Leben ohne Ben

Viktoria ist 25, da ist die Liebe ihres Lebens schon drei Jahre tot. Wie hält man das aus?
Von Liza Niesmak
Illustration: Johannes Englmann

Auf Viktorias* linkem Handgelenk, genau da wo man den Puls fühlen kann, steht der Buchstabe B. Ein B für Ben. Für den Mann, den sie die Liebe ihres Lebens nennt. Und der vor ihren Augen starb. Fast genau drei Jahre ist es jetzt her, dass sie und Ben nebeneinanderliegen, als sein Herzschlag plötzlich aus dem Takt gerät. Herzrhythmusstörungen. Sein ganzer Körper verkrampft, er wird auf der Stelle bewusstlos, liegt tagelang im Koma. Dann stirbt er.

Wenige Wochen bevor es passiert, postet Viktoria ein Bild von sich und Ben auf Instagram. Er hat seinen Arm um ihre Taille gelegt, ihre Hand ruht auf seinem Rücken, beide strahlen. Darunter der Hashtag: #liebefürimmerundewig. „Ich war fest darauf eingestellt, den Rest meines Lebens mit Ben zu verbringen“, sagt Viktoria heute, dabei ist sie erst 25.

Bei einer Trennung verlassen zurück zu bleiben, ist in nahezu allen Fällen brutal schmerzhaft. Doch was, wenn es tatsächlich für immer ist?

Während sie von ihm erzählt – stundenlang, mit fester Stimme und ohne die Fassung zu verlieren – raucht Viktoria ein paar Zigaretten und streicht sich immer wieder hellblonde Strähnen aus dem Gesicht. Der Esstisch, an dem sie sitzt, steht in Hamburg, in der Wohnung ihres neuen Freundes. Er ist an diesem Abend nicht in der Stadt, ein großes Foto in der Küche zeigt die beiden beim Feiern. 

Trotz des neuen Freunds ist Ben immer präsent. Bei jeder Begegnung mit Viktoria sucht man ihr Gesicht nach Spuren ab, die sein Tod hinterlassen haben könnte. Ist es aufgequollen von exzessivem Alkoholkonsum oder Antidepressiva? Ist ihre Haut schlecht? Der Blick leer? Das Lächeln gequält? Irgendwas muss da doch sein, denkt man sich – und findet nichts. Die Wunden sind entweder verheilt oder sie liegen tiefer.  

Bei einer Trennung verlassen zurück zu bleiben, ist in nahezu allen Fällen brutal schmerzhaft. Doch was, wenn es tatsächlich für immer ist? Macht die Endgültigkeit den Verlust noch unerträglicher oder am Ende sogar leichter? Und wenn ersteres, wie hält man die Einsamkeit aus? Wie schließt man die Lücke? Wie schafft man Platz für etwas Neues?  

Einem Gespräch über Ben stimmt Viktoria sofort zu. Sie sagt, dass sie es mag, über ihn zu sprechen. Er soll auf keinen Fall in Vergessenheit geraten. Alles was Viktoria über Ben sagt, klingt durchdacht und klar formuliert. Es scheinen Sätze zu sein, die sie seit Jahren begleiten. Ausgesprochen mit großer Nüchternheit, fast distanziert, als wäre das alles gar nicht ihr passiert. Selbst dann, wenn sie davon erzählt, wie sie und Ben sich verlieben.

Die beiden kennen sich bereits über zwei Jahre, bevor Gefühle ins Spiel kommen. Seit 2011 studieren sie an der Uni Heidelberg, sind im selben Semester, haben einen fast identischen Freundeskreis. Doch erst als Ben im Januar 2013 aus seinem Auslandssemester in Miami zurückkehrt, merkt Viktoria bei einem Mittagessen, dass mehr daraus werden könnte. „Er war plötzlich eine ganz neue Erscheinung, sah krass erwachsen aus”, erinnert sie sich. Ben und sie treffen sich von da an häufiger. In einem Club küssen sie sich zum ersten Mal, noch im selben Monat werden sie ein Paar.

Normalerweise findet Viktoria jeden Typen nach einer Weile lächerlich, ist gefühlt alle zehn Tage neu verknallt. Bei Ben ist es anders. „Ich habe nie zuvor jemanden kennen gelernt, der so denkt wie ich und mich so genau verstehen konnte, wie er“. Sie ist fasziniert von seiner Intelligenz und seinem enormen Selbstbewusstsein. Ben ist der erste ihrer Freunde, der sich vom anfangs prüfenden Blick ihres Vaters nicht einschüchtern lässt. Viktoria ist Bens erste Freundin.

Ein halbes Jahr verbringen sie noch gemeinsam an der Uni. Besuchen dieselben Vorlesungen, kochen füreinander und gucken zum Runterkommen Big Bang Theory. An ihrem Geburtstag schenkt Ben Viktoria alle sieben Harry Potter Bände. „Die wollten wir irgendwann mal im Urlaub am Stück lesen.“ Beim Abschlussball im Sommer lernen sich ihre Eltern kennen. Kurz darauf, im Oktober, zieht Viktoria nach Singapur, Ben nach Berlin. Ende des Jahres, wenn sie zurückkehrt, will Viktoria ihm folgen. Ben bringt sie zum Flughafen. Nicht mal mehr acht Wochen bleiben ihnen da noch.

