„Die größte Propaganda-Maschine der Geschichte“

So bezeichnet Sacha Baron Cohen große Internet-Firmen. Er vermutet, sogar Hitler hätte auf Facebook werben dürfen.

Sacha Baron Cohen sieht man nur selten ohne Kostüm, das ihn in eine Kunstfigur verwandelt.

Foto: AFP/Valerie Macon

Den Komiker Sacha Baron Cohen kennt man für viele fiktive Charaktere: darunter der schwule Österreicher Brüno, Fernsehmoderator Borat und Möchtegern-Gangster Ali G. Doch einen kannte die Öffentlichkeit bisher noch nicht, wie er selbst sagt: „Meinen unbeliebtesten Charakter – Sacha Baron Cohen.“ Der Brite trat am Donnerstagabend zum ersten Mal als er selbst auf – ganz ernsthaft, bei einer Veranstaltung der amerikanischen Anti-Defamation League (ADL), die sich gegen Antisemitismus und Diskriminierung einsetzt. Dort hielt er eine Wutrede auf Tech-Konzerne wie Twitter, Facebook, Google oder Youtube.

ADL International Leadership Award Presented to Sacha Baron Cohen at Never Is Now 2019

Diese erreichen schließlich Milliarden von Leuten und seien somit „die größte Propaganda-Maschine der Geschichte“. Denn im Internet erscheine alles gleichermaßen legitim: „Breitbart wird mit der BBC gleichgestellt, (...) und die Hassrede eines Verrückten scheint genauso glaubwürdig wie die Erkenntnisse eines Nobelpreisträgers“, sagt er.

Trotz ihrer großen Verantwortung würden die großen Internetgiganten zudem solche Inhalte bevorzugt ausspielen, die Verschwörungstheorien begünstigen und Wut und Angst auslösen: „Es ist keine Überraschung, dass sich online wieder eine der ältesten Verschwörungstheorien überhaupt verbreitet hat: Die Lüge, dass Juden irgendwie gefährlich seien“, sagt Cohen, der selbst jüdisch ist.

Das mache Cohen besonders betroffen, weil er durch seine Serie „Who is America?“ gemerkt habe, wie schnell der Glaube an solche Verschwörungstheorien zu Gewalt führen kann. Auch, wie stark Homophobie und Islamophobie in der Gesellschaft verankert sind, habe er immer wieder bei Dreharbeiten feststellen müssen. Die großen Internetfirmen sorgten sich laut Cohen währenddessen aber weniger um den Erhalt der Demokratie als um ihren wirtschaftlichen Erfolg.

„Wenn du sie bezahlst, wird Facebook jede politische Werbung schalten, die du willst – auch, wenn sie eine Lüge ist“

Demnach könne man den Unternehmen nicht vertrauen, die Internetgiganten müssten vom Staat reguliert werden. Besonders, wenn es um das Unternehmen Facebook geht, sieht Cohen Handlungsbedarf. „Glücklicherweise hat Twitter politische Werbung mittlerweile verboten, auch Google verändert das. Doch wenn du sie bezahlst, wird Facebook jede politische Werbung schalten, die du willst – auch, wenn sie eine Lüge ist.“ Tatsächlich überprüft Facebook den Wahrheitsgehalt der Anzeigen nicht. Zudem spielt es die Werbung gezielt für solche Nutzer*innen aus, die sie überzeugen könnte.

Facebook-CEO Mark Zuckerberg will eine Regulierung durch den Staat vermeiden und rechtfertigt die Methoden seines Unternehmens immer wieder mit Verweis auf Meinungsfreiheit, auch in einer Rede vom Oktober. Cohen hält diese Argumentation allerdings für lächerlich. „Nach dieser verqueren Logik hätte Hitler 30-sekündige Werbevideos zu seiner ‚Lösung‘ für das ‚Juden-Problem‘ posten können, hätte es Facebook in den Dreißigerjahren gegeben.“

Von den Unternehmen werde nicht erwartet, Grenzen der Meinungsfreiheit für die Gesellschaft aufzustellen. Sie sollten sich lediglich darum kümmern, was auf ihren Plattformen passiere. Auch das erklärt Cohen mit einer Nazi-Referenz: „Wenn ein Neo-Nazi in ein Restaurant einmarschiert und beginnt, Kunden zu bedrohen und zu sagen, er wolle alle Juden töten – müsste der Restaurantbesitzer ihm ein elegantes Acht-Gänge-Menü servieren? Natürlich nicht!“ Stattdessen habe er die moralische Verpflichtung, den Nazi rauszuwerfen – genau wie Zuckerberg es bei seinen Kund*innen habe.

Facebook hat sich inzwischen zu Cohens Rede geäußert. Demnach habe Cohen die Richtlinien der Plattform falsch verstanden: „Niemand – das gilt auch für Politiker – darf auf Facebook Hass, Gewalt oder Massenmord bewerben oder dafür eintreten.“

Bis in die Kommentarspalten auf der eigenen Plattform schafft es diese Rechtfertigung allerdings nicht. Denn dort überwiegt der Zuspruch für Cohens Sichtweise. Unter einem Video der Rede, das der Guardian geteilt hat, schreibt ein Nutzer ähnlich wie die meisten anderen: „Ich habe nie viel von dem Typ gehalten, bis ich das hier gesehen habe. Ich schätze ihn jetzt, er hat das gut gesagt.“ Auch auf Twitter scheint es, als sei Sacha Baron Cohen doch nicht sein „unbeliebster Charakter“ – ganz im Gegenteil.

lath

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