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Foto: dpa/Lukas Schulze

Kommentarspalten sind zum Ballermann des Internets geworden: Jeder kann dort seine Pöbeleien hinkotzen. Viele halten sich deshalb mittlerweile davon fern und stempeln alle Kommentatoren als Idioten ab. Die Initiative #ichbinhier, die auf Facebook gegen Hass und Hetze vorgeht, sieht darin eine große Gefahr: Denn unter den „Idioten“ tummeln sich Trolle, bewusste Hetzer, die das Netz vergiften wollen – und die man mit Gegengift bekämpfen muss. Seit einem Jahr startet die Facebook-Gruppe mit ihren mehr als 40.000 Mitgliedern deshalb immer wieder organisierte Aktionen. In den Kommentarspalten schreiben sie unter dem Hashtag #ichbinhier gegen die Hetzer an, speziell gegen rechtsextreme.

Jetzt haben sie gemeinsam mit dem Londoner „Institute for Strategic Dialogue“ (ISD) die Studie „Hass auf Knopfdruck“ veröffentlicht, die rechtsextreme Hasskampagnen im Netz untersucht. 1,6 Millionen Beiträge wurden dafür auf Facebook und Twitter Deutschland zwischen Februar 2017 und Februar 2018 analysiert. Die Auswertungen zeigen, wie klein die Troll-Armee ist – und wie viel Macht sie trotzdem über uns hat.

„Die Studie war mehr ein Abfallprodukt“, erklärt Alex Urban, Leiter der #ichbinhier-Initiative. Nach einigen Aktionen sei ihnen aufgefallen, dass die Kommentare immer von den gleichen Profilen kommen und nach wenigen Minuten riesige Likezahlen haben. Der Analyst und IT-Experte Philip Kreißel, der ebenfalls bei #ichbinhier aktiv ist, ist dem schließlich nachgegangen. Über eine Facebook-Schnittstelle konnte er sich die Daten zu rund 1,2 Millionen Likes und 20.000 Beiträge downloaden und auswerten. Anschließend wurden diese Daten mit den Twitterdaten der ISD zusammengeführt, sodass sie ein ganzheitliches Bild ergaben.

Demnach sind seit der Einführung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes im Januar 2018, das Social-Media-Unternehmen verpflichtet, rechte Hetzbeiträge zu löschen, die Zahlen rassistischer Kommentare heruntergegangen. Doch dafür haben sich die koordinierten Hasskampagnen verdreifacht. 0,02 Prozent der analysierten Accounts sollen für die Hälfte der Likes in den untersuchten Kommentarspalten verantwortlich sein. Knapp 5500 User hat Philip ausfindig gemacht. „Für die 31 Millionen Facebook-Nutzer in Deutschland ist das eine sehr kleine Gruppe“, erklärt Philip. Diese hat er sich für die Studie genauer angesehen.

Außer Frage steht für Philip, dass die Trolle Sympathisanten der neuen Rechten sind

„Viele fanden die ‚Identitäre Bewegung‘ und die AfD gut“, erzählt er. AfD-Sympathisanten verteilten insgesamt so viele Likes für hetzerische Kommentare wie alle Anhänger der anderen Parteien zusammen. Anhänger der „Identitären Bewegung“ haben insgesamt das größte Netz, auch auf Twitter. Wie genau die beteiligten Personen im Hintergrund agieren, kann Philip den Daten nicht entnehmen. Er kann nur mutmaßen. Außer Frage steht für ihn aber, dass die Trolle Sympathisanten der neuen Rechten sind. Und, dass es ein Netz gibt, das sie verbindet.

Für dieses Netz gibt es online sogar eine gemeinsame Leitlinien: Das sogenannten „Handbuch für Medienguerillas“. Es erklärt Schritt für Schritt, wie man „Opfer im Internet“ effektiv „verarscht“. Auch das rechtextreme Netzwerk „Reconquista Germanica“ soll danach gearbeitet haben.

Die zehn Punkte klingen wie ein seltsamer militärischer Strategieplan. Da steht etwa: „Die größte Angst der systemtreuen Lakaien ist es, des Rassismus verdächtigt zu werden. Setze großzügig die Nazikeule ein und werf ihnen Rassismus und Antisemitismus vor. Shoppe ihre Gesichter auf Bilder aus dem Dritten Reich“. Leider steckt in diesen zehn Punkten aber viel Taktik, die funktioniert.

Dazu gehört auch, Armeen von Fake-Accounts zu erstellen, erklärt Philip: „Sie machen sich mehrere Profile, liken und kommentieren immer wieder unter verschiedenen Identitäten und verbreiten die Posts und Kommentare über ihr Umfeld“. Oft werden solche Posts dann von AfD-Profilen oder von russischen Medien wie Russia Today und Sputnik geteilt, manchmal sogar von deutschen Massen- und Qualitätsmedien. Ob sie auch Bots nutzen, ist unklar, denn die Zahlen zeigen nur die Likes und nicht, ob diese von echten Menschen kommen. Philip hält es aber für wahrscheinlich, weil die Like-Zahlen oft mit großer Geschwindigkeit in die Höhe schießen.

