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Sprechen wir über den Tod

Caro und Susann tun das in ihrem Podcast. Sie möchten zu einem offeneren Umgang mit diesem schweren Thema beitragen.
Von Valerie Höhne
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Foto: John Facenfield

Über den Tod spricht man nicht. Zumindest nicht gern. Wenn doch, ist das Gespräch oft von einem Pathos begleitet, das ein schales Gefühl hinterlässt. Susann Brückner und Caroline Kraft wollen das ändern. Deshalb produzieren sie seit vergangenem November einen Podcast, der Name: „endlich. wir reden über den tod“.

Einmal im Monat sprechen die Berlinerinnen über das Sterben, das Trauern und die Frage, warum man sich in Deutschland so ungern mit dem Tod beschäftigt. Die etwa einstündigen Folgen posten Caro und Susann auf ihrer Homepage, bislang wurde ihr Podcast über 1700 Mal heruntergeladen. Für jede Folge wählen die Beiden ein bestimmtes Thema, einen bestimmten Aspekt des Todes aus, über den sie dann jeweils auch mit einem Gast sprechen.

Heute erscheint die dritte Folge von „endlich. wir reden über den tod“. Und obwohl der Podcast noch sehr frisch ist, haben Caro und Susann jetzt schon gezeigt: Der Tod wirkt etwas weniger beängstigend, wenn man über ihn spricht, statt ihn zu verdrängen.

Caro und Susann haben Erfahrungen mit dem Tod gemacht, die sich nicht einfach verdrängen ließen

Caro und Susann haben das selbst erlebt. Nicht zuletzt, weil sie Erfahrungen mit dem Tod gemacht haben, die sich nicht verdrängen ließen. „Mein Ex-Freund hat sich vor drei Jahren das Leben genommen“, erzählt Caro im Telefoninterview. Sie und Susann waren damals Kolleginnen bei einem Verlag. Nach dem Tod ihres Ex-Freundes hörte Caro, 37, auf zu arbeiten. Susann schrieb ihr, dass auch sie Erfahrungen mit dem Thema habe. Wenn Caro wolle, könne sie sich melden.

Susanns Vater hat sich das Leben genommen, als sie 19 Jahre alt war. Jetzt ist sie 38. Vor eineinhalb Jahren ist ihr Bruder gestorben – ebenfalls durch Suizid.

Caro hat sich gemeldet. Die Beiden haben sich getroffen und angefangen, über ihre Verluste zu sprechen. Abends auf der Couch, oder beim Bier in der Kneipe. „Für mich war es wichtig, mit Susann darüber zu reden, weil ich das Gefühl hatte, nur mit wenigen Leuten so offen und so normal darüber reden zu können“, sagt Caro.

Im Titellied des Podcasts trällert eine Stimme in Dur: „Wir werden alle, alle sterben“

Irgendwann drehten sich ihre Gespräche nicht mehr nur um ihre persönlichen Geschichten, sondern auch um den Umgang mit dem Tod in der Gesellschaft. Außerdem haben sie gemerkt, dass der Tod ein bisschen mehr Teil des Lebens wird, wenn man offen darüber spricht. „Und zwar nicht auf eine total schwere, traurige, pietätvolle Art und Weise,“ sagt Susann.

Das hört man ihrem Podcast an. Schon das Titellied ist auffällig heiter, der Sänger trällert zu einer Melodie in Dur: „Wir werden alle, alle sterben“, und es klingt, als habe er bei der Vertonung gegrinst. Dann sagt eine Frauenstimme: „Endlich. Wir reden über den Tod.“ Sie wirkt befreit, als habe sie schon lange darauf gewartet. Ein bisschen ist das wohl auch so.

 

In der ersten Hälfte des Podcasts gibt es eine wiederkehrende Rubrik, die Fahrradgedanken. Ein Monolog, in dem sich Caro und Susann im Wechsel Gedanken über den Tod machen.

 

In der zweiten Hälfte sprechen sie dann mit ihrem jeweiligen Gast. Lea Streisand zum Beispiel, eine Autorin aus Berlin, die eine Krebserkrankung überlebt und ein Buch darüber geschrieben hat. Sie sei begeistert gewesen, als Susann ihr von der Idee des Podcasts erzählt hat, weshalb sie Lea für ihre erste Folge eingeladen haben.

 

Der Tod bleibt ein ernstes Thema – aber sie können auch lachen

 

Die Gäste, die bisher auf der endlich-Couch saßen, sprechen ähnlich gelassen über den Tod wie Caro und Susann. Als Zuhörer könnte man glauben, man sitze am Wohnzimmertisch und höre guten Freundinnen zu. Der Tod bleibt ein ernstes Thema, aber sie können auch lachen. Darüber zum Beispiel, dass sie nicht ewig leben wollen, aber auch über schöne Erinnerungen an Verstorbene.

 

Manchmal wirkt es, als würden der Schmerz und die Trauer zu einem Knäuel, das sich Caro und Susann immer wieder zuwerfen. Caro sagt, sie habe das Gefühl, es zahle auf das Konto Leben ein, wenn man sich mit dem Tod beschäftigt: „Das Hier und Jetzt ist das einzige, was wir haben, das einzige, was zählt.“ Ist einem das erst mal klar, schiebe man nicht mehr alles auf. Keine Reisen, keine wichtigen Gespräche – man mache es einfach.

 

Caro hat sich nach dem Tod ihres Ex-Freundes auch beruflich mit dem Thema beschäftigt. Sie hat ihren Verlagsjob aufgegeben und ein Praktikum bei einem Bestatter gemacht, danach eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin, die sie Ende 2017 abgeschlossen hat. Bald wird sie anfangen, Sterbende während der letzten Wochen ihres Lebens zu begleiten.

 

Für Caro und Susann gibt es keine richtige oder falsche Art zu trauern 

 

Susann arbeitet weiter in ihrem alten Beruf. Oft merkte und merkt man ihr die Trauer nicht an, sagt sie. In der zweiten Folge von „endlich. wir reden über den tod“, sagte sie: „Die fünf Trauerphasen können mich mal“. Einmal habe jemand sie gefragt, ob sie denn überhaupt um ihren Bruder trauere. „Das hat mich total fertiggemacht.“

 

Eine richtige oder falsche Art zu trauern gibt es für Susann und Caro nicht. Sie sind verschiedene Menschen, reagieren unterschiedlich auf Situationen. Dass der Podcast diese Verschiedenheit zulässt, ist bemerkenswert und macht ihn aus. Dabei glauben sie auch nicht, den einzig richtigen Umgang mit dem Tod gefunden zu haben – sie sprechen einfach darüber.

 

In der dritten Folge erzählt Susann von Kummerknotenanfällen. Sie sei jemand, der weiterfunktioniere. Ab und zu komme aber ein Kummerknoten-Moment. Und wenn der Knoten platzt, ist die Trauer da. Es ist ein schönes Wort für einen Schmerz, der sich nur aushalten, aber nicht lindern lässt.

 

„Eine Gesellschaft, die den Tod verdrängt, ist voll von unglücklichen Menschen“

 

Am Anfang, sagt Susann, hat es sie Überwindung gekostet, einen so persönlichen Podcast zu machen. „Aber es ist auch befreiend. Es kostet schließlich sehr viel Kraft, so ein Thema ständig zurückzuhalten“, sagt sie. Viele Jahre sei sie nicht sehr offen damit umgegangen. Und jetzt? „Es hat sich viel in Bewegung gesetzt, es rattert in mir. Es gibt mir gewissermaßen auch mein Leben zurück.“

 

„Mich macht sehr glücklich, dass aus dem ganzen Schmerz etwas entstanden ist, das auch gut ist. Das neben dem Schmerz stehen kann“, sagt Caro. Susann wiederum hat nach den ersten Folgen den Eindruck, dass immer mehr Menschen in ihrem Alter begreifen, dass unser Umgang mit dem Tod einfach keiner ist. „Und dass wir das ändern müssen“, sagt sie, „eine Gesellschaft, die den Tod verdrängt, ist voll von unglücklichen Menschen.“

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