Cecilies Leben nach Utøya

Fünf Jahre nach dem Anschlag haben Studenten eine Doku über die junge Frau und ihr Leben mit diesem Grauen gedreht.
Interview von Nadja Schlüter

Cecilie wurde beim Anschlag auf Utøya angeschossen und verlor ihren rechten Arm. Den Filmstudenten hat sie ihre Geschichte erzählt.

Foto: Hafiza Musammad

Gemeinsam mit drei Kommilitonen haben Hafiza Musammad, 21, und Jack Dingley, 24, eine Kurz-Doku über Cecilie Herlovsen gedreht, eine der Überlebenden des Anschlags von Anders Behring Breivik auf ein Jugendcamp auf der norwegischen Insel Utøya. Dabei kamen vor fünf Jahren, am 22. Juli 2011, 69 Menschen ums Leben. Der Film ist als Uni-Projekt entstanden, der Kontakt zu Cecilie kam über Helene zustande, selbst Norwegerin und Mitglied des Film-Teams.

jetzt: Für den Film habt ihr Cecilie lange interviewt. Hattet ihr Angst, mit ihr über dieses sehr sensible Thema zu sprechen?

Jack: Ja! Wir wussten, dass wir jede Kleinigkeit dieser Doku mit Samthandschuhen würden anfassen müssen. Und es gab einige sehr schwierige Momente, Erinnerungen, über die unsere Interviewpartner nicht gut sprechen konnten. Um diese Erinnerungen fünf Jahre später aus ihnen rauszuholen, musst du sehr, sehr vorsichtig sein. Damit sie nicht wieder komplett zurückfallen.

Hafiza: Wir haben unsere Verbindung zu den Protagonisten schon früh aufgebaut, vor allem mit Cecilie haben wir lange vor der Produktion jede Woche geskypt. Und als wir nach Norwegen geflogen sind, haben wir dir ersten beiden Tage nichts gedreht, sondern uns erst mal in Ruhe kennengelernt.

Wie lange wart ihr in Norwegen?

Hafiza: Zehn Tage.

Jack: Es war ein langer Dreh, aber wir mussten da so vorsichtig rangehen und hätten darum in kürzerer Zeit sicher nicht alle Infos gekriegt, die wir brauchten. Am Ende haben wir siebeneinhalb Stunden Material gedreht – dabei darf der Film ja nur zehn Minuten lang sein...

Wie haben eure Interviewpartner auf euch reagiert?

Jack: Cecilie war sehr offen und enthusiastisch. Sie ist eine unglaubliche junge Frau. Obwohl sie so etwas Schreckliches erlebt und ihren Arm verloren hat, wirkt sie, als habe sie das alles zu einer wahnsinnig starken Person gemacht. Ihre Mutter sagte über sie: „Cecilie ist als ich-bezogene 16-Jährige auf die Insel gefahren – und hat sie als eine reife, erwachsene Frau verlassen.“ Es gibt eine Szene in der Doku, in der sie über Andrine spricht, ihre beste Freundin, die sie bei dem Anschlag verloren hat, und das nimmt sie sehr mit. Davon abgesehen ging es ihr total gut – und das, obwohl wir sie drei oder vier Stunden lang interviewt haben. 

Ihr habt auch mit den Müttern der beiden gesprochen.

Hafiza: Ja, und sie waren eine große Hilfe. Ich spreche kein Norwegisch, darum musste unsere norwegische Kommilitonin Helene übersetzen – aber obwohl ich nichts verstanden habe, konnte ich spüren, was sie gesagt haben, weil ihre Emotionen so stark waren.

Jack: Das Interview mit Unni, Andrines Mutter, fand ich am beeindruckendsten. Sie arbeitet heute als Trauerberaterin für Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Das allein zeigt, dass sie ihre Erfahrung dafür nutzt, im Leben anderer etwas Positives zu bewirken. Aber gleichzeitig konnten wir, als wir mit ihr gesprochen haben, sehen, dass sie ein gebrochener Mensch ist. Es war unglaublich traurig und teilweise schwer zu filmen. Du weißt einfach, dass diese Menschen niemals die Gerechtigkeit erfahren werden, die sie verdienen.

In ihrem Buch „Einer von uns“ über Anders Behring Breivik schreibt die Journalistin Åsne Seierstad, dass seine Opfer nie seinen Namen nennen. Habt ihr das auch so erlebt?

Jack: Ja, Cecilie hat nie seinen Namen genannt, auch niemand sonst, mit dem wir in Norwegen gesprochen haben. Und ich finde, das ist der beste Weg, damit umzugehen: nicht auch nur einen Atemzug darauf zu verschwenden. Wenn man nicht über ihn spricht, hat er nicht erreicht, was er erreichen wollte. Ich habe aber trotzdem dafür plädiert, dass wir in der Doku ein Bild von ihm zeigen.

