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Illustration: Katharina Bitzl

Es soll ja Menschen geben, die sich andauernd ein neues Smartphone kaufen, sobald ein neues Modell das alte überholt hat. Das ist nicht nur ziemlich bescheuert, sondern auch sehr tragisch. Diese Menschen verpassen nämlich eine Beziehung mit Höhen und Tiefen, die es in ihrer Dramatik locker mit einer menschlichen Lebensgemeinschaft aufnehmen kann. Sie verläuft in etwa so:

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1. Phase: Mein Schaaaatz

Der Warenfetisch kickt ohne Ende: Das Modell, das du in wochenlanger Rechereche zum persönlichen Preis-Leistungs-Sieger gekürt hast (gut, du hast zwischendurch dein Budget verdoppelt), liegt endlich vor dir. Es sieht bezaubernd aus, du willst es allen zeigen. Leider interessiert sich in dieser Welt niemand mehr für neue Smartphones und irgendwie haben alle deine Freunde eh mehr Geld und bessere Modelle, die wirklich was tolles Neues können. Aber – wie in einer echten Beziehung – ist dir die Meinung der anderen egal. Das neue Telefon liegt nämlich tatsächlich so „robust und wertig in der Hand“, wie auf computerbild.de beschrieben. Das Teil ist einfach der Hammer. Du postest Selfies von dir und untertitelst sie mit „taken with my brandnew Samsphorola X6000 #somanymegapixels“.

Apropos Hammer: Dein letztes Smartphone hat schon nach ein paar Wochen seinen ersten Riss bekommen, allerdings nicht durch Werkzeuge, sondern den Küchenboden. Sowas von ärgerlich war das. Diesmal willst du vorsichtiger sein. Gleich eine Hülle kaufen, aber nicht so ein Hartplastikgefängnis mit Abdeckung. In dem kann man das Ding zwar auch bedienen, Respekt gibt es für diesen Schutz aber höchstens von den Eltern.

Dann lieber ein Wildlederetui, das sieht sogar akzeptabel aus, als hättest du ein Messer dabei. Die Displayfolie aus der Fabrik lässt du auch gleich drauf. Zumindest vorerst, denn bei diesem Handyramschladen an der Ecke gibt es für zehn Euro Panzerfolie zu kaufen, eine Art Plastikdisplayverstärkung, deren Wirksamkeit gerne mit einem darauf zufliegenden Hammer illustiert wird. Du schwörst dir, sie dir baldmöglichst anzuschaffen.

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2. Phase: Freiheit vor Sicherheit!

Dein Smartphone magst du zwar nach wie vor, nach drei Tagen war die Euphorie-Phase allerdings halbwegs vorbei. Du wunderst dich, warum Menschen dir ihr neues Telefon zeigen wollen: Ist doch nur ein Gebrauchsgegenstand, also bitte. Die Lederhülle hast du mehr oder weniger absichtlich verloren. Beim Date mit einer Germanistin konntest du nämlich nicht googeln, was dieser Woyzeck eigentlich so geschrieben hat, weil du das Ding nicht unauffällig aus der Hülle gefummelt bekommen hast.

Die Packungs-Displayfolie war irgendwann auch peinlich, das Bildschirmglas ist ja auch nicht mehr so anfällig wie das der Knochen vor zehn Jahren. Also: Freiheit vor Sicherheit, das Handy von nun an wie gewohnt unverpackt, Hüllen sind was für Bausparer.

Leider folgt bald zwangsläufig der Tag, der klassischerweise den Wendepunkt deiner Smartphone-Beziehung darstellt. Aus Mangel an Aufmerksamkeit vibriert sich dein Smartphone eine Tischkante hinab und schlägt mit der Präzision eines Buttertoasts auf dem Display auf. Der erste Riss ist da.

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3. Phase: It's just Rock'n'Roll!

