Warum bewertet man U-Bahn-Stationen auf Google?

Maria erklärt es. Sie hat so viele Bewertungen geschrieben, wie kaum jemand sonst in Deutschland.
Von Raphael Weiss

„Es fahren Züge. Mehr sollte man nicht erwarten. Ist ziemlich heruntergekommen.“ - 3 Sterne. Maria bewertet auch Bahnhöfe.

Illustration: Julia Schubert

Marias Meinung kennt man auf der ganzen Welt. Statistisch gesehen haben 1,25 Prozent der gesamten Menschheit Maria in einem Moment der Unsicherheit zu Rate gezogen. Doch die Fragen, die Maria beantwortet sind nicht existenziell. Sie ist keine Politikerin, keine religiösen Führerin. Nein, Maria schreibt Google-Bewertungen – viele. 1 200 hat sie in den vergangenen zwei Jahren abgegeben, fast 14 000 Fotos hochgeladen, 17 000 Fragen beantwortet,  110 000 000 Mal wurden ihre Bewertungen laut Google gelesen. Maria ist Local Guide. So nennt Google Personen, die für die Suchmaschine regelmäßig Orte bewerten und sich an ihrem Punkteprogramm beteiligen.

Maria steht an der Münchner U-Bahn-Haltestelle Fraunhoferstraße. Einer Haltestelle, der sie vor über einem Jahr vier von fünf möglichen Sterne gegeben hat („Große, geräumige und saubere Ubahn Station mit Sitzgelegenheiten und digitaler Anzeige.“). Als sie über die grauen Treppen hinaus in das verregnete München tritt, holt sie ihr Handy heraus, um sich ein Restaurant in der Nähe auszusuchen. Eine italienische Kette um die Ecke: 4,2 Sterne, die Fotos sehen gut aus, das reicht. „Ich gehe immer nur in Restaurants, die ich mir schon vorher angeguckt habe“, sagt sie. „Es nimmt so ein bisschen die Spontanität und die Überraschung raus – aber man erlebt halt auch keine bösen Überraschungen mehr.“

„Irgendwann wollte ich auch dazu beitragen. Und dann ging’s halt ab“

Dieser kurze Blick auf Google vor dem Restaurantbesuch ist nicht nur für Maria zur Gewohnheit geworden, sondern für einen großen Teil von uns. Selbst bei spontanen Snacks in der Innenstadt, haben Google-Bewertungen unser Bauchgefühl den Rang abgelaufen. Ein Restaurant wird erst betreten, wenn die Bewertung grünes Licht gibt. Je größer der Hunger, desto niedriger darf sie sein, aber unter dreieinhalb Sternen? Da muss es schon zwei Uhr nachts, und der Imbiss das Einzige sein, was im Umkreis von zwei Kilometern geöffnet hat.

Maria wurde während eines Auslandssemesters in den USA zum Local Guide: „Ich habe in New York damit angefangen“, sagt Maria. „Ich wollte die Stadt kennenlernen. Durch die Erkundungsfunktion von Google Maps konnte ich sehen, welche Cafés, Restaurants und Sehenswürdigkeiten beliebt sind. Irgendwann wollte ich auch dazu beitragen. Und dann ging’s halt ab“ , sagt Maria. Sie ist eigentlich Psychologin. Sie lacht viel und offen. Der freundliche Eindruck, den ihre sehr positiven Google-Bewertungen erwecken, bestätigt sich schnell.

„Lovely cafe, nice interior and a great selection of sweets and treats 😊“ - Im Woops! schrieb Maria eine ihrer ersten Bewertungen - 5 Sterne.

Foto: privat

Als Maria das Münchner Restaurant betritt, schaut sie sich erstmal um. Die Einrichtung ist eher leger, es gibt genügend Platz, der Kellner begrüßt die neuen Gäste, auch wenn diese Begrüßung eher unfreundlich ausfällt: kein Augenkontakt, ein genervter Blick auf das halb leere Restaurant bei der Frage nach einem freien Tisch. Ein erster, kleiner Minuspunkt. „Ich will bei meinen Bewertungen möglichst objektiv sein. Schließlich ist das auch für die Ladenbesitzer extrem wichtig. Auch wenn der Service schlecht ist, kann das Essen ja sehr gut sein“, sagt Maria, deren Bewertungen überwiegend positiv sind.

Eine schlechte Bewertung ist bei ihr die absolute Ausnahme, wie bei dem Münchner Club Neuraum. Doch selbst hier schreibt Maria differenziert, findet auch positive Seiten. „Auf dem Main Floor hab ich es keine 10 Minuten ausgehalten weil es sehr heiß und bei der Menge an Leuten die Luft auch wirklich schlecht war. Das Publikum ist sehr jung. Die Garderobe kostet 2€. Wem Großraumdiskos jedoch gefallen, der wird hier sicher Spaß haben.“ 2 Sterne. „Die meisten schauen zwar eh nur auf die Sterne Bewertung, aber manche lesen auch die Rezensionen und denen will ich einfach ein umfangreiches Bild vermitteln“, erklärt Maria.

„Bei den anderen Bewertern habe ich teilweise schon gedacht: ‚Woah, was geht mit euch ab?‘“

Für jede Bewertung, die Maria schreibt, bekommt sie Punkte. Je ausführlicher eine Bewertung ist, desto mehr Punkte kriegt sie. Je mehr Punkte sie sammelt, desto schneller steigt sie in ihrem Rang auf. Es gibt insgesamt zehn Level. Maria ist auf Level neun und gehört damit zu einem elitären Kreis. Im vergangenen Jahr war sie eine von sechs Deutschen, die so viel bewertet haben, dass sie von Google für einige Tage nach Kalifornien eingeladen wurde.

„Wir mussten eine Verschwiegenheitsklausel unterzeichnen, bevor sie uns erzählt haben, was sie in Zukunft mit Google Maps so vorhaben. Bei vielem dachte ich mir schon: Das ist echt krass“, erzählt Maria. Die Reise nach Kalifornien habe ihr zwar Spaß gemacht und sie sei dem Konzern dankbar – doch die Neuerungen und teilweise auch die anderen Local Guides seien für sie abschreckend gewesen. „Bei den anderen Bewertern habe ich teilweise schon gedacht: ‚Woah, was geht mit euch ab?‘ Für die ist das deren Leben, die machen alles dafür, die organisieren Treffen, laufen die ganze Zeit mit dem Handy in der Hand durch die Gegend. Die waren wirklich  mega hyped. Ich kam mir teilweise wirklich vor wie in The Circle.“

Das Buch „The Circle“ handelt von einem riesigen Konzern, in etwa einem Hybrid von Google Facebook und Apple, der alles über die Bevölkerung weiß und alle zwischenmenschlichen Interaktionen kontrolliert. Ein Szenario, das mittlerweile kaum noch wie eine ferne Dystopie wirkt. Denn es sind Vorwürfe, die sich Google, genauso wie andere große Internetkonzerne, immer häufiger anhören muss.

Maria reist gerne. In den vergangenen Jahren war sie in den USA, in Kanada, auf Bali, in Australien, der Schweiz, in Brüssel und in Dänemark. Sie interessiert sich für Umweltschutz und möchte, dass Supermärkte weniger Plastik verkaufen. Sie ist ein freundlicher Mensch, versucht das Positive zu sehen, ist von München nach Frankfurt gezogen und spendet Blut. Das alles kann man über Maria herausfinden, ohne sie getroffen zu haben. Einzig und alleine über Google-Bewertungen.

„Vielleicht macht sich jemand mal die Mühe zu schauen, was den Münchner U-Bahnhöfen so fehlt“

Wenn man auf ihr Profil klickt, öffnet sich eine Weltkarte, auf der rote Markierungen zeigen, wann sich Maria in den vergangenen Wochen wo aufgehalten hat. Malta und Bali, Bad Kreuznach und Annaberg im Lammertal. „Es ist schon creepy, aber ich bin mir dessen bewusst. Wenn irgendjemand etwas über mich herausfinden will, dann kann er das“, sagt Maria und fügt an: „Auf Instagram posten so viele Leute Fotos, auf denen sie halbnackt sind. Ich schreibe halt eine Bewertung. Was ist jetzt schlimmer? Dass du weißt wo ich war und wie ich das fand? Oder dass die halbe Welt dich im Bikini sieht?“

Doch es gibt Orte, die sich nicht dem Diktat der Sterne unterwerfen müssen, die nicht darauf angewiesen sind, dass Kunden zufrieden sind, die alternativlos sind. Poststellen, U-Bahnhöfe, Bushaltestellen, Bahn-Stationen. Aber auch sie haben häufig tausende Bewertungen, unter anderem von Maria: „Nun, als Bahnhof erfüllt dieser Ort die absolute Mindestanforderung. Es fahren Züge. Mehr sollte man nicht erwarten. Ist ziemlich heruntergekommen.“ Drei Sterne. „Perfekt um einfach in alle Richtungen zu kommen!“ Vier Sterne. „Habe Briefmarken gekauft und ein Päckchen verschickt, hat reibungslos geklappt!“ Fünf Sterne.

Aber  warum bewertet Maria solche Orte, für deren Bewertungen sich eigentlich niemand interessiert? „Ich habe mich selbst schon oft gefragt, warum ich mir die Mühe mache“, sagt Maria und hat auch eine Antwort. „Es macht Spaß. Andere Leute stricken, ich schreibe Bewertungen. Und vielleicht macht sich ja irgendjemand in irgendeiner Behörde mal die Mühe zu schauen, was den Münchner U-Bahnhöfen so fehlt – und dann habe ich einen kleinen Beitrag geleistet, um die Stadt ein bisschen besser zu machen.“

Im italienischen Restaurant hat Maria gerade ihre Nudeln aufgegessen und schaut sich neugierig um. Sie entdeckt einen Kinderstuhl, das sei auf jeden Fall ein Pluspunkt, sagt sie. Seit kurzem habe sie einen Hund, das würde in künftige Bewertungen besonders mit einfließen. Ungefähr 30 Sekunden dauert dieser Blick durch das Restaurant. Maria denkt nochmal kurz nach, bevor sie in ihr Handy tippt: „Schöne, gemütliche Einrichtung. Entspannte Atmosphäre. Service ganz gut. Große Essensauswahl an italienischen Gerichten. Für  Vegetarier gibt es geeignete Alternativen. Preise angemessen. Kann man machen.“ Vier Sterne.

  • teilen
  • schließen