Wird Koks wirklich mit Rattengift gestreckt?

Ein Toxikologe des Bundeskriminalamts räumt mit den Gerüchten um Streckmittel in Drogen auf.
Von Kathrin Hollmer

Streckmittel in Drogen, darüber hat jeder ein bisschen Halbwissen – von „Voll gefährlich, manchmal ist Rattengift im Kokain“ bis hin zu „Hihi, wenn mit Laktose gestreckt wird, müssen Intolerante vom Koks pupsen“ hat man schon alles gehört. Aber was ist wirklich drin in – zum Beispiel – Kokain? Gibt es Streckmittel-Trends? Welche sind gefährlich, welche harmlos? Dr. Björn Ahrens kann diese Fragen beantworten: Er arbeitet seit 13 Jahren als Chemiker im Bereich Toxikologie im Bundeskriminalamt, in dem Wissenschaftler unter anderem sichergestellte Betäubungsmittel analysieren.

jetzt: Herr Ahrens, kann man Kokain theoretisch mit jedem weißen Pulver strecken? Ahrens: Theoretisch ja, aber es würde schnell auffallen. Wenn man Kokain beispielsweise nur mit Zucker streckt, schmeckt es plötzlich süßlich und nicht mehr bitter. Außerdem wirkt Kokain lokal betäubend. Das ist auch der Grund, warum man es, wie manchmal im Fernsehen gezeigt wird, am Zungentest erkennt: Probiert man mit dem Finger etwas Kokain, macht es die Zunge taub. Ist die Droge zu sehr gestreckt, passiert das nicht mehr.  

Das mit der Zunge ist also nicht nur Wichtigtuerei?

Das funktioniert wirklich, allerdings nur bei Kokain. Im Fernsehen wird das auch bei anderen Drogen wie etwa Heroin praktiziert, ist aber tatsächlich nicht möglich.

Warum ermitteln Sie den Wirkstoff- und Streckmittelanteil in sichergestellten Drogen?

Wenn die Wirkstoffmengen illegaler Betäubungsmittel über bestimmten Grenzwerten, der sogenannten „nicht geringen Menge“, liegen, gehen die Gerichte davon aus, dass nicht nur ein Konsumdelikt, sondern ein Handel mit Betäubungsmitteln vorliegt. Grundsätzlich gilt: je weiter unten in der Handelsstruktur, je mehr Straftäter also daran verdienen wollen, desto höher ist der gestreckte Anteil. Auf Konsumentenebene finden wir selten reinen Stoff.

Gestreckt wird also, um den Gewinn zu maximieren, oder?

Genau, und wenn man die Substanzen verdünnt, soll dennoch Qualität vorgetäuscht werden.

Wie macht man das?

Zum Beispiel durch Lidcocain, ein synthetisches Kokain, das häufig zur lokalen Betäubung verwendet wird. Die betäubende Wirkung ist sicher der Hauptgrund, warum es zugesetzt wird. Man kann damit eine stärkere Dosierung vortäuschen, weil es leicht bitter schmeckt. Rauschwirksam ist es aber nicht.

Welche Arten von Streckmitteln unterscheiden Sie?

Wir unterscheiden zwischen pharmakologisch unwirksamen Verschnittstoffen und pharmakologisch wirksamen Zusätzen. Mit den unwirksamen Verschnittstoffen vergrößern die Dealer die Menge. Meist verwenden sie dafür verschiedene Zuckerarten oder Kreatin, ein Eiweißpräparat, das auch Leistungssportler gerne nehmen. Beim Kokain sind die wirksamen Zusätze in der Regel synthetische Kokaine: Lokal-Anästhetika wie eben Lidocain oder Procain. Wir finden in Kokain aber auch Schmerzmittel wie Phenacetin, selten auch Paracetamol oder Aufputschmittel wie Coffein.

Mehr Informationen zu den einzelnen Streckmitteln findest du am Ende des Interviews. *

Illustration: Katharina Bitzl

Gibt es bei Streckmitteln bestimmte Trends?

Grundsätzlich sind die Zusätze stabil – was sich bewährt, wird so lange wie möglich beibehalten. Heroin wird seit mehr als 30 Jahren vor allem mit Paracetamol und Coffein gestreckt. Kokain wird schon seit bald 40 Jahren mit Lidocain gestreckt. Seit etwa fünf Jahren stellen wir in mehr als der Hälfte der Kokainzubereitungen Levamisol fest, ein Entwurmungsmittel, dem nachgesagt wird, dass es eine bessere Kokainqualität vortäuschen kann.

 

Weil es auch die Zunge betäubt?