Klar, der erste Sprung im Display war kein Grund zum Jubeln. Aber wer niemals ein Smartphone mit gerissenem Bildschirm besessen hat, hat nie wirklich gelebt. Leider fängt der bald auch an, dir Splitter in die Finger zu jagen. Der Gang zum Handyramschladen ist ernüchternd, ein neues Display kostet dort etwa so viel wie die Neuware im Schaufenster. Du erinnerst dich an das Panzerfolien-Angebot. Die klatscht dir der Handyramschmann in einer Sekunde auf die Splitter und berechnet dir fünf Euro für die „Montage“. Der Bildschirm ist jetzt bei Sonnenschein unlesbar, dafür musst du dir keine Mikroglasstückchen mehr rausoperieren.

Trotz der Einschränkungen fängst du an, Gefallen am individuellen Look deines Telefons zu finden: Diese Roughness hat doch irgendwie was, du zeigst damit ja schließlich auch, dass dir Statussymbole mal so gar nichts bedeuten. Um diesen Eindruck zu verstärken, klebst du einen konsumkritischen Sticker auf den Akkudeckel und beeindruckst deine Freunde, indem du ihnen ihr Bier mit dem Smartphone öffnest. Rock'n'Roll! Beim etwa zehnten Mal geht deine Selfie-Kamera drauf, aber Selbstinszenierung war ja eh nie dein Ding.

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4. Phase: MacGyver bis zum Tod

Nachdem du betrunken beim Hammer-Test auch noch die Panzerfolie zerdeppert hast, fängt dein Smartphone an, leise zu winseln. Beim Aufladen, das wegen angebrochener USB-Buchse – wenn überhaupt – nur noch mit viel Spucke vonstatten geht, fiept es komisch herum. Vom Display ist noch etwa ein Drittel übrig, der Kopfhörereingang ist hoffnungslos verstopft. Wenn du mit einem Linkswisch versuchst, einen Anruf entgegenzunehmen, legt dein Smartphone auf, um auf seine inneren und äußeren Verletzungen hinzuweisen. Die dadurch eingeschränkte Erreichbarkeit („Der Penner hat mich einfach weggedrückt!“) mach dich zunehmend zum Outsider.

Obwohl deine verbliebenen „Freunde“ mit Fotos deines Schrotthaufens auf Instagram viral gehen und irgendein Reddit-Australier eine Crowdfunding-Kampagne für dich ins Leben gerufen hat, packt dich nun der Stolz. Sollen sie nur lachen, du wirst doch jetzt nicht aufgeben!

Den Akku lädst du nun über ein aufgeschnittenes Ladekabel, das du direkt an den Polen anlegst, ein Akku-Defibrillator sozusagen. Den geladenen Akku klebst du dann mit Gaffa am Smartphone fest, der Deckel hat sich längst verabschiedet. Die Anrufannahme klappt bei jedem zehnten Mal, wenn du links unten beim Splitter sehr fest drückst. Im genialen Youtube-Hackvideo „How to charge your phone with a broken USB port“ hat man dir leider nicht mitgeteilt, dass der ungeregelte Strom deinem Smartphone in etwa so gut tut wie eine Elektroschock-Therapie. Dein Telefon verfällt nun regelmäßig in eine Art Wachkoma.

Oft verbringst du Stunden mit dem Versuch, es einzuschalten, kommst zu spät zu Terminen, weil du dich noch um dein sterbendes Smartphone kümmern musstest. Wenn es dann mal wieder angeht, kannst du immer wieder ein paar Bilder und Kontakte auf deine Festplatte retten, digitale Wohnungsauflösung und zugleich melancholische Diashow eurer gemeinsamen Zeit.

Während dein Telefon die letzten Bilder in den Äther schickt und du verschiedene Götter anbetest, dass es noch etwas durchalten möge, wird das Display plötzlich hell. Immer heller, wie das Licht, von dem die Menschen in den Nahtoderfahrungs-Dokus immer berichten. Dann erlischt es. Für immer. Und du gehst zurück zu Phase eins.

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