Im täglichen Geschäft suchen die Trolle aktiv nach medialen Inhalten, die sie für ihre Hetze instrumentalisieren können. „Sie nutzen meist die Kommentarspalten der Medienhäuser mit der größten Reichweite “, sagt Philip. Auch in ihrem Handbuch ist das ablesbar. Punkt 1: „Wenn deine Trollerei was bedeuten soll, such dir die richtigen Gegner“.

Die Hetzer hebeln ganz einfach die Demokratie in den Kommentarspalten aus

Haben sie einen Post oder eine Diskussion gefunden, die sie kapern wollen, zum Beispiel über die Flüchtlingspolitik, dann befolgen sie die Kniffe und Tricks aus dem Handbuch. Beleidigen: „Schwacher Punkt ist oftmals die Familie. Habe immer ein Repertoire an Beleidigungen, die Du auf den jeweiligen Gegner anpassen kannst“. Provozieren: „Provoziere Deinen Gegner bis zur Weißglut“. Nicht nachgeben: „Habe immer das letzte Wort“. Damit verfolgen sie laut Philip alle das gleiche Ziel: „Sie wollen alle normalen User verscheuchen, um eine eigene Propagandafläche zu schaffen“. So hebeln sie ganz einfach die Demokratie in den Kommentarspalten aus.

Wenn sie sich dann als Mehrheitsmeinung präsentieren können, greift die „Rudeltaktik“, die sie als Punkt 7 im Handbuch listen. Philip erklärt ihn am Beispiel -Thems Flüchtlinge so: „Durch die Masse bestimmter Kommentare nimmt man an, dass tatsächlich keiner Flüchtlinge aufnehmen will, und denkt sich: Wenn keiner das will, muss ich jetzt auch nicht den Kraftakt auf mich nehmen und mich damit beschäftigen, sondern sage einfach: Nee, ich bin da auch dagegen.“ So ziehe sich die Spirale immer weiter, bis auch Medienhäuser und Politiker annehmen, dass diese Meinung in der Gesellschaft vorherrsche.

In der Vergangenheit habe er häufig beobachtet, dass Medien auf die Hass-Kampagnen reinfallen und ihre Agenda danach auslegen, erzählt Philip. Beispiel dafür sei das #KIKAgate. Damals hatte der Kinderkanal eine Dokumentation über einen syrischen Flüchtling und seine deutsche Freundin ausgestrahlt. Erst ein paar Monate später hätten die Trolle angefangen, dagegen zu hetzen, und erst dann sei es auch in der Bild-Zeitung gelandet. „Die Medien richten ihre Berichterstattung ja darauf aus, was gewollt und gelesen wird. Wenn eine vermeintlich große Gruppe suggeriert, dass ein Thema relevant ist, greifen sie das unter Umständen auf und berichten darüber“.

Politisch nehmen die Trolle aber auch direkten Einfluss: Zur Bundestagswahl 2017 haben sie sieben rechte Hashtags in die Top 30 der Twitter-Trends gehievt, etwa #nichtmeinekanzlerin oder #Merkelmussweg. Inspiration dafür war die amerikanische „Alt-Right“-Bewegung, die auf ähnliche Weise die Trump-Wahl beeinflusst haben soll.

Sie wollen nicht nur Kommentarspalten kapern, sie haben auch ein längerfristiges Ziel: den politischen Umsturz

Die Trolle verändern so den öffentlichen Diskurs. Wieder Beispiel aktuelle Flüchtlingspolitik: „Jetzt wird über riesige Grenzkontrollen diskutiert – und vor kurzem habe ich irgendwo gelesen, dass gerade noch vier Leute am Tag ankommen“, sagt Philip. Die Trolle verschieben bewusst die Wahrnehmung, weg von den wenigen Ankommenden, hin zum „Flüchtlingsstrom“. Damit wollen sie nicht nur Kommentarspalten kapern, sie haben auch ein längerfristiges Ziel: den politischen Umsturz. „Die haben andere Konzepte für den Staat und wollen letztlich auch nicht die EU“, sagt Philip.

Dementsprechend nationalistisches Vokabular nutzen sie auch. Philip sieht deshalb eine direkte Verknüpfung der Trolle mit der Verrohung der Sprache. „Die Wörter, die Seehofer nutzt, hat die NPD vor zehn Jahren auf dem Tisch gehabt“. Stichwort „Asyltourismus“. Für Philip ist das eine vorhersehbare Folge der Online-Hetze: „Wenn es diese Sprache in den Online-Mainstream schafft, dann kommt sie auch im Offline-Bereich an“.

Eine technische Lösung, mit der man die Trolle enttarnen und stoppen könnte, sieht Philip nicht. Für ihn sind die Medien in der Pflicht: „Seitenbetreiber müssen moderieren, also nichts löschen, sondern die Diskussion begleiten, sonst artet alles immer weiter aus“. Alex Urban von #ichbinhier ruft auch die Zivilgesellschaft auf, dagegen zu halten: „Man muss den Medien und der Politik und vor allem den Menschen, die von der Hetze direkt betroffen sind, zeigen, dass nicht alle diese Meinung haben“.

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