Das nicht. Aber wenn man mehr davon zu sich nimmt, erhöht es den Blutdruck, wirkt also aufputschend, das erweckt den Eindruck von besonders wirksamem Kokain. Bei den nicht wirksamen Substanzen ist Zucker das gängigste Verschnittmittel, allen voran Laktose, aber auch Glucose und Dextrose.

 

Gibt es regionale Unterschiede bei Streckmitteln?

Nein, das bestätigen unsere Untersuchungen nicht.

 

Wird heute insgesamt mehr gestreckt als früher?

Nein, das wird schon immer gemacht. Zum Teil, um die Drogenmenge zu erhöhen, aber auch um die Droge überhaupt erst konsumfähig zu machen – bei der Aufnahme von ungestrecktem Heroin besteht zum Beispiel schon beim Erstkonsum die Gefahr der tödlichen Überdosierung.

Welche Streckmittel sind besonders gefährlich?

Entscheidend ist: Die schädigende Wirkung kommt von der Droge selbst.

 

Aber Lidocain kann zum Beispiel Herzrhythmusstörungen, Krämpfe, Atemnot, Atemstillstand auslösen . . .

Bei Überdosierung, ja, aber diese Wirkungen hat das Kokain auch.

 

Bevor das Streckmittel gefährlich wird, wird also das Kokain gefährlich?

Genau. Der Missbrauch der eigentlichen Rauschdroge erzeugt Nebenwirkungen. Wenn behauptet wird, dass Streckmittel die Ursache für die Drogentoten sind, kann ich das nicht bestätigen. Die Ursachen liegen in den Betäubungsmitteln an sich, nur in Ausnahmefällen in den Streckmitteln.

 

Man hört auch immer wieder von Kokain, das mit Strychnin versetzt ist, das auch als Rattengift benutzt wird.

Mir ist nur ein Fall bekannt, in dem tatsächlich Strychnin enthalten war, allerdings in Heroin.

 

Wie beurteilen Sie die Darstellung von Drogen in Fernsehserien, wie "Breaking Bad"?

Wirkungsweisen von Drogen in Serien sind heute meistens sehr gut recherchiert. Manches ist aber auch unrealistisch.

 

Zum Beispiel?

Wie schnell sichergestellte Drogen analysiert werden: Der Ablauf von der Sicherstellung über die Analyse bis zur Übermittlung des Befundes ist sehr verkürzt dargestellt. Das dauert in der Realität wesentlich länger.

 

 

* Zusätze, die 2014 in Deutschland in sichergestelltem Kokain gefunden wurden

 

Pharmakologisch wirksame Zusätze:

 

Levamisol: Mittel gegen Fadenwürmer, zu den Nebenwirkungen gehören Atemnot und Lungenödeme.

Phenacetin: Fiebersenkendes Schmerzmittel. Wegen seiner leicht euphorisierenden Wirkung (vor allem in Verbindung mit Coffein) soll es teils auch schon zur Leistungssteigerung verwendet worden sein. In Deutschland gelten Rezepturen mit Phenacetin als bedenklich, Herstellung und Abgabe sind wegen der gesundheitsschädlichen, insbesondere nierenschädigenden Wirkung in Kombination mit anderen Schmerzmedikamenten verboten. 

Lidocain: Örtliches Betäubungsmittel. Zu den Nebenwirkungen gehören Unruhe, Krampfanfälle und Herzrhythmusstörungen.

Coffein: In reiner Form ein weißes Pulver mit leicht bitterem Geschmack, vor allem bekannt als anregend wirkender Bestandteil von Getränken wie Kaffee, Mate-Tee oder Cola. Coffein gilt als weltweit am häufigsten konsumierte pharmakologisch aktive Substanz.

Hydroxyzin: Arzneimittel zur Angstlösung bei psychischen und körperlichen Erkrankungen, wird u.a. eingesetzt bei Spannungszuständen und Schlafstörungen. Zu den Nebenwirkungen gehören Unruhe, Schwindel, Verwirrtheit, Halluzinationen und Krampfanfälle.

Diltiazem: Arzneistoff, der bei einer Erkrankung der Herzkranzgefäße, bei bestimmten Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck und Schwindel verabreicht wird. Zu den Nebenwirkungen gehören Schlaflosigkeit, depressive Verstimmungen und Halluzinationen. 

Procain: Lokalanästhetikum, das vor allem in der Zahnmedizin eingesetzt wird. Zu den Nebenwirkungen gehören Herzrhythmusveränderungen, bei hohen Dosen Blutdruckabfall, Krämpfe, Atem- und Herzstillstand.

 

Pharmakologisch unwirksame Verschnittstoffe:

 

Lactose: Milchzucker

Mannit: Zuckeralkohol

Glucose: Traubenzucker

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