Es sollte bloß ein Film übers Wettkampf-Kitzeln sein

Aber dann wurde daraus eine Doku über die Kitzel-Fetisch-Film-Mafia. Die absurde Geschichte von „Tickled“.
Von Nadja Schlüter
Screenshot: Trailer "Tickled"

Diese Geschichte ist eigentlich zu absurd, um wahr zu sein. Denn in dieser Geschichte geht es um Lügen und angebliche Lügen, um eine harmlose Recherche, die zu einer gar nicht mehr harmlosen wurde, um Kläger und Angeklagte, um viele kleine Fetisch-Filme und einen großen Dokumentarfilm – und ums Kitzeln.

Die Geschichte fing damit an, dass David Farrier glaubte, ein gutes Thema für eine neue Reportage gefunden zu haben. Farrier, 33, ist ein neuseeländischer TV-Journalist, der gerne über abwegige Alltagsthemen berichtet. Auf Facebook stieß er auf die Anzeige einer amerikanischen Agentur namens Jane O’Brien Media, die um junge, attraktive Männer warb. Für einen guten Lohn, ein Flugticket in die USA und Unterkunft in einem noblen Hotel sollten die nur eines tun müssen: sich kitzeln lassen. Das Ganze wurde als eine Art Wettbewerb dargestellt, als „Competitive Endurance Tickling“: Wer hält es am längsten aus, gekitzelt zu werden?

Außerdem wies die Agentur darauf hin, dass sie keinen „adult content“ produziere, also nichts mit Pornografie oder erotischen Videos zu tun habe. Farrier fand das interessant und bat auf Facebook um ein Interview. Öffentlich, auf der Pinnwand der Agentur. Als Antwort bekam er, man wolle nicht mit einem homosexuellen Journalisten in Verbindung gebracht werden. Diese doch ziemlich feindselige Reaktion brachte Farrier dazu, sich das Ganze genauer anzuschauen. 

Aus seiner Recherche ist der Dokumentarfilm „Tickled“ entstanden, der bereits bei zwei großen US-Filmfestivals gezeigt wurde, unter anderem beim Sundance, jetzt in den USA auch im Kino läuft und eine Menge angetane bis sehr gute Kritiken bekommen hat (zum Beispiel von der New York Times, dem Rolling Stone oder dem Guardian). HBO hat sich die TV-Rechte gesichert. Der Film (den man in Deutschland (noch?) nicht sehen kann) begeistert und erstaunt anscheinend sämtliche Zuschauer.  

Farrier und sein Co-Regisseur Dylan Reeve beschuldigen darin Jane O’Brien Media, junge Männer in Fetisch-Filme hineinzutricksen – weil sie eben doch „adult content“ produzieren, das ihren Protagonisten aber nicht sagen. Die Filmemacher haben für „Tickled“ auch einen Kitzelfetischisten interviewt (der mittlerweile einen Artikel zum Thema im New York Magazine veröffentlicht hat), der ihnen bestätigte: Ja, diese Kitzelei unter Männer ist was Erotisches. Ein bisschen wie Sadomaso, Dominanz und Unterwerfung halt, nur eben mit Killekille statt Schmerzen. Was ja an sich völlig okay und harmlos ist. Doch die Kitzel-Protagonisten, die Jane O’Brien Media mit Geld und Luxushotels geworben hat, wussten davon angeblich nichts.

Wer seine Kitzel-Videos löschen lassen wollte, wurde mit Rufmord bedroht

Farrier und Reeve haben mit einem Mann gesprochen, der in einem O’Brien-Film mitgemacht hat. Außer ihm wollte von den ehemaligen Protagonisten niemand mit ihnen reden, heißt es. Aus Angst. Denn sobald die Jungs rausgefunden hatten, dass ihr Videomaterial online als schwule Kitzel-Pornos verbreitet wurde, und sie darum baten, dass die Videos gelöscht werden, wurden sie von der Agentur mit Rufmord bedroht. Der Mann, der „Tickled“ trotzdem seine Geschichte erzählt hat, ist Profi-Footballer, dessen Karriere durch eine Online-Schmutz-Kampagne in Gefahr geriet – nachdem er sich beschwert hatte, dass sein Video von Jane O’Brien Media ohne sein Einverständnis auf Youtube gepostet wurde.