Hafiza: Helene hat gesagt, dass wir ihn in der Doku nicht erwähnen und nicht zeigen sollen. Aber der Rest von uns sah das anders, weil man den Zuschauern einer Doku ja die ganze Geschichte erzählen muss.

Jack: Am Ende haben wir uns dafür entschieden, ein Bild von ihm zu zeigen. Und zwar ganz kurz.

"Cecilie trauert immer noch – und hat das Ganze doch hinter sich gelassen"

Ihr seid zwar mit Cecilie zum See gefahren, aber ihr wart nicht auf Utøya. Warum?

Jack: Wir wollten mit Cecilie zu dem Ort, an dem sie angegriffen wurde – aber der See um die Insel war zugefroren, als wir dort waren, darum mussten wir am Ufer bleiben. So entstand für die Doku eine Distanz zwischen der Insel und Cecilie – und am Ende war das sogar besser als die eigentliche Idee. Denn obwohl Cecilie immer noch trauert und ihre beste Freundin vermisst, hat sie das Ganze doch hinter sich gelassen. Als ich sie gefragt habe: „Wie fühlt es sich an, wieder hier zu sein?“, sagte sie: „Ich fühle nichts. Ich hatte Angst, wieder herzukommen, aber jetzt weiß ich, dass es für mich wirklich vorbei ist.“ Darum wollte sie auch bei diesem Interview hier nicht dabei sein.

V.l.n.r.: Protagonistin Cecilie, Hafiza (Produktion), Helene (Kamera), Marcin (Schnitt), James (Ton); vorne: Jack (Regie)

Foto: Hafiza Musammad

Klappe, die erste!

Foto: Hafiza Musammad

Beim Dreh in Norwegen. Zehn Tage arbeitete das Film-Team dort.

Foto: Hafiza Musammad

Cecilie beim Interview. Insgesamt drei bis vier Stunden habe sie erzählt und Fragen beantwortet, sagt Jack, der Regisseur der Mini-Doku.

Foto: Hafiza Musammad

Cecilie beim Interview

Foto: Hafiza Musammad

Cecilie beim Interview

Foto: Hafiza Musammad

Auf der Insel erschoss Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011 69 Menschen, die an einem Jugendcamp teilnahmen. Cecilies beste Freundin Andrine war unter den Todesopfern.

Foto: Hafiza Musammad

Das Film-Team und Cecilie konnten nicht nach Utøya fahren – der See um die Insel war zugefroren.

Foto: Hafiza Musammad

Filmteam-Selfie in Norwegen

Foto: Hafiza Musammad

Beim Dreh mit Cecilies Mutter Unni. Cecilies Hund Miko, der mit im Bild ist, spielt in der Doku ebenfalls eine Rolle.

Foto: Hafiza Musammad

Das Film-Team und Cecilie wollen sich bald in London wiedertreffen. Als Freunde.

Foto: Hafiza Musammad

Die Doku heißt „The Safest Place in the World“. Wieso?

Jack: Der Original-Titel war „The Return“, aber als wir nicht auf die Insel konnten, fühlte sich das nicht mehr richtig an. Der Arbeitstitel war dann einfach „The Island“. Und ungefähr zwei Wochen bevor wir den Film komplett fertig hatten, sind wir an einer Szene hängengeblieben: Da erzählt Unni, dass Andrine sie angerufen hat, als sie auf der Insel ankam – und bevor sie auflegte, sagte sie zu ihr: „Mama, wir sind am sichersten Ort der Welt.“

 

Was habt ihr während der Arbeit an der Doku gelernt?

Jack: Zum einen, dass du wirklich alles überstehen kannst, wenn du stark genug bist. Und zum anderen, dass Norwegen ein wahnsinnig tolles Land ist. Eine vereinte Nation. Als 2005 die Anschläge in London waren, ist England in eine Schockstarre verfallen. Und der Terror, der gerade überall auf der Welt passiert, spaltet viele Länder, große Länder wie die USA zum Beispiel. Aber in Norwegen halten alle zusammen. Du solltest mal nach Norwegen fahren, es ist ein wunderschönes Land!

                                           

Habt ihr noch Kontakt zu Cecilie?

Hafiza: Ja, wir haben vor Kurzem erst gesprochen.

Jack: Und wenn sie das nächste Mal nach London kommt, gehen wir zusammen was trinken, ich will sie nämlich unbedingt betrunken sehen (lacht). Wir können dann endlich Zeit als Freunde miteinander verbringen, und nicht nur im Rahmen einer Doku über das, was ihr Schreckliches passiert ist. Darauf freuen wir uns alle.

 

"The Safest Place in the World" ist noch nicht veröffentlicht, weil Jack, Hafiza und ihr Team sich derzeit noch mit ihrer Doku bei Festivals bewerben. Der Film wird vermutlich Ende des Jahres online zu sehen sein.

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