Das Internet wurde abgeschaltet

Zumindest in Josefine Rieks Debütroman „Serverland“.
Interview von Nadja Schlüter

Josefine Rieks wurde 1988 in Höxter geboren und lebt in Berlin.

Foto: Tim Bruening

Reiner ist Mitarbeiter bei der Deutschen Post und sammelt alte Laptops. Sie stammen aus einer Zeit, als es das Internet noch gab – bis per Referendum beschlossen wurde, es abzuschalten. Rund um Reiner entsteht eine Jugendbewegung, die in eine brachliegende Serverhalle von Google einsteigt und es schafft, an alte Daten von Youtube zu gelangen. Die Videos werden wie Heiligtümer verehrt und die „User“, wie sich die Jugendlichen nennen, arbeiten daran, ihre Utopie zu leben: eine Gesellschaft, die komplett vernetzt ist und alles miteinander teilt. Nur wählen dafür leider nicht alle den gleichen Weg.

Josefine Rieks' Debütroman „Serverland“ (Hanser Verlag) ist die Geschichte von einer Zukunft, in der den Menschen etwas genommen wurde, an das wir heute noch alle glauben. Im Interview spricht Josefine über die Grundidee des Internets, Youtube und die Dynamik von Jugendbewegungen.

jetzt: Dein Roman spielt in einer dystopischen Welt, in einer Gesellschaft nach einem großen Umbruch: der Abschaltung des Internets. Wieso hast du dieses Setting gewählt?

Josefine Rieks: Ich habe eine Erzählung von Arno Schmidt gelesen, „Schwarze Spiegel“. Sie spielt, nachdem der Atomkrieg die Menschheit quasi ausgerottet hat. Die Hauptfigur wandert durch komplett leere Heidelandschaften, plündert Häuser, wühlt im Vergangenen. Das ist die Stimmung, die ich für meine Geschichte „geklaut“ habe. 

In deinem Buch gibt es einige Youtube-Videos, die die Jugendlichen, die ohne Internet aufgewachsen sind, besonders begeistern: „Me at the Zoo“, der „Wochenende! Saufen!“-Typ, die „Fuck“-Szene aus The Wire. Wie hast du die Videos ausgewählt? Nach den meisten Views, den regsten Diskussionen, ihrem Kult-Status?

Jeder hat ein Repertoire an Youtube-Videos, das er gerade von Freunden gezeigt bekommen hat oder selbst gerne zeigt. Und die Videos in dem Buch waren mein Repertoire zu der Zeit, als ich es geschrieben habe.

Das erste Video, das dein Protagonist Reiner sich anschaut, ist „Rock DJ“ von Robbie Williams, in dem er bis aufs Skelett strippt. Warum hast du ausgerechnet dieses Video für diese wichtige Szene ausgesucht?

Es gibt nicht das Youtube-Video und irgendein Video musste es halt sein. Ich kenne „Rock DJ“ von MTV aus der Zeit, als ich ein Kind war, es war ein Skandal. Heute ist es etwas Vergangenes. Und genau das ist Youtube: Dass da Gegenwärtiges neben Vergangenem steht, als anarchische Kombination von Videos. 

Die Vergangenheit in „Serverland“, in der es das Internet noch gab, wird stark tabuisiert. Fast niemand von den Älteren will darüber sprechen. Warum?

Wenn eine Gesellschaft zusammenbricht, wie Nazideutschland nach dem Zweiten Weltkrieg oder die Sowjetunion nach der Wende, ist das Vergangene stark mit Scham belegt. In „Serverland“ ist die digitale Gesellschaft zusammengebrochen und man schämt sich dafür, dass man mal daran geglaubt hat.

Reiner und die anderen Anhänger der neuen Jugendbewegung bilden in dieser Gesellschaft die Gegenkultur: Sie glauben an das Internet. Und Reiner hofft, nie mehr alleine sein zu müssen, wenn es zurückkommt.

Der Hippie-Guru Timothy Leary hat mal gesagt, dass PCs das „LSD der Neunziger“ gewesen seien. Die Hippies haben LSD genommen, weil sie glaubten, dass ihre Bewusstseine sich dadurch vernetzen und dann alle Menschen miteinander verbunden, gleich und frei sein könnten. Das ist so ungefähr das, was Reiner sich vom Internet erhofft. 

„Serverland“ ist am 19. Februar 2018 im Hanser Verlag erschienen.

Abbildung: Hanser Verlag

Einige Jugendliche der Bewegung verehren Steve Jobs. Ist er also eine Art Guru der Netzwerkgesellschaft?

Steve Jobs mit seiner Garage und wie er sich und sein Unternehmen dargestellt hat, das hat viel mit Gegenkultur und Hippie-Bewegung zu tun. Es gibt diese Werbung von 1984 für den ersten Macintosh: Auf einem großen Bildschirm spricht ein Big Brother, eine große, gleichgeschaltete Crowd hört ihm zu und eine Hammerwerferin, die ein T-Shirt mit einem Macintosh darauf trägt, zerstört ihn. Das ist das Grundideal des Internets, das Internet in Reinform. 

 

Die Jugendlichen verklären die Vergangenheit aber auch sehr stark. Probleme wie Online-Hetze oder Filterblasen werden nie erwähnt.

Weil sie es nur mit dieser Reinform von Youtube, nur mit einzelnen Videos zu tun haben. Sie stoßen ja gar nicht erst auf so was wie Klickzahlen, Algorithmen oder Filterblasen.

 

Als die Jugendbewegung wächst und irgendwann Videos zur Unterhaltung gezeigt, Getränke verkauft und Partys gefeiert werden, hat Reiner Angst, dass sie ihre Ideale verrät. Ist das das Schicksal jeder Subkultur: kaputtzugehen, sobald sie erfolgreich ist?

Das ist zumindest Reiners Befürchtung, aber ich weiß nicht, ob er recht damit hat. Miriam (eine weitere Protagonistin Anm. d. Red.) sieht das ganz anders und findet es gut, dass die Bewegung wächst und sich verändert. Aber grundsätzlich ist das ein Dilemma, das im Kern jeder Subkultur liegt:  Irgendwie will sie mehr Leute erreichen und überzeugen, gleichzeitig passiert dadurch natürlich etwas mit der Gruppe, ein fragiles Gleichgewicht wird gestört. Aber die Frage, ob das gut oder schlecht ist, die kann ich nicht beantworten.

 

Eine große Lücke bleibt in deinem Roman: Du erzählst an keinem Punkt, mit welcher Begründung das Internet abgeschaltet wurde. 

Ja. Weil ich glaube, dass das nicht wichtig ist.

 

Warum nicht?

Ich denke, es liegt nicht so fern, sich das vorzustellen. Und mögliche Antworten auf die Frage „Warum?“ hätten einen kulturpessimistischen Impact gehabt – das war nicht die Geschichte, die ich mir vorgestellt habe.

 

Also ist dein Roman nicht kulturpessimistisch?

Ich habe viel Sympathie mit den Jugendlichen, die Youtube feiern, als kulturellen Schatz wahrnehmen und sich Gedanken darüber machen, was sie daran als befreiend empfinden. Ich würde ihnen damit total recht geben.  

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