Josh Drummond, ein Journalist, der anfangs noch zum Recherche-Team um Farrier gehörte, schrieb in einem Beitrag für das Online-Magazin The Spinoff, ihre Gegenspieler bei O’Brien hätten sich sogar Domains mit den Namen von Menschen gesichert, die sich gegen sie gewandt haben, um sie auf diesen Seiten dann zu verunglimpfen. Dazu passt die Tatsache, dass es mittlerweile nicht mehr nur die offizielle Seite des Films, tickledmovie.com, gibt, sondern auch tickledmovie.info. Überschrieben ist sie mit „The truth behind ‚Tickled‘ the documentary“. In den Beiträgen wird Farrier als „world class liar“ bezeichnet, der in seinem Film eine völlig falsche Geschichte erzähle und damit das Leben derer zerstöre, die für Jane O’Brien Media arbeiten. Der Verfasser ist laut Impressum Kevin Clarke, seit sieben Jahren Produzent für Jane O’Brien.

David Farrier wurde von der Agentur schon zwei Mal wegen Verleumdung verklagt, bevor sein Dokumentarfilm überhaupt Premiere feierte. Die Klagen wurden beide abgewiesen. Bei der Filmpremiere auf dem Sundance Filmfestival im Januar in Utah war ein Jane O’Brien-Mitarbeiter im Publikum, grummelte dort die ganze Zeit herum und machte sich sehr viele Notizen, erzählte Farrier dem Online-Film-Magazin IndieWire. Als der Film im März beim True/False Festival in Missouri gezeigt wurde, kamen sogar mehrere Mitarbeiter – und einer wurde beschuldigt, den Film heimlich mitgeschnitten zu haben. Mit einer Kamera, die er in einer Starbucks-Tasse versteckt hatte. In einem Interview mit dem TV-Sender SBS sprach Farrier auch über O'Brien-Mitarbeiter, die extra von New York nach Neuseeland flogen, um ihn persönlich zu konfrontieren (sie tauchen auch in seinem Fim auf): "It’s not just emails and lawyers. It’s people in front of me with money." 

Der Chef von Jane O'Brien hat schon vor Jahren unter Pseudonym um kitzlige junge Männer geworben

Vergangene Woche feierte „Tickled“ seine Kino-Premiere in Los Angeles. Dort tauchte dann plötzlich Kevin Clarke auf (wir erinnern uns: Produzent bei Jane O’Brien und Autor von tickledmovie.info) und stritt im Kino-Foyer mit „Tickled“-Co-Regisseur Dylan Reeve. Unter anderem darüber, dass die Doku seine Kitzel-Filme fälschlicherweise mit Homoerotik in Verbindung bringe. „There’s no touching of genitals in my films!“, so Clarke (der früher selbst Schwulenporno-Regisseur gewesen sein soll). Das Gespräch wurde vom Verleih von „Tickled“, Magnolia Pictures, gefilmt und per Facebook Livestream übertragen. Anschließend gab es ein Q&A zum Film, das ebenfalls gestreamt wurde – und an dem neben Clarke auch David D’Amato teilnahm, Chef von Jane O’Brien. Der wurde laut einem Bericht des Guardian 2001 schon mal wegen Betrugs verklagt, weil er auf der Suche nach kitzligen jungen Männern an mehreren US-Universitäten unter Pseudonym zahlreiche Mails an Studenten verschickt hatte. Damals wurde sogar seine Wohnung vom FBI durchsucht. Clarke und D’Amato störten die Q&A-Veranstaltung und D’Amato drohte anschließend wieder mit rechtlichen Konsequenzen.

Die Facebook-Seite von Jane O’Brien Media ist mittlerweile nicht mehr erreichbar – vergangene Woche war sie das noch, inklusive „Junge Männer zum Kitzeln gesucht“-Anzeige. Jetzt findet man nur noch die Homepage mit ihrem absurden Intro-Video, das ebenfalls um kitzlige junge Männer wirbt.

 

In den kommenden Wochen wird „Tickled“ noch in mehr als 50 weiteren US-Kinos starten. Auf David Farriers Facebook-Seite kann man sich über die laufenden (und auch über die vergangenen) Ereignisse informieren. Leider haben wir auf unsere Anfrage, ob er zu einem Interview bereit ist, noch keine Rückmeldung bekommen. Vermutlich ist er sehr beschäftigt. Der ganze Irrsinn rund um seinen Film hat ihn jedenfalls sehr berühmt gemacht, berühmter als jede stinknormale Werbe-Kampagne das könnte. Darum bleibt immer auch der Verdacht, dass das alles eine riesiger PR-Gag ist. Denn wie gesagt: Die Geschichte ist eigentlich zu absurd, um wahr zu sein. Vor allem, weil man am Ende immer wieder daran denken muss, dass es bei all dem eigentlich ums Kitzeln geht. Um Killekille und hihihihi.

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