungen haben kann. Es kann entspannen, berauschen, Glücksgefühle auslösen, aber auch Übelkeit, Ängste und Paranoia verursachen. Schwerkranke Menschen können mit Cannabis möglicherweise ihre Beschwerden lindern, chronische Schmerzen beispielsweise. Und dann gibt es auch Menschen, deren Cannabiskonsum „außer Kontrolle“ gerät, die einen schädlichen oder abhängigen Gebrauch entwickeln. Cannabis als Arznei wurde vor zwei Jahren in Deutschland legalisiert. Wie aber soll die Gesellschaft mit Cannabis als Freizeitdroge umgehen? Wie in anderen Ländern Europas erleben wir auch hier eine intensive Debatte, die sich um die Stichworte Legalisierung, Regulierung, Entkriminalisierung und Prohibition dreht. Cannabis mobilisiert Wähler*innen, mit Cannabis lässt sich auch viel Geld verdienen. Jeder scheint einen anderen Blick auf die Substanz zu haben. In der gesellschaftlichen Diskussion geht es oft mehr um Interessen als um wissenschaftliche Fakten. Dabei ist auch beim Thema Cannabis nicht alles schwarz oder weiß, gut oder schlecht. Das sehen wir, wenn wir uns wissenschaftlich mit der Substanz und ihrer Wirkung befassen. Die Cannabisforschung ist noch sehr jung. Wir haben zum Beispiel bis in die Neunziger nicht gewusst, dass Menschen ein körpereigenes Cannabis-System haben.

„Bei dem ganzen Cannabis-Hype ist man gerne mal der Spielverderber, wenn man über die Schattenseiten spricht“

Was für ein System ist das genau?

Wir haben ein sogenanntes endogenes Cannabis-System mit eigenen Cannabinoid-Rezeptoren und körpereigenen Cannabinoiden. Die Cannabinoid-Rezeptoren sind am häufigsten im Gehirn zu finden.  Sie spielen bei Appetitregulierung, Lernen, Gedächtnis, Bewegung, Gefühlen, Vergnügen und Belohnung eine Rolle. Das Cannabinoid THC der Hanfpflanze hat eine ähnliche chemische Struktur wie das körpereigene Cannabis. Es kann auch an den körpereigenen Cannabis-Rezeptoren binden, das löst dann zum Beispiel Hunger aus. Deshalb werden beispielsweise viele Menschen vom Kiffen hungrig.

Cannabis als Pflanze liefert also Stoffe, die unser Körper auch selbst produziert. Das klingt nach einem Argument für Cannabisbefürworter*innen. Sie selbst stehen Cannabiskonsum aber auch durchaus kritisch gegenüber.

Bei meiner Forschung und in der Klinik widme ich mich den Menschen, die Probleme im Zusammenhang mit Cannabis bekommen haben und ihren Konsum verändern möchten. Bei dem ganzen Cannabis-Hype ist man gerne mal der Spielverderber, wenn man über die Schattenseiten spricht. Doch auch für die gibt es eine biologische Grundlage. Beim Kiffen kommen viele Cannabinoide ins Gehirn. Sie werden nicht so schnell abgebaut wie das körpereigene Cannabis. Das System wird sozusagen „überschwemmt“. Das kann dann auch ungesund sein. Beispielsweise bei Jugendlichen, deren Gehirn noch nicht vollständig ausgereift ist. Eine Studie fand heraus, dass sogar einmaliger Konsum das Gehirn eines 14-jährigen Kindes verändern kann. Während der Pubertät ist das körpereigene Cannabinoid-System nämlich an der Gehirnreifung beteiligt und sollte nicht von körperfremden Stoffen beeinflusst werden.

Was sind die Folgen von hohem Cannabis-Konsum in jungen Jahren?

Wenn ein Cannabinoid-Rezeptor ständig von gerauchtem Cannabis blockiert wird, dann kann dies das Cannabissystem verändern. Die aktuellste Forschung legt nahe, dass sich möglicherweise die Struktur und Funktion des Gehirns ändern. Man merkt das vielleicht daran, dass man sich im Laufe der Jahre einfache Dinge schlechter merken kann. Dazu passt eine neuseeländische Studie, die Jungen und Mädchen des Jahrgangs 1972/1973 ihr Leben lang wissenschaftlich begleitet hat. Es gab eine Gruppe von Probanden, die schon vor dem 18. Lebensjahr regelmäßig konsumiert haben. Die Expert*innen konnten bei diesen Konsument*innen im Alter von 38 Jahren einen IQ-Verlust von 8 Punkten feststellen.

„Das Problem ist, dass ein unbedenklicher Konsum nie erforscht wurde“

Ist da dann gar nichts mehr zu machen?

Nicht ganz. Wir merken, dass bei vielen Konsument*innen die Aufmerksamkeit und die geistige Präsenz rasch besser werden, nachdem sie ihren Konsum eingestellt haben. Das Cannabioid-System kann sich regenerieren, aufzuhören lohnt sich also immer.

Gibt es unbedenklichen Cannabis-Konsum?

Aus Bevölkerungsstudien wissen wir, dass es viele verschiedene Konsumformen gibt. Das Problem ist, dass ein unbedenklicher Konsum nie erforscht wurde, deshalb kann ich dazu keine fundierte Aussage treffen. Was ich sicher sagen kann: Je früher im Leben begonnen und je intensiver gekifft wird, desto größer ist das gesundheitliche Risiko. Die wissenschaftlichen Studien der vergangenen zehn Jahre belegen einen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und dem Auftreten von Angststörungen, bipolaren Störungen, Depressionen und Psychosen. Man muss dazu sagen, dass eine psychische Störung nie nur durch eine Ursache ausgelöst wird. Aber es gibt Risikofaktoren. Und Cannabis kann durchaus ein „Katalysator“ für psychische Störungen sein.

Wie abhängig macht Cannabis nach dem heutigen Stand der Wissenschaft?

Einer von zehn Menschen, die jemals in ihrem Leben gekifft haben, entwickelt einen Cannabismissbrauch oder eine Abhängigkeit. Diese Menschen merken dann möglicherweise, dass sie nicht mehr so high werden wie früher. Vielleicht erleben sie auch Entzugsbeschwerden oder vernachlässigen Dinge, die ihnen früher wichtig waren. Der Anteil ist aber deutlich höher, wenn der Konsum früh begonnen hat oder täglich Cannabis konsumiert wird. Die Cannabis-Rezeptoren im Gehirn sind dann dauerhaft überreizt, das System schützt sich und wird herunterreguliert. Die jüngste Cannabisforschung untersucht in diesem Zusammenhang jetzt auch die Risiken von hochpotentem Cannabis, also Produkten mit mehr als zehn Prozent THC. Wenn wir uns deutschlandweit die Zahlen anschauen, sind die meisten Menschen von Tabak und Alkohol abhängig. Ein Prozent der Menschen hat einen Cannabis-Konsum, den man als Sucht definieren kann, bei Alkohol sind es sechs Prozent, bei Tabak etwa zehn.

Wenn man sich die Argumente der Pro-Legalisierung-Seite anhört, kommt es einem so vor, als könnte Cannabis alles heilen. Was ist da dran?

Cannabis wurde schon 2700 vor Christus im ältesten chinesischen Heilbuch erwähnt: als Droge und als Heilmittel. In Europa war es im 19. Jahrhundert recht populär, es wurde zum Beispiel gegen Schmerzen, Schlafstörungen oder Depressionen eingesetzt. Danach verlor es seine Bedeutung. Das hatte mehrere Gründe: Die chemische Struktur der Hauptwirkstoffe war noch nicht gefunden, zahlreiche effektive Arzneimittel wurden für verschiedene Erkrankungen entdeckt und produziert und Cannabis wurde dem internationalen Betäubungsmittelgesetz unterstellt. Erst als in den Neunzigern das körpereigene Cannabissystem entdeckt wurde, begann man sich in der Medizin auch wieder etwas mehr für das pharmakologische Potential von Cannabis zu interessieren. Wir haben im ganzen Körper Cannabis-Rezeptoren, nicht nur im Gehirn. Und es gibt außer dem sogenannten „Highmacher“ THC noch andere Cannabinoide, zum Beispiel CBD, dem auch heilende Wirkung zugesprochen wird. Man hat zum Beispiel herausgefunden, dass CBD Effekte bei schweren Epilepsien hat. Es ist aber auch leider so, dass nicht alle Schwerkranken von Cannabisarznei profitieren. Das Problem ist, dass ihre Wirkung und Verträglichkeit insgesamt noch zu schlecht erforscht ist. Wem kann Cannabisarznei wirklich helfen, wer sollte etwas anderes bekommen? Was passiert bei einer langfristigen Anwendung? Um fundierte Aussagen zu treffen brauchen wir künftig eine viel bessere Finanzierung der Cannabisforschung.

Was meinen Sie: Sollte Cannabis in Deutschland legalisiert werden?

Meinen Auftrag als Wissenschaftlerin sehe ich darin, die Fakten zum Thema zu vermitteln. Wir dürfen uns nicht durch eine emotionale, polarisierte Debatte zu Lösungen hinreißen lassen. Das muss sich ändern, wenn wir einen gesellschaftlichen Konsens finden wollen, wie man Menschen helfen, sie aber auch ausreichend schützen kann.

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