Dass sie ihn wahrscheinlich überleben wird, ahnt Viktoria bereits zu Beginn ihrer Beziehung. Bens Herzfehler ist im Freundeskreis kein Geheimnis. Die langen Narben auf seiner Brust, von einer Operation im Säuglingsalter stammend, sind nicht zu übersehen. Ben darf keinen Sport machen, wirkt aber ständig so, als befände er sich in einer Art Kampfmodus. Seine Pupillen sind geweitet, sein Herz schlägt überdurchschnittlich schnell, um genügend Sauerstoff ins Blut pumpen zu können. Wenn Viktoria ihren Kopf auf Bens Brust legt, kann sie nicht einschlafen, so schnell und so laut ist sein Herzschlag. Bis zu dem Moment, an dem er plötzlich aussetzt.  

Als die Ärzte Ben in der Notaufnahme von ihr wegschieben, weint Viktoria zum ersten Mal

 

An den Tag, an dem es passiert, kann Viktoria sich genau erinnern. Sie ist grade noch im Praktikum in Singapur. Ben kommt sie besuchen. Fast wird nichts daraus, da er zur selben Zeit mit einem Freund in Berlin ein Start-Up gründet und Investoren treffen muss. Was die Zukunft anbelangt, ist Ben zuversichtlich. Daran, dass er sich zu viel zumuten könnte, denkt er gar nicht. Als Ben im Flieger sitzt, liegen vor ihm gut 13 Stunden in der Luft – und die schwüle Hitze Singapurs. Um Ben vom Flughafen abholen zu können, gaukelt Viktoria ihrem Chef eine Lebensmittelvergiftung vor. Wenige Stunden später muss sie erneut anrufen und erzählen, dass ihr Freund, keine drei Stunden nach seiner Ankunft, in ihrer Wohnung zusammengebrochen ist und die Ärzte um sein Leben kämpfen.

 

Erst im Krankenhaus gelingt es Viktoria Bens Kardiologen in Deutschland zu erreichen. Bis dahin weiß niemand, ob man ihn an eine Herz-Lungen-Maschine anschließen darf. Viel Zeit vergeht. Viktoria glaubt schon da nicht mehr, dass Ben noch einmal aufwachen wird. Sein Herzfehler ist laut des Kardiologen weltweit einzigartig. Die rechte und linke Herzkammer sind vertauscht, ebenso Aorta und Lungenschlagader. Man nennt das „korrigierte Transposition der großen Arterien“. Während die linke Herzkammer überdurchschnittlich groß ist, ist die rechte verkümmert klein. Hinzu kommen noch weitere Fehlbildungen des Herzens und Bens sehr große Lunge, die viel Sauerstoff benötigt. Seine linke Herzkammer wird ständig übermäßig beansprucht – bis sie irgendwann versagt.

 

Als die Ärzte Ben in der Notaufnahme von ihr wegschieben, weint Viktoria zum ersten Mal. Sie sieht sein blasses Gesicht und die Sauerstoffmaske über den blauen Lippen und fühlt sich hilflos. Das Einzige was sie tun kann, ist Bens Familie und Freunde von seinem Zustand zu informieren. In Deutschland ist es mitten in der Nacht, als Viktoria Bens Eltern erreicht. Wenige Stunden später sitzen sie im Flieger.

 

Stunde um Stunde verbringt Viktoria an Bens Bett, während er starr auf dem weißen Laken liegt. Sie redet mit ihm und spielt ihm Musik von seinem Iphone vor, dass sie mit ihrem Daumenabdruck entsperren kann. Als sie R. Kellys The Worlds Greatest anmacht, eines von Bens Lieblingsliedern, sieht Viktoria die Hirnströme auf dem Monitor augenblicklich abnehmen und drückt schnell auf Stopp. "Das war schon irgendwie grotesk”, erinnert sie sich.

 

Von diesem Moment an, hört Viktoria die Playlist nur noch außerhalb von Bens Zimmer. Rocket Man, Walking in Memphis, Mirrors von Justin Timberlake – Lieder, die sie später auch für Bens Beerdigung auswählen wird. Das Smartphone und die Songs sind wie eine Verbindung zwischen den beiden. Immer wieder drückt Viktoria mit ihren von Tränen feuchten Fingern auf Play. Irgendwann funktioniert die Fingererkennung nicht mehr.  

 

Am zweiten Tag holt Viktoria Bens Eltern vom Flughafen ab. Von da an wird sein Zustand immer schlechter. Bens Gliedmaßen drohen mangels Durchblutung abzusterben. Seine Eltern müssen eine Entscheidung treffen.

 

Nach Bens Geburt sagen die Ärzte seiner Mutter, dass die Lebenserwartung ihres Sohnes bei maximal zwei Jahren liegt. Sie will es nicht wahrhaben, macht eigenhändig Spezialisten in London ausfindig, die Ben operieren. Mit Erfolg: seine Lebenserwartung steigt. Wenn er sich verantwortungsvoll verhält, kann Ben Mitte 30 werden. Nun, mit 22 Jahren, liegt er wieder vor seiner Mutter auf der Intensivstation.

 

An Tag drei beschließen die Eltern, Ben gehen zu lassen. Während die Geräte abgeschaltet werden, darf kein Angehöriger im Raum sein. Als es vorbei ist, geht Viktoria noch ein letztes Mal zu ihm und verabschiedet sich. Für einen Moment ist alles friedlich. Viktoria beugt sich über Bens leblosen Körper, schaut in das vertraute Gesicht und sagt: „Ich werde dich ewig lieben und irgendwann werde ich wieder bei dir sein“. Nach Deutschland fliegen sie getrennt zurück. Viktoria im Passagierraum, Bens Leiche im Bauch einer anderen Maschine.  

 

„Für den Rest meines Lebens alleine zu bleiben, bringt Ben nicht zurück”, sagt Viktoria. Noch glaubt sie daran, dass sie das alles nicht ohne Grund erlebt hat

 

Drei Wochen nach Bens Beerdigung zieht Viktoria wie geplant nach Berlin. In eine Wohnung nur für sich. Ein paar Mal läuft sie nachts alleine durch die Straßen und bleibt vor der Tür des Hauses stehen, in dem Ben gewohnt hat. Sie trinkt viel, feiert viel, ist manchmal mehrere Tage am Stück unterwegs. Nicht ungewöhnlich für diese Stadt. Ihr Ausgehverhalten bezeichnet Viktoria als geradezu „witzlos für Berlin“. Trotzdem beginnen Freunde, sich Sorgen zu machen. Doch für Viktoria ist es mehr eine Verarbeitungsstrategie, als Flucht oder Verdrängung. Drogen spielen keine Rolle. Auch Suizidgedanken habe sie niemals gehabt. Da ist sie sehr deutlich: „Der krasse Einbruch kam einfach nie”. Eltern, Freunde und ein neuer Job geben ihr genug Halt. Sie hängt am Leben, will es genießen.

 

Ginge es nach ihrer Psychologin, die sie auf Wunsch ihrer Eltern seit der Beerdigung betreut, dürfte Viktoria heute noch keinen Master machen. „Viel zu anstrengend!“ Doch statt um sich selbst, macht Viktoria sich vielmehr Sorgen um andere. Als herauskommt, dass ihr Pferd ebenfalls einen Herzfehler hat, wird Viktoria panisch. Wieder so ein merkwürdiger Zufall. Plötzlich wiederholt sich alles. Immer häufiger schaut sie nun auch ihrem Vater ins Gesicht und fragt sich, ob sie wohl merken würde, wenn er kurz vor einem Schlaganfall stünde. Im Kopf spielt sie dann ihre Reaktion durch und fragt sich, ob sie in der Vergangenheit alles richtiggemacht, ihm alles gesagt hat.

 

Bei Ben, sagt Viktoria, hat sie das. Er war der erste feste Freund, mit dem sie übers Heiraten gesprochen hat. Sie hatten konkrete Zukunftspläne. Erst mal zusammenziehen. Irgendwann, das stand fest, wollten sie einen Hund haben. Viktoria ist überzeugt davon, dass sie und Ben auch heute noch ein Paar wären. „Ich würde mit niemand anderem zusammen sein wollen”, sagt sie. Eine Freundin wirft ihr vor, das Ganze im Nachhinein zu stark zu romantisieren. Auch Viktoria kommen Zweifel daran, ob es nur eine Anfangsverliebtheit oder tatsächlich die große Liebe war. Um sich zu vergewissern liest sie Tagebucheinträge aus der Zeit mit Ben. Darin steht, dass es die schönste Beziehung war, die sie je hatte.

 

Über ihren neuen Freund sagt Viktoria, dass sie sich lange gegen die Beziehung gewehrt hat. Inzwischen kann sie sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Er bringe sie zum Lachen und höre ihr zu, wenn sie vom toten Ben redet. „Für den Rest meines Lebens alleine zu bleiben, bringt Ben nicht zurück”, sagt Viktoria. Noch glaubt sie daran, dass sie das alles nicht ohne Grund erlebt hat und ihr so etwas wie mit Ben noch einmal vergönnt ist.

 

Doch was ist, wenn dieser Tag niemals eintritt? Oder wenn sie ihn schlichtweg nicht eintreten lassen kann? Denn Viktoria sagt auch: „Ich weiß nicht, ob ich überhaupt noch soviel fühlen kann, um jemals wieder so zu fühlen, wie für Ben.”

 

* Alle Namen und Orte in diesem Text wurden zum Schutz der Privatsphäre der Beteiligten geändert